Interview mit den Schauspielern Sabine Postel und Oliver Mommsen

"Jedes einzelne Schicksal geht unter die Haut"

Sabine Postel und Oliver Mommsen in ihren Rollen als Hauptkommissare Inga Lürsen und Stedefreund. (v.l.: Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen))
Sabine Postel und Oliver Mommsen in ihren Rollen als Hauptkommissare Inga Lürsen und Stedefreund. | Bild: Radio Bremen / Christine Schröder

Frau Postel, Herr Mommsen, im Tatort "Im toten Winkel" sind die Bremer Kommissare Inga Lürsen und Stedefreund mit einem Mordfall in der häuslichen Krankenpflege konfrontiert, der gesellschaftlich-politische Fragen aufwirft. Wie haben Sie reagiert, als sie das Drehbuch zum ersten Mal gelesen haben?

Oliver Mommsen: Ich hatte beim ersten Lesen etwas Angst, dass der Film zu kopflastig werden könnte. Erst beim zweiten Mal merkte ich, was für Schicksale sich da abspielen. Ich finde, besser kann man einen von zwei Tatorten, die man im Jahr hat, nicht nutzen. Ein gesellschaftliches Anliegen über Figuren zu transportieren, mit denen man mitfühlt.Vor kurzem habe ich den fast fertigen Film gesehen und war platt! Jedes einzelne Schicksal geht unter die Haut und man will sich nicht vorstellen, wie die Wirklichkeit aussieht.

Sabine Postel: Ich war sehr berührt und positiv angetan davon, dass diese Thematik ihren Platz im Tatort findet. Wir alle sind früher oder später vom Thema "Pflege" betroffen. Leider gibt es in Deutschland, wie auch im Film dargestellt, unglaubliche Missstände, die es – nicht zuletzt durch neue Gesetzgebung – dringend zu beseitigen gilt. Nur, wenn die Berufe im Pflegebereich sozial und finanziell deutlich aufgewertet und ausreichende Stellen für diese verantwortungsvolle Arbeit geschaffen werden, hat unsere Gesellschaft die Chance, inWürde und Respekt zu altern. Leider zeigt der Film, wie die Situation in Deutschland vielerorts tatsächlich ist – es ist in meinen Augen eine wichtige Aufgabe des Staates, durch entsprechende Gesetze und engmaschige Kontrollen diese fatalen Zustände zu verbessern.

Das Thema Pflege bringen die meisten Menschen mit steigendem Alter in Verbindung, obwohl es in jeder Lebenslage und in jedem Alter relevant sein kann. Haben Sie sich mit dem Thema vor diesem Tatort eingehender beschäftigt?

Oliver Mommsen: Nein. Dieser Tatort gehört wieder zu denen, die mir selber die Augen geöffnet haben. Der Mensch ist nichts mehr wert, wenn er nicht mehr funktioniert. Alt werden in Deutschland kann ganz schön scheiße sein.

Sabine Postel: Ja – gezwungenermaßen, durch einen Pflegefall in der Familie.

Für Hauptkommissarin Inga Lürsen ist die Sache klar: Sie möchte niemandem zur Last fallen und hat deshalb ein "sozialverträgliches Frühableben" für sich beschlossen. Sie schließt eine Selbsttötung nicht aus.Wie stehen Sie, Frau Postel, zu dieser Haltung?

Sabine Postel: Ich halte es für essentiell wichtig, eine Patientenverfügung zu haben, die im Falle einer schweren Erkrankung klar ausschließt, dass ich allein durch Gerätemedizin am Leben gehalten werde. Selbsttötung ist für mich persönlich kein Thema – ich kann aber akzeptieren, wenn Menschen in ausweglosen Situationen sich dafür entscheiden.

Hauptkommissar Stedefreund macht sich kaum Gedanken. Um seine pflegebedürftigen Angehörigen kümmert sich seine Schwester und dass er selbst ein Pflegefall sein könnte, blendet er aus. Herr Mommsen inwieweit macht für Sie privat das Altwerden und womöglich ein Pflegefall zu werden, heute schon Sorgen?

Oliver Mommsen: Ich wurde schon sehr früh mit Tod und Abschied konfrontiert und habe gelernt loszulassen. Ich weiß, dass das Leben endlich ist und habe ja den naiven Wunsch, dass niemand leiden muss und dass man einfach friedlich einschlafen darf.

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