Gespräch mit den Machern

Walter Böcker (Hans-Jochen Wagner)
Unsere wunderbaren Jahre | Bild: WDR/UFA Fiction / Willi Weber

»Möchte nicht jeder seine Träume leben?«

Ein Gespräch mit dem Regisseur Elmar Fischer, dem Romanautor Peter Prange, dem Produzenten Benjamin Benedict (UFA Fiction) und der Redakteurin Caren Toennissen (WDR)

Der Dreiteiler "Unsere wunderbaren Jahre" umfasst die Zeit von 1948 bis 1954. Was war das Wunderbare an diesen Jahren? Wie ist der anspielungsreiche Titel in Bezug auf die erzählte Geschichte zu verstehen?

Peter Prange: Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Schutt und Asche. Kein Mensch konnte damals ahnen, dass es in nur zwei Generationen gelingen würde, aus den Trümmern des größten Schurkenstaats aller Zeiten, Nazi-Deutschland, ein ganz anderes, besseres Land entstehen zu lassen, ein Land, das bei aller Unvollkommenheit heute als eines der lebenswertesten Länder weltweit gilt. Von den Aufbaujahren dieses Wunders – und den Menschen, die es vollbrachten – handelt mein Roman. Eine Zeit beispiellosen Aufschwungs, hin zu einem Gemeinwesen, das geprägt ist von Frieden, Freiheit und stetig wachsendem Wohlstand. Doch mein Roman hat auch noch einen Untertitel – "Ein deutsches Märchen". Darin klingt an, dass die Zeit des Wirtschaftswunders eine braune, oft sogar dunkelbraune Grundierung hatte, die immer wieder durch die pastellfarbene Oberfläche brach.

Was hat Sie an dem Stoff von Peter Pranges Roman besonders gereizt? Warum wollten Sie diese Geschichte unbedingt verfilmen?

Benjamin Benedict: Peter Prange stellte uns vor fünf Jahren eine erzählerische Idee vor, lange bevor sie zu seinem wunderbaren Roman wurde. Ausgehend von der Einführung der D-Mark die (Wirtschafts-)Geschichte unseres Landes zu erzählen. Im Juni 1948 zur Einführung der D-Mark bekam jeder 40 Mark. Und daraus erwuchs eine Verantwortung und Notwendigkeit, sein eigenes Leben zu bestimmen und die persönliche Zukunft in einem zerstörten Land zu entwickeln: Wofür setze ich mein Geld ein, was sind meine Träume, was erhoffe ich mir von einem neuen, erfüllten Leben? Die Erzählung folgt sechs jungen Menschen bei ihrem Weg durch das beginnende Wirtschaftswunder. Alle haben sie den Krieg überlebt und beginnen trotz der Wunden der Vergangenheit ein neues Leben. In dieser Idee haben wir sofort das Potenzial für einen großen Mehrteiler über die Anfänge der Bundesrepublik und das Psychogramm einer Generation gesehen. Wir sind sehr glücklich, dass wir nach Jahren der Entwicklung in bester Partnerschaft mit dem WDR und der ARD Degeto mit einem großartigen Team vor und hinter der Kamera nun von den ‚wunderbaren Jahren‘ erzählen dürfen: von Anfang, Aufbruch und den Dämonen der Vergangenheit und davon, wie dieses Land wurde, was es ist.

Im Roman sind Fakten und Fiktion kunstvoll ineinander gewoben. Was an der erzählten Geschichte ist real und was erfunden? Gibt es Vorbilder für die Figuren und Konstellationen?

Peter Prange: Fakt sind die historischen Realitäten, von der Währungsreform über die Gründung der BRD und DDR bis hin zu den höchst unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Entwicklungen innerhalb der beiden deutschen Staaten. Das alles habe ich mit Hilfe von Zeithistorikern sehr sorgfältig recherchiert – die Geschichte spielt ja nicht in Fantasieland, sondern in dem Land, in dem wir heute leben. Doch die äußerlichen Fakten sind nur das eine, mindestens genauso wichtig ist das innere Erleben, das Denken und Fühlen, das Hoffen und Bangen und Sehnen der Menschen, die in die historischen Geschehnisse verwickelt sind und diese zugleich mitgestalten. Da ist es natürlich von Vorteil, dass mein Roman in meiner Heimatstadt spielt. In Altena wurden nicht nur die Rohlinge der D-Mark produziert, weshalb die Geschichte hier ihren gleichsam natürlichen Ort hat, hier sind mir auch die Menschen so vertraut wie nirgendwo sonst. Als Sohn von "Betten-Prange" habe ich seit meiner Kindheit zahllose Altenaer Haushalte mit Bettwaren beliefert, bin buchstäblich bis in die Schlafzimmer der Menschen vorgedrungen. Hinzu kommt, dass nicht wenige Figuren des Romans Mitgliedern meiner eigenen Familie nachgebildet sind. Insofern ist alles, was in der Geschichte passiert, durchtränkt und beglaubigt vom wirklichen Leben.

Im Mittelpunkt des Films stehen drei Geschwister. Der Film entwickelt sich entlang ihrer Geschichte und parallelisiert die Lebenswege dieser jungen Frauen. Was ist das besondere Potenzial einer solchen Perspektivierung gerade in einer Zeit wie den 50er Jahren, die eher von Männern dominiert war?

Caren Toennissen: Was mich an der Romanvorlage von Peter Prange und schließlich auch bei der Entwicklung der Drehbücher immer wieder sehr berührt hat, war das Streben der drei Schwestern und ihrer Männer nach Licht und Leben. Aus einer extrem traumatisierenden und schweren Zeit kommend und auf unterschiedlichste Weise davon nachhaltig beeindruckt, gab es eine Form von Lebenshunger, Aufbruchsstimmung und auch immenser Kraft, die ich heute – 75 Jahre später – oftmals in unserer Generation vermisse. Unsere Konsum- und Leistungsgesellschaft, der westliche Kapitalismus, diese Zeit der rasanten Digitalisierung in einem Land der "unendlichen" Möglichkeiten, erschwert vielleicht auch die Freude an den kleinen, wahren Dingen des Lebens. Wir sind schon auch zu Getriebenen geworden, zu fremdbestimmten Wesen, die viel Kraft und Energie dafür aufbringen müssen, sich in einer atemlosen, extrem medialen Zeit, von der breiten Masse abzusetzen um überhaupt "gesehen" zu werden. Nebenwirkungen inklusive! Unsere Schwestern kommen aus einer ebenfalls fremdbestimmten Zeit und landen 1948 nun in einer Phase der kurzfristigen Nachkriegsstille, um schließlich über das "neue Geld einer neuen Gesellschaft" ins Wirtschaftswunder vorzudringen. Sahnetorte, bunte Kleider und Wiederaufbau. Ein Studium der Medizin in Tübingen oder gar die Wahl einer anderen Gesellschaftsform? Alles ist möglich und startet mit 40 DM! Für alle eine gleiche Chance in ein neues Leben, "welcome to be you" – geht das überhaupt, nach dieser schweren Zeit? Darum ging es mir und uns immer wieder bei der Entwicklung.

Verfilmt wurde der erste Teil von Peter Pranges Roman. Wie nah ist der Dreiteiler an der Buchvorlage? Was wurde für die Filmadaption verändert, was weggelassen und was hinzugefügt?

Elmar Fischer: Eine Literaturvorlage lässt sich zumeist sehr schwer eins-zu-eins verfilmen. Ein Roman ist ja kein Drehbuch, und eine filmische Dramaturgie gehorcht fast immer anderen Gesetzmäßigkeiten. Mein originäres Medium, der Film, kann zum Beispiel nicht so assoziativ sein oder den inneren Dialog einer Figur mit sich selbst über mehrere Seiten oder Minuten austragen. In diesem Sinne haben wir – die Autoren, Produzenten, Redaktion und ich – verkürzt, reduziert, verdichtet und – wo es uns angebracht erschien – auch dramatisiert. Die Umsetzung selbst ist für mich als Regisseur bei so einer prominenten Bestsellervorlage nicht einfach gewesen. Einerseits gilt es unbedingt, eine eigene dann auch subjektive Interpretation, quasi eine eigene Vision des Stoffes zu entwickeln, andererseits auch den Geist der Vorlage zu bewahren. Ich war deshalb auch ein wenig nervös, als uns Peter Prange am Set besucht hat. Schließlich habe ich mich seiner Figuren und Orte bemächtigt, sie ins Bild gerückt, ihnen Hosen und Kleider angezogen, und schließlich Worte in den Mund gelegt. Peter war dann aber sehr glücklich und überhaupt nicht befremdet, seine Fantasie in einer konkreten, filmischen Realität zu erleben.

Die Nachkriegszeit ist eine unserer heutigen globalisierten und digitalisierten Gesellschaft sehr ferne und fremde Zeit. Wie haben Sie sich an Lebenswelt und Lebensgefühl von damals angenähert, um den Stoff authentisch zu entwickeln und die Figuren/Schauspieler aus ihrer Zeit heraus glaubwürdig erscheinen/agieren zu lassen?

Elmar Fischer: Die Welt damals war definitiv kleiner, übersichtlicher, einfacher und in gewisser Sicht auch gemütlicher als die hochkomplexe Zeit, in der wir uns heute befinden. Das hat uns – Schauspieler, Szenenbild, Kostüm, Kamera eingeschlossen – sehr geholfen. Im ersten Schritt ging es darum, uns im Kopf zu reduzieren und wegzukommen von unserem heutigen Alltag. Es bietet auch schnell die wunderbare Möglichkeit, sich auf die eigentlichen Gefühle und substanziellen Probleme der Figuren zu konzentrieren. Als würde man erst einmal einen schleierhaften Nebel beiseite pusten. Im zweiten Schritt haben wir dann viel mit Zeitzeugen geredet und Bücher, Filme und Fotos aus der Zeit studiert. Wie haben die Menschen geredet? Was haben sie getragen? Gegessen? Was haben die Zeitungen geschrieben? Welche Filme liefen im Kino, welche Songs im Radio? Das war von Anfang an eine spannende Reise, auf die sich auch die Schauspieler voller Freude begeben haben und so bald einen festen Bezugsrahmen entwickelt haben, aus dem heraus sie sich mit einer wohltuenden Sicherheit vor der Kamera und durch die dargestellte Zeit bewegen konnten.

Der Event-Dreiteiler spielt in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen – für den WDR als federführenden Sender bei diesem Großprojekt hat das sicher auch eine regionale Bedeutung. Aber darüber hinaus: Welche Rolle spielt die Kleinstadt Altena als paradigmatischer Ort für die erzählte Geschichte?

Caren Toennissen: Zu Beginn der Drehbuchentwicklung haben die Autoren, die Produktion und ich gemeinsam einen Recherche-Ausflug nach Altena gemacht. Den Roman im Herzen, Peter Prange an unserer Seite und mit ihm Bürgermeister Andreas Hollstein schlenderten wir einen heißen Spätsommertag lang zu einzelnen "wahren" Orten dieser so bemerkenswerten Facette deutscher Geschichte und wunderten uns auch: Wenn diese Kleinstadt, die auch unspektakulär und doch bedeutsam schien, das Tor in eine neue Welt eröffnen durfte, dann hat das in jeder Hinsicht Bedeutung. Wenn hier etwas möglich wurde, dann doch bald und immer, überall? Altena, eine Kleinstadt der Drahtproduktion und – man kann es kaum glauben – der Herstellung der in Zeiten des Euros schon fast vergessenen D-Mark. Wer wusste davon, dass dieser Ort im Sauerland ein so geschichtsträchtiger für Deutschland war. Und auch in unserem Film geht der Eine in die nordrhein-westfälische Metropole Düsseldorf, der Andere in einen anderen Lebensund Gesellschaftsentwurf nach Ost-Berlin – oder lebt einen Traum in Tübingen? Aber immer wieder kehren sie nach Altena ins Sauerland zurück. In die Provinz. In ihre beschauliche, aber Sicherheit spendende Heimat. Heimat im Herzen, jenseits von Glamour. Tal des Aufbruchs.

Historisches Ausgangsmotiv des Films wie des Buchs ist die Ausgabe von 40 DM an jeden Bundesbürger. Welches thematische, erzählerische und filmische Potenzial steckt bezüglich des Event-Dreiteilers in dieser "Urszene des Wirtschaftswunders"?

Elmar Fischer: Der 20. Juni 1948, der Tag der Ausgabe der DM, ist eine Art Zeitenwende, wie unsere Gesellschaft sie nach dem Krieg vielleicht nur noch einmal am 9. November 1989 erlebt hat. An diesem Tag erschien plötzlich alles möglich. 40 Mark für jeden. Ein magischer Augenblick, in dem sich die Fantasie und Sehnsüchte der Menschen und auch unserer fiktionalen Helden voll entfalten konnten. Diesen Augenblick einzufangen und ihn an den Anfang unserer Erzählung zu stellen, das ist ein großartiges Versprechen für die Zuschauer und war es auch für mich als Filmemacher. Wohin tragen diese 40 Mark unsere jungen Figuren? 270 Minuten lang dürfen wir teilhaben an ihren emotionalen und politischen Irrungen und Wirrungen, die diese Aufbruchszeit für sie bereithält.

2020 jährt sich das Kriegsende zum 75. Mal. Die ARD wird hierzu im Mai auch dokumentarisch einen multimedialen Schwerpunkt setzen. Warum blicken wir heute mit solchem Interesse gerade auch fiktional auf diesen Abschnitt unserer jüngeren Geschichte zurück? Was kann uns die Verfilmung dieser Zeit vergegenwärtigen? Und welche neuen Perspektiven eröffnet der Film auf die Zeit des Wirtschaftswunders?

Caren Toennissen: Gibt es so etwas wie Chancengleichheit? Unter Geschwistern in der Familie oder gar in einer Gesellschaft, die mit einem uniformierten Startkapital von 40 DM für einen kurzen Moment lang einen Aspekt von Freiheit und Gleichstellung kreiert? Zwischen Mann und Frau. Zwischen Jung und Alt. Zwischen allen Einwohnern unserer Kleinstadt Altena. Und darüber hinaus in ganz Deutschland? Dieser Fragestellung wollten wir nachgehen. Was bringst Du aus der Vergangenheit mit? Wie lebst Du Dich und Deinen Traum? Wenn erstmal "alles" möglich wird ... Für diesen Ansatz empfahl sich die multiperspektivische Erzählung. Drei Schwestern. Ihre Eltern. Auch Unternehmer. Eine Firma. Drei Lieben ... Also ein mehrdimensionaler Blick auf eine Zeit, die auch Aufbruch war für ein heutiges Überangebot. Was machst Du aus Deinen Potenzialen? Welchen Weg willst Du gehen, und bleibst Du Dir um jeden Preis treu?

Authentische historische Drehorte für die Zeit der 50er Jahre zu finden, ist kein leichtes Unterfangen. Warum haben Sie sich entschieden, nicht am Ort des Geschehens, also in Altena, zu drehen? Wo ist der Film tatsächlich entstanden, was hat den Ausschlag für die Drehorte gegeben und welches waren die besonderen produktionstechnischen Herausforderungen?

Benjamin Benedict: Wir hätten sehr gern in Altena gedreht, aber tatsächlich haben unsere Locationscouts an anderen Orten Motive gefunden, die produktionell viel besser geeignet waren, das Flair der 1950er zu erzählen, ohne dass wir zum Beispiel unzählige Verkehrsschilder oder Satellitenschüsseln demontieren mussten. Daher haben wir an verschiedenen Motiven in Tschechien sowie in Nordrhein-Westfalen unter anderem in Solingen, Köln, Gummersbach, Stolberg, Kornelimünster und Düren gedreht. Wir hoffen natürlich sehr, dass sich die Altenaer auch an unserem fiktiv geschaffenen Ort erfreuen und Freude daran haben, dass ihre Heimat so prominent in Szene gesetzt wird. Und sie werden in jedem Falle ihren Altenaer Peter Prange wiederentdecken können – er hat nämlich eine kleine Rolle übernommen. Zu unseren aufwendigsten Sets für den Event-Dreiteiler zählen übrigens auch die Metallwerke Altena, die wir tatsächlich an vier verschiedenen Motiven zum Leben erweckt haben. Die Innenaufnahmen sind in Nordrhein-Westfalen entstanden, die Außensets in Tschechien gebaut worden. Ein weiteres besonderes und herausforderndes Set war zudem die Stalinallee der 1950er, die unser Team mit viel Liebe zum Detail ebenso in Tschechien inszeniert hat. PETER PRANGE: So schmerzlich es war, dass nicht in meiner Heimatstadt gedreht werden konnte, hat mich der Besuch am Set mehr als versöhnt. Großes Kompliment für die Ausstattung. Die Bilder, die ich beim Schreiben vor Augen hatte – auf einmal waren sie Wirklichkeit. Umso größer war das Vergnügen, an einer Szene sogar mitzuwirken. Nicht als Komparse wie Hitchcock, sondern als "Kleindarsteller" – schließlich durfte ich zwei Sätze sagen. Ich hoffe nur, sie wurden nicht rausgeschnitten.

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