Im Gespräch mit Andreas Herzog

Regisseur von "Mörderhus – Der Usedom-Krimi"

Mörderhus – Der Usedom-Krimi: arin (Katrin Sass) spricht mit ihrem alten Freund Heiner (Dirk Borchardt) über alte Zeiten.
Beim "Mörderhus – Der Usedom-Krimi" führte Andreas Herzog Regie – eine Arbeit mit starken Figuren, wie der Regisseur erläutert. | Bild: NDR / Christiane Pausch

»Ich lasse mich von Figuren und deren Entwicklungen treiben.«

Der Film "Mörderhus" erzählt zwei Geschichten in einer, ist Drama und Krimi. Welche Geschichte steht im Vordergrund?

Es ist die Geschichte zweier Frauen. Am Anfang wird eine Mutter aus dem Gefängnis entlassen, die vor sieben Jahren ihren Ehemann erschoss. Vor den Augen der Tochter. Beide können sich auf der Insel nicht aus dem Weg gehen und müssen miteinander auskommen. Herauszufinden, warum die Tat geschah, daraus zieht der Film seine Spannung. Parallel dazu erzählen wir einen Krimi, in dem es um die Frage geht: Wie weit darf ich gehen, um meine Kinder zu beschützen?

Ist "Mörderhus“ von Anfang an als Reihe geplant gewesen?

Ja, deshalb lösen wir im ersten Teil auch nicht alle Geheimnisse auf. Ich kann mir zwar vorstellen, dass nach der Ausstrahlung Bedenken laut werden, wir hätten den Zuschauern vielleicht zu viel zugemutet. Der Konflikt der beiden Hauptfiguren wird ja nicht eben mal in 90 Minuten ausgeräumt. Viele Fragen, die offen geblieben sind, werden in Zukunft beantwortet. Wer seine gesamten Geheimnisse verrät, wird uninteressant. Das wollen wir vermeiden.

In den ersten Szenen gehen die Frauen sichtlich auf Abstand zueinander. Erzählt der Film – ohne viele Worte – die Geschichte ihrer Annäherung?

Genau. So hatte ich es mit dem Kameramann besprochen. Und weil beide Figuren gleich stark sind, haben wir die Szenen mit ihnen aus zwei Perspektivengedreht – aus der Sicht der Mutter und aus der Sicht der Tochter. Wir brauchten also doppelt so viele Einstellungen. Ich wollte die Zuschauer nicht auf eine Seite schubsen und ihnen stattdessen erlauben, sich ein vollständiges Bild zu machen. Ich bin ein großer Fan von Stummfilmen und erzähle einen Konflikt lieber in Bildern als in herbeigedachten Dialogen. Außerdem kann man nicht immer alles erklären. Zum Beispiel: Ein Mann hat seine Frau betrogen. Sie fragt: Warum hast du das getan? Er sitzt schweigend da, denn er weiß, jede Erklärung macht es nur noch schlimmer.

Starke Figuren, starke Schauspielerinnen.

Das finde ich auch. Als ich das Drehbuch mit dem Hinweis in die Hand bekam, dass Katrin Sass eine der Hauptrollen spielt, da habe ich das erste Mal frohlockt: Ja! Der nächste Glücksfall war Lisa-Maria Potthoff in der Rolle der Tochter. Dazu kam Emma Bading, die die 14-jährige Enkelin darstellt. Alle drei spielen kraftvoll, intelligent und vor allem: auf demselben hohen Niveau. Im Film sind sich die Frauen charakterlich sehr ähnlich, was ihre Beziehung zueinander nicht einfacher macht. Das Trio spielt gern mit dem Feuer und neigt dazu, aus dem Affekt zu handeln.

Sie legen besonderen Wert darauf, "Mörderhus" horizontal zu erzählen. Was bedeutet das?

In vielen deutschen Krimireihen oder Serien läuft das so: Es tritt ein Ermittler am Sonntagabend aus dem Schrank hervor, löst einen Fall, um danach, bis zur nächsten Folge, wieder im Schrank zu verschwinden. Die Figur entwickelt sich null. Horizontales Erzählen heißt, die Geschichte aus der Figur heraus zu entwickeln. In plotgetriebenen Filmen ist es umgekehrt: Da müssen sie die Figuren so hinbiegen, dass am Ende die Geschichte noch funktioniert. Die klassische Hauptfigur im deutschen Fernsehfilm ist am Anfang lieb und am Ende noch ein kleines bisschen mehr lieb. Das ist langweilig. Ich lasse mich lieber von Figuren und deren Entwicklungen treiben. In "Mörderhus" sind drei Frauen mit einer schweren Hypothek ins Rennen gegangen. Jetzt, nach Folge eins, setzt man sich am besten wieder hin und überlegt weiter: Was würde ich als nächstes tun, wenn ich diese oder jene Figur wäre? Dieselbe Frage stellt sich der Zuschauer.

Lassen Sie sich auch von dem treiben, was Sie am Set erleben?

Absolut, ich führe keine ergebnisorientierte Regie und bemühe mich beim Drehen immer darum, Türen offen zu halten. Es ist sehr spannend zu erleben, wie sich die Figuren im Verlauf der Dreharbeiten entwickeln. Gleichzeitig müssen solche Entwicklungen mit der Geschichte in Einklang gebracht werden. Dazu überprüfe ich für jeden Satz jeden Blick, die Haltung jeder Figur.

Sie haben lange als Cutter gearbeitet. Hatten Sie nicht den Wunsch, Ihren Film selber zu schneiden?

Ich habe mich als Regisseur beim Dreh und in der Mitarbeit am Buch ausreichend verwirklicht. Ich bin dann sehr froh, wenn das dritte Auge, nämlich der Cutter, im Schneideraum zu mir sagt: "Pass auf, hier geht es zu schnell, da zu langsam. Diese Szene brauchen wir gar nicht, von der nehmen wir nur die Hälfte. Das Gerede ist redundant, ich hätte da eine Montage anzubieten." Er lotet die Möglichkeiten des Materials aus.

Verwenden Sie gern symbolhafte Bilder?

Der Film erzählt viel Subtext über die Bildsprache. Manche Dinge werden vielleicht nicht jedem Zuschauer auffallen, vieles lässt unterschiedliche Interpretationen zu. Es ist mir dabei sehr wichtig, das Publikum nicht mit einer rätselhaften Bildsprache zu überfordern. Es ist eine Einladung zum Entdecken.

"Mörderhus" ist ein Film mit einer besonderen regionalen Note. Dabei leben Sie in München …

Ich war einmal im Urlaub auf Usedom. Das ist aber schon zehn Jahre her. Man muss sich nicht selber ein Bein gebrochen haben, um einen Film über jemanden machen zu können, der sich ein Bein bricht. Als geborener Bad Tölzer habe ich schon einen Kölner und einen Dortmunder "Tatort" inszeniert. Natürlich habe ich mich auch mit der Mentalität der Menschen auf Usedom beschäftigt. Und mich gefragt: Wie gestalte ich den Film, damit die schöne Insel nicht wie der Abklatsch eines Touristenortes aussieht? Und wie erzähle ich etwas über die ungewöhnlich entspannten Menschen, die dort leben? Ich bin gespannt auf das Urteil der Usedomer.

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