Gespräch mit Alma Leiberg

(Clara Fischer)

»Manisch Liebeskranke fixieren sich auf bestimmte Personen und empfangen Signale von ihnen.«

Kommissar Bukow und Clara Fischer
Kommissar Bukow merkt, dass bei Clara Fischer irgendetwas nicht stimmt. | Bild: NDR / Christine Schröder

Nach zahlreichen Rollen in anderen Krimi-Reihen sind Sie erstmals beim Rostocker "Polizeiruf 110" dabei, als die junge Ärztin Clara Fischer. Was war für Sie das Besondere an dieser Arbeit und dieser Rolle?

Zum einen habe ich mich gefreut, wieder mit Thomas Stiller drehen zu können, mit dem ich schon bei einem "Tatort" zusammengearbeitet habe. Und zum anderen, weil ich den Rostocker "Polizeiruf" einen der besten finde. Meine Figur, Clara Fischer, hat mich von Anfang an fasziniert, weil sie so still und kompetent ist, aber trotzdem enorme Abgründe hat. Zunächst war sie mir sehr fremd, aber je mehr ich mich mit ihr beschäftigt habe, desto mehr verstand ich sie.

Clara Fischer ist eine ungewöhnliche Figur. Erforderte das auch eine ungewöhnliche Herangehensweise?

Die besondere Herausforderung einer Episodenrolle in einem Format wie dem "Polizeiruf" oder dem "Tatort" besteht immer darin, dass die Figuren recht kleine Stränge haben, dass man sie in dem engen Zeitrahmen nicht komplett erzählen, sondern immer nur anreißen kann. Umso mehr muss ich mir diese Figur als Schauspielerin natürlich aufbauen. Ich muss mir ihren Hintergrund erarbeiten, um in den Momenten, in denen sie auftritt, diese Figur als vielschichtigen Menschen transportieren zu können. Ich habe mich intensiv mit dem Thema Liebeswahn beschäftigt, viel gelesen und mir Filme dazu angesehen. Aber so wichtig es auch ist, solches Wissen anzusammeln, letztlich ist es doch immer ein individueller Prozess, wie ich mir eine Rolle erarbeite und aufbaue. Sie muss am Ende für mich emotional stimmen, und ob das dann hundertprozentig realistisch ist, ist eigentlich eher zweitrangig für mich.

Was ist denn typisch für das Krankheitsbild manischer Liebeswahn?

Manisch Liebeskranke fixieren sich auf bestimmte Personen und empfangen Signale von ihnen. Diese Signale, die ein anderer vielleicht unbewusst oder ohne jeden tieferen Hintersinn aussendet, werden von den Kranken dann mit Bedeutung aufgeladen, bis sich in ihrer Welt ein absolut stimmiges Bild ergibt. Sie verirren sich in einer Fantasie und glauben felsenfest, dass das, was in ihrer Vorstellung passiert, real ist.

Bei ihren Begegnungen mit Männern wirkt die Ärztin auffallend passiv, sie unternimmt selbst keine aktiven Schritte. Ist auch das typisch?

Ja, diese Kranken sind oft nicht in der Lage, eine normale Beziehung einzugehen oder in eine normale Interaktion zu treten. Das halten sie gar nicht aus. Das ist das Tragische daran: dass sie sich niemals trauen würden, wirklich auf den anderen zuzugehen. Die Figur schlüpft in ihrer Vorstellung in eine andere Rolle, flüchtet sich in eine ausgedachte Identität, die sie im echten Leben niemals ausfüllen könnte, aus welchen Gründen auch immer.

Auf Menschen, die diese Fantasie gefährden, reagiert Clara Fischer dann allerdings auffallend massiv …

Ja, alles, was nicht dem Bild entspricht, das sie sich macht, möchte sie ausschalten. Sie macht es sich zur Aufgabe, den Menschen, den sie liebt, zu beschützen, und die zu bestrafen, die sich in ihren Augen unangemessen ihm gegenüber verhalten oder die ihre Fantasie-Realität bedrohen könnten. Menschen, die an manischem Liebeswahn leiden, werden ihrer Umwelt gegenüber allerdings nicht zwingend aggressiv. Unser Beispiel ist schon ein ganz besonderer Fall.

Auch dem Objekt ihrer Begierde begegnet Clara dann ja irgendwann nicht mehr mit Liebe, sondern mit Hass und dem Wunsch nach Bestrafung. Wie kommt es zu diesem Umschlag der Gefühle?

Sie hat sich selbst aufgewertet in ihrer Fantasie. Sie stellt den anderen auf ein Podest, und die Vorstellung, in Liebe mit dieser Person verbunden zu sein, hat sie selbst erhöht. In dem Moment, wo diese Person aber ganz klar Widerstand leistet und die Erwartungen enttäuscht, fühlt sie sich entsprechend entwertet und schlägt um sich.

Und wie war es, diese dunkle Seite der Figur zu spielen?

Für mich als Schauspielerin war das absolut großartig; nach so etwas leckt man sich die Finger. Es macht immer Spaß, eine vielschichtige Figur zu spielen. Diese Aggressivität steckt auch irgendwie die ganze Zeit schon in der Figur und lauert geradezu darauf, sich zeigen zu können. Für mich war es so, als würde Clara Fischer es provozieren, enttäuscht und entwertet zu werden, damit sie aus dem Gefängnis ausbrechen kann, das sie sich auf eine Art selbst gebaut hat. Das ist wie ein Befreiungsschlag: Ich bin nicht schuld an meinem verkorksten Leben, sondern die anderen, und wenn ich sie bestrafe, dann wird alles besser. Das ist ihre Vorstellung dabei. Nur dass es eben nicht besser wird.

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