Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann

Prof. Sauerbruch (Ulrich Noethen, l.), Otto Marquardt (Jannik Schümann, M.) und Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Pierre Kiwitt, r.) im Hörsaal der Charité.
Szene aus einer Folge: Prof. Sauerbruch, Otto Marquardt und Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Hörsaal der Charité. | Bild: ARD / Julie Vrabelova

»Viele werden sich fragen, warum eine so erfolgreiche Serie wie "Charité" in ihrer zweiten Staffel zeitlich nicht an die erste anknüpft. Das war von vornherein so geplant. Das Ensemble der Kaiserzeit hat sich schließlich in alle Winde zerstreut: Ida in die Schweiz zum Medizinstudium, Robert Koch auf Reisen, Emil Behring nach Marburg und Paul Ehrlich nach Frankfurt. Und wir hatten von Anfang an die Idee, dass der rote Faden der Serie nicht einzelne Figuren sind, sondern der besondere Spirit dieses Krankenhauses, das in seiner 300-jährigen Historie eine Unzahl von spannenden Geschichten gesehen hat.

Doch warum ein Zeitsprung ausgerechnet ins Dritte Reich? Gibt es überhaupt noch Neues über diese Epoche im Fernsehen zu erzählen? Wir sind überzeugt, dass der Alltag der Medizin während des Nationalsozialismus einem breiten Publikum unbekannt ist. Man muss keine Gräuel darstellen, um zu verdeutlichen, wie sich eine menschenverachtende Ideologie schleichend in den Köpfen und Herzen von Medizinern ausbreiten kann, die sich eigentlich dem hippokratischen Eid verpflichtet fühlen sollten. Das Ideal der Volksgesundheit zählte allein, der Einzelne galt nichts. Von der Medizin wurde nichts weniger verlangt, als das Heranzüchten arischer und erbgesunder Volksgenossen, die leistungsfähig, zeugungs- und gebärfreudig und voll wehrfähig sein sollten. Dass Patienten nicht mehr darauf vertrauen konnten, dass alle Ärzte ihr Bestes wollten, erscheint uns heute wie ein böser Traum.

Für den Zeitsprung in diese Epoche spricht auch ein so charismatischer und ambivalenter Charakter wie der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der Bahnbrechendes für sein Fachgeleistet hat. Wurde er in den 50er-Jahren nach der Verfilmung seiner Biografie "Das war mein Leben" noch unkritisch als Halbgott in Weiß verklärt, so verkehrte sich die Rezeption seiner Person danach ins Gegenteil. Aufgrund seiner Verstrickungen mit dem Regime wurde er als "Nazi-Arzt" eingeordnet. Beides trifft es nicht wirklich.

Wir haben bei unseren Recherchen Quellen gefunden, die bisher historisch nicht gewürdigt wurden, wie zum Beispiel das Kliniktagebuch von Sauerbruchs Oberarzt Prof. Adolphe Jung, einem zwangsverpflichteten Chirurgen aus dem Elsass. Diese Quellen werfen ein neues Licht auf den zerrissenen und zwiespältigen Charakter Sauerbruchs. Genau wie alle anderen Figuren dieser Staffel kann er den Widerspruch zwischen medizinischem Ethos und ideologischen Zumutungen immer weniger aushalten. Diesen existenziellen Prüfungen müssen sich alle historisch verbürgten und fiktionalen Figuren des Ensembles stellen und sich zwischen Anpassung und Auflehnung entscheiden.

Als die Rote Armee näher rückt, versuchen die verzweifelten Ärzte, in Kellern und Bunkern weiterhin Leben zu retten, während über ihnen der Endkampf tobt und das ehemals so stolze Klinikum zu einer Ruinenlandschaft zusammengeschossen wird. Die Zeit für zwischenmenschliche Abrechnungen ist gekommen, noch bevor endlich die Waffen schweigen.«

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