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Katakombenpakt 2.0

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Gereon Alter: Katakombenpakt 2.0 | Bild: WDR

Von einer Verschwörung will ich Ihnen erzählen. Von einer Verschwörung innerhalb der katholischen Kirche. Vom sogenannten "Katakombenpakt". Den hat sich nicht der Meister des Kirchen-Thrillers Dan Brown ausgedacht, à la "Illuminati" oder "Da Vinci Code". Den hat es tatsächlich gegeben. Im Jahr 1965. Da haben sich 40 Bischöfe aus aller Welt in einer römischen Katakombe getroffen, also in einer antiken Grabanlage, um einen Pakt miteinander zu schließen. Ich erzähle Ihnen davon, weil ich der Überzeugung bin, dass wir etwas so Ähnliches auch heute brauchen. Einen Katakombenpakt 2.0, wenn Sie so wollen.

Die Bischöfe sind nicht zu den alten Gräbern hinabgestiegen, um ihrem Vorhaben etwas Geheimnisvolles zu geben, sondern weil dort Menschen beerdigt sind, denen etwas wichtig war, die eine Haltung hatten und die sich für etwas stark gemacht haben. Glaubenszeugen nennen wir sie heute. Oder Bekenner. Das waren Menschen wie die, die jetzt in Weißrussland auf die Straße gehen. Obwohl sie ganz genau wissen, was ihnen dort droht – Prügel und Verhaftung, vielleicht sogar der Tod – erheben sie ihre Stimme gegen ein offenkundiges Unrecht. Von solchen Menschen mit Rückgrat haben sich die Bischöfe damals inspirieren und stärken lassen.

Bescheidene Worte, mutiges Bekenntnis

Und dann haben sie eine Selbstverpflichtung unterzeichnet. Keinen Appell an andere (an die Kirche, die Gesellschaft, die Andersdenkenden), sondern einen Anspruch an sich selbst: Ich, der ich dieses Dokument unterzeichne, ich selbst bin bereit, etwas zu tun. Das ist das Zweite, das mich an diesem Katakombenpakt so fasziniert: Da werden nicht bloß Forderungen gestellt, da bringen sich Menschen selbst ins Spiel und übernehmen Verantwortung.

Und nun kommt das eigentlich Spannende: der Inhalt des Katakombenpaktes. Ich greife nur ein paar Formulierungen heraus. "Wir werden uns bemühen, so zu leben, wie die Menschen um uns herum üblicherweise leben … Wir verzichten darauf, reich zu sein … Wir wollen offen und zugänglich werden … allen Menschen gegenüber, ganz gleich, welcher Religion sie sein mögen … und wir wollen der verarmten Mehrheit der Menschen einen Ausweg aus dem Elend ermöglichen, statt in einer immer reicher werdenden Welt ganze Nationen verarmen zu lassen." Was für eine bescheidene Wortwahl und was für ein starkes Bekenntnis, sich vor allem für die Ärmsten der Armen einsetzen zu wollen!

Worauf müssen wir unseren Blick wirklich richten?

Wie sähe ein solcher Katakombenpakt heute aus? Innerhalb der katholischen Kirche ist er bereits neu formuliert worden. Im vergangenen Jahr, auf der sogenannten "Amazonas-Synode". Aber dabei ging es vor allem um den Beitrag der Kirche. Wie sähe ein Katakombenpakt 2.0 für uns alle aus, ganz gleich welcher Glaubensgemeinschaft oder Weltanschauung wir angehören?

Er würde das heutige Elend in den Blick nehmen. Die, die in Bangladesh für unsere Billigkleidung schuften. Die sich in afrikanischen Minen mit Schwermetallen vergiften, damit unsere Handys funktionieren. Die Kinder, die anstatt zur Schule zu gehen, in einem Steinbruch oder auf einer Müllhalde arbeiten müssen. Ein Katakombenpakt 2.0 würde unterscheiden zwischen Problemen und himmelschreiendem Elend. Er würde die größte Not und das schwerste Leid in den Mittelpunkt rücken. In ganz bescheidener Weise. Ohne sich von aufgepeitschten Emotionen oder ideologischem Gedankengut leiten zu lassen. Ohne mit dem Finger auf andere zu zeigen. Als Ich-Botschaft: "Ich bin bereit …" Was könnte ein solcher Pakt nicht alles bewirken, wenn ihn nur viele unterzeichnen würden!

Ein Unterzeichner des Katakomenpaktes liegt neben dem Essener Dom begraben

Einer von denen, die damals ihre Unterschrift unter den Katakombenpakt gesetzt haben, war ein deutscher Bischof. Er ist genau heute vor dreißig Jahren gestorben. Julius Angerhausen. Sein Grab ist nicht weit weg von meiner Wohnung. Es liegt gleich neben dem Essener Dom. Ich bin gestern noch dort gewesen, um mich von diesem Mann und seinem Tun inspirieren zu lassen. Um heute so zu Ihnen sprechen zu können. Und um mir selbst noch einmal bewusster zu werden, wofür ich mich denn in meinem Leben entschieden habe. Wozu ich gesagt habe "Ich bin bereit". So manches ist mir in den Sinn gekommen. Für eines bin ich besonders dankbar: dass ich seit vielen Jahren Freunde in Madagaskar habe, die zu den Ärmsten der Armen zählen und die mich immer wieder daran erinnern, wie gut es mir geht und wie wichtig es ist, sie nicht aus dem Blick zu verlieren und ihnen zu helfen.