Gespräch mit Gernot Krää

Autor und Regisseur

Weil er ärztliche Hilfe braucht, aber nicht in ein Krankenhaus gehen kann, bittet Willi (Richy Müller, li.) seinen Sohn. Der hilft auch, aber obwohl Franz (N’Tarila Kouka) sich für seinen Beschützer einsetzt, kann Erich dem Vater nicht verzeihen.
Weil er ärztliche Hilfe braucht, aber nicht in ein Krankenhaus gehen kann, bittet Willi seinen Sohn. Der hilft auch, aber obwohl Franz sich für seinen Beschützer einsetzt, kann Erich dem Vater nicht verzeihen. | Bild: SWR / Alexander Kluge

"Schöne heile Welt" ist eine Geschichte über einen Verlierer, in der Gesellschaft an den Rand Gedrängten. Worum ging es Ihnen beim Schreiben des Drehbuchs? Ging es Ihnen auch um die aktuelle politische Lage?

Das Drehbuch entstand eine ganze Weile vor der sogenannten Flüchtlingskrise. Es ist ja auch kein Film über die "Flüchtlingsthematik", eher die Geschichte einer schicksalhaften Begegnung zweier Verlierer unserer globalisierten, also völlig neu sortierten Welt. Und vor allem geht es um zwei Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft, die jeweils tiefe Verletzungen erfahren haben – aber dennoch zu einem positiven emotionalen Austausch finden.

Willi ist eine nicht unbedingt sympathische Figur, weder was sein Verhalten noch was seinen Charakter angeht. Wir sollen aber natürlich trotzdem mit ihm mitgehen. Wie entsteht da die richtige Mischung?

Ich glaube nicht, dass sich das Publikum nur für von vornherein sympathische Figuren interessiert, die sind ja auch oftmals langweilig. Wichtiger ist, das existentielle Dilemma einer Figur zu spüren. Willi ist ein verbitterter, alternder Mann, der sich – ja auch nicht völlig grundlos – vom Leben um alles betrogen fühlt. Wenn so eine Persönlichkeit sich allmählich öffnet, wieder Gefühle zuläßt, dann sind wir sehr nahe bei ihr.

Was macht Richy Müller zum richtigen Darsteller für die Rolle des Willi?

Richy Müller ist ein großartiger, erfahrener und sehr wandelbarer Schauspieler. Und er hat Zugang und Zuneigung zur Welt der "kleinen Leute". Ich konnte und kann mir keine bessere Besetzung vorstellen. Richy hat die Rolle geliebt und mit großer Präzision und Leidenschaft ausgefüllt.

Wie haben Sie mit dem jungen N“Tarila Kouka gearbeitet?

Zunächst habe ich mich dafür entschieden, einen Jungen zu besetzen, der tatsächlich kein Wort Deutsch versteht. Denn diese Fremdheit, dieses Nicht-Verstehen nur zu "spielen" ist sehr schwer. Gleichzeitig war natürlich schauspielerisches Talent und ein tiefes Verständnis der Rolle »Franz« wichtig. N’Tarila hat kongolesische Wurzeln und lebt in Paris. Meine Regieanweisungen kamen auf Englisch und wurden für ihn von meiner Mitarbeiterin Charlotte Roustang ins Französische übersetzt. Das hat dann manchmal ein wenig gedauert, aber wunderbar funktioniert.

Wie kamen Sie auf die Idee die Geschichte der Freundschaft zwischen Willi und dem afrikanischen Flüchtling gerade über ihre geteilte Begeisterung für das Eislaufen zu erzählen?

Sport ist eine ideale Ebene für nonverbalen Austausch. Wie viele afrikanische Jugendliche ist »Franz« sportlich sehr begabt. In seiner verzweifelten Lebenslage sucht und braucht er dringend Sinn und Lebensfreude. Das spürt Willi – und gibt sozusagen der Versuchung nach, aus seinem eigenen emotionalen Gefängnis auszubrechen. Mit Franz und dessen Begeisterung erlebt er eine Nähe und Freude, die er mit seinem leiblichen Sohn nie aufbauen konnte.

Die Musik trägt viel zur Atmosphäre von "Schöne heile Welt" bei. Wie sind Sie und Stephan Römer da rangegangen?

Nachdem der Film ja mehr über Bilder und Stimmungen als über Dialog erzählt wird, spielt die Musik in der Tat eine wichtige Rolle. Ich wollte afrikanische Klänge, aber nichts Folkloristisches. Stephan Römer hat uns dann diese wunderschöne jazzige, unaufdringliche Filmmusik komponiert.

Als Drehorte haben Sie sich für Orte in Offenburg, Kehl und Umgebung entschieden. Wieso sollten es genau diese Orte sein? Welche Atmosphäre transportieren sie?

Unser Hauptmotiv in Offenburg, desolate Blocks ehemaliger Arbeiterwohnungen einer stillgelegten Spinnerei, die jetzt luxus-saniert werden – das war perfekt für Willis einsame Welt. Meine Szenenbildnerin Söhnke Noé hat mit viel Fingerspitzengefühl die Räume im Stil der 1980er Jahre eingerichtet. Und der industrielle Charme des Containerhafens in Kehl hat unseren Kameramann Jürgen Carle zu wirklich spannenden Bildern inspiriert.

Welche Botschaft wollen Sie den Zuschauerinnen und Zuschauern vermitteln?

Zu einer "Botschaft" bekenne ich mich ungern – da halte ich es mit Hemingway, der diesbezüglich auf das Postamt verwiesen hat. Und natürlich ist "Schöne heile Welt" auch irgendwie ein Märchen. Aber ich hege die Hoffnung, dass sogar ein versteinertes Herz noch zu einer Öffnung fähig ist.

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