Gespräch mit den Machern

Martin Eigler und Sönke Lars Neuwöhner

Manuel Rubey, Kameramann Andreas Schäfauer, Regisseur Martin Eigler, Carolina Vera und Felix Klare (v.l.n.r.)
Manuel Rubey, Kameramann Andreas Schäfauer, Regisseur Martin Eigler, Carolina Vera und Felix Klare (v.l.n.r.) | Bild: SWR / Alexander Kluge

In "Der Mann, der lügt" haben Sie eine spezielle Perspektive gewählt, die eines Verdächtigen, der zuerst nur befragt wird und sich durch Ausreden immer tiefer verstrickt und verdächtig macht. Was hat Sie zu dem Perspektivwechsel motiviert?

SÖNKE LARS NEUWÖHNER Wir trugen uns schon länger mit der Idee, einen sozusagen umgekehrten Tatort zu erzählen. Der Tatort als Vexierspiel: Über einen Menschen, der ein scheinbar normales Leben führt und mit dem man sich identifizieren kann, bricht plötzlich die Katastrophe herein – und diese Katastrophe sind in diesem Fall unsere bekannten und beliebten Kommissare. Sie befragen ihn, sie umschleichen ihn, sie misstrauen ihm. Uns hat interessiert, wie sich der Blick auf die uns vertrauten Kommissare verändert, wenn sie als Antagonisten erscheinen. Wie es sich anfühlt, wenn alles, was man sagt, unter dem Vorbehalt der Lüge steht und gegen einen ausgelegt werden kann. Wir wollten das Gesicht der Lüge erforschen.

Die ZuschauerInnen erleben die Verunsicherung, die es bedeutet, wenn jedes Wort, das man sagt, als potentielle Lüge gesehen wird. Löst das die Identifikation mit dem Verdächtigen aus? Basiert das Funktionieren unseres Alltagslebens darauf, dass wir davon ausgehen, dass unser Gegenüber uns nicht anlügt?

MARTIN EIGLER Unser Alltag ist davon bestimmt, dass wir bestimmte soziale Verhaltensweisen voraussetzen und dazu gehört, dass wir erstmal annehmen, dass wir nicht angelogen werden. Aber bei der Verbrechensaufklärung müssen die Ermittler davon ausgehen, dass gelogen wird. Spannend bei der anderen Perspektive und damit auch auf eigenartige Weise identifikationsfördernd ist die Tatsache, dass man miterlebt, wie wahnsinnig schwierig es ist, zu lügen. Gut zu lügen ist eine Kunst – und erfordert vom Lügner große Konzentration und enorme Gedächtnisleistungen. Je mehr Lügen aufgetürmt werden, desto instabiler wird das Kartenhaus, weil der Ablgeich mit der Realität durch die Polizei an immer mehr Punkten vorgenommen werden kann.

Die Perspektive bedeutet natürlich, dass wir nicht an der Hand der Kommissare durch den Film gehen. Wie verändert sich damit der Blick auf die beiden Ermittler?

ME Da wir aus der Perspektive des Verdächtigen erzählen, wird das Auftauchen der Ermittler als bedrohlich und beunruhigend wahrgenommen. Aber gleichzeitig wissen wir aus über 20 Filmen: Lannert und Bootz sind die Guten. Daraus entsteht hoffentlich ein interessantes Spannungsverhältnis.

SLN Sicher wirken die Kommissare durch den Perspektivwechsel härter und sogar feindlicher. Denn sie müssen eine Nuss knacken, und die Nuss ist man selbst (sofern man sich mit dem Beschuldigten identifiziert). Besonders deutlich wird das in den Vernehmungs- und Verhörsituationen, die deshalb auch die zentralen Angelpunkte des Films sind. Hier zeigt sich, wie Lannert und Bootz ringen und arbeiten und nicht aufgeben, hier zeigen sie sich als Profis.

Es gibt keine Erklärdialoge zwischen Kommissaren in dem Film, das Bild der Vorkommnisse setzt sich auch nicht aus den Begegnungen mit unterschiedlichen Verdächtigen zusammen, nur am Rande bekommen wir mit, dass auch weitere Untersuchungen stattfinden. Wie haben Sie die Informationsvergabe gesteuert? Und gleichzeitig in der Schwebe gehalten, ob Gregorowicz der Täter ist oder nicht? Was waren dabei die Anforderungen an die Musik?

SLN Die Arbeit am Drehbuch war ziemlich anspruchsvoll, da wir erstens natürlich wissen müssen, was wirklich passiert ist, zweitens die mitunter falschen Wege der Kommissare nachvollziehbar zu erzählen haben, und drittens die diversen Lügen des Herrn Gregorowicz so plausibel wie möglich konstruieren müssen. Mehr als einmal fanden wir uns beim Entwickeln des Stoffes in Gespinste verstrickt – und somit in derselben Lage wie der undurchsichtige Herr Gregorowicz. Zentral bei der Informationsverteilung sind die Verhörszenen, denen wir besonders viel Raum gaben.

ME Die Musik von der Band SEA + AIR haben wir über weite Strecken nicht im klassischen Sinn dramaturgisch eingesetzt, sondern eher versucht, die Gefühlswelt des Verdächtigen zu umschreiben – eben um keine "Bewertung" von außen vorzunehmen. Erst bei der Zuspitzung gegen Ende wird die Musik dramaturgisch unterstützend.

Von Befragung zu Befragung zu Verhör zieht sich die Schlinge um Jakob Gregorowicz immer mehr zu. Was war beim Inszenieren die Schwierigkeit daran, was die Strategie? Und inwieweit haben Erkenntnisse über die realen Verhörmethoden der Polizei dabei eine Rolle gespielt.

ME Wir haben versucht, reale Vernehmungsmethoden abzubilden. Um das zu erreichen, haben wir in der entsprechenden Literatur recherchiert und sind mit einem Fachberater von der Polizei das Drehbuch durchgegangen. Besonders reizvoll waren für uns die Momente, in denen eine kleine Lüge, die nicht ganz zu den sonstigen Aussagen passt, von den Kommissaren ausgehebelt wird, und es ihnen so möglich wird, tiefer vorzudringen und der Wahrheit näher zu kommen.

SLN Was bei der Beschäftigung mit realen Verhörsituationen fasziniert, ist, wie unspektakulär, höflich und präzise der Verdächtige befragt oder der Beschuldigte auseinandergenommen wird. Das geht mit winzigen Schritten voran, begleitet von kaum durchschaubaren Strategien, zu denen es eher selten gehört, auf den Tisch zu schlagen und zu fordern: Gestehen Sie endlich!

Was waren beim Drehen die besonderen Herausforderungen für die Schauspieler? In erster Linie natürlich für Manuel Rubey. Und damit zusammenhängend auch für den Regisseur?

ME Für Manuel, der den Verdächtigen gespielt hat, war es natürlich die größte Herausforderung, glaubhaft zu lügen. Und für die Inszenierung stellte sich natürlich auch die Frage: Wie lügt man im Schauspiel richtig? Wie können wir die Balance halten: Wenn das Lügen zu deutlich wird, würde jeder Kommissar sagen – halt, stopp, das stimmt doch nicht. Ist das "Lügen" zu unauffällig, findet das »Lügen« im Spiel nicht statt, wäre es nicht zu durchschauen, dann wäre es reizlos, sich mit den Kommissaren auf die Spuren der Lüge zu begeben. Die genaue Dosierung der Lüge in Mimik und Sprache zu finden und für jede Szene zu gestalten, war sicherlich für Manuel und damit auch für mich besonders reizvoll. Manuels Begabung ist es, sehr durchlässig agieren zu können, ohne dass er sich offenbart.

Lannert und Bootz sind seit 10 Jahren im Tatort-Einsatz, "Der Mann, der lügt" ist für Euch jeweils der dritte Film als Autor oder ⁄und Regisseur mit diesem Team. Wie sehen Sie die beiden Figuren? Und gibt es etwas, das für Sie den Tatort aus Stuttgart ausmacht?

SLN Lannert und Bootz sind nicht nur Profi-Cops, sondern auch zwei Buddies alter Schule, von denen man sich gerne mal verhaften lässt.

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