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Wie der Mensch das Moor eroberte

PlayEntwässerungsgraben im Moor
Wie der Mensch das Moor eroberte | Video verfügbar bis 20.10.2023 | Bild: Landkreis Emsland

Die Beziehung von Mensch und Moor lässt sich über Jahrtausende in einem Wort zusammenfassen: Kampf. Das Moor war für den Menschen ein lebensfeindlicher Raum, und jeder Quadratmeter Lebensraum musste ihm mit hohem Aufwand abgerungen werden.

Das unheimliche Moor

Forum Romanum
Das Forum Romanum war ein Moor. | Bild: ARD Aktuell

Das Moor war lange Zeit ein Feind. Der Untergrund weder fester Boden noch Wasser, das ganze Gebiet unzugänglich und lebensfeindlich. Die seltsamen Geräusche, die durch ausströmende Faulgase entstanden, ließen die Menschen an Geister und andere unheimliche Wesen glauben. Bewohnt waren in der Regel nur die Ränder, und auch die nur von denjenigen, die keine andere Wahl hatten. Arme. Ausgestoßene. Ansonsten war das Moor ein Ort für Begräbnisse, manchmal auch Hinrichtungen.

Tote erzählen von der Vergangenheit

Knochen von Moorleichen
Zeugen der Vergangenheit: Moorleichen | Bild: NDR

Was wir heute über das frühe Leben an und in den Mooren wissen, geht zum großen Teil auf die Funde von Moorleichen zurück. Seitdem Moore systematisch trocken gelegt werden, tauchen dort immer wieder einmal die Überreste von Toten auf. Durch die besondere Konsistenz des Untergrunds sind diese oft in hervorragendem Zustand. So gut sogar, dass bei einigen der gefundenen Leichen erst nach ausführlicher wissenschaftlicher Untersuchung feststand, dass es sich nicht etwa um erst kürzlich verstorbene handelte, sondern tatsächlich um mehr als 2500 Jahre alte Tote.

Die meisten dieser Moorleichen wurden erst nach ihrem Tod dem Moor überlassen, vermutlich eine durchaus übliche Form der Bestattung damals. Doch es gibt auch Moorleichen, die mit Stricken um Hände und Hals, Augenbinden oder schweren Stichwunden gefunden wurden. Unklar ist oft, ob es sich im Einzelfall um Mordopfer, verurteilte Verbrecher oder gar Menschenopfer gehandelt hat.

Vom Feindland zum Nutzland

Die Nutzung der Moore beschränkte sich anfangs auf den Abbau von Torf, das Sammeln von Heilkräutern und das Ernten von Gräsern als Tierfutter. Um die Böden landwirtschaftlich nutzen zu können, mussten sie trocken gelegt werden. Die entsprechenden Techniken – das Ziehen von Entwässerungskanälen – wurden bereits vor mehr als 3.000 Jahren entwickelt. Der römische König Tarquinius Priscus zum Beispiel ließ um 600 vor Christus das berühmte Forum Romanum entwässern. Die Gegend war bis dahin ein Moorgebiet gewesen, das vor allem als Bestattungsort genutzt wurde.

In Deutschland und den Niederlanden gab es ab dem 16. Jahrhundert erste Bemühungen, große Moorregionen zu nutzen und zu besiedeln. An den großen Entwässerungskanälen, die dabei entstanden, gründeten sich Ortschaften, die so genannten Fehnsiedlungen. Eines der ältesten und bekanntesten Beispiele dafür ist Papenburg im Emsland.

Den Ersten sien Dod

Pferde versinken im Moor.
Das Beackern des Moorbodens schafft Mensch und Tier. | Bild: Landkreis Emsland

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts förderte der Staat gezielt die Kolonisierung der deutschen Moore, vor allem im Westen von Niedersachsen. Willigen Siedlern versprach man Eigentum und Wohlstand. Die Realität sah anders aus. Es war ein Kampf ums Überleben. Ein Sprichwort aus der Zeit heißt: "Den Eersten sien Dod, den Tweeten sien Not, den Drütten sien Brod". Des Ersten Tod, des Zweiten Not und des Dritten Brot. Denn erst die dritte Generation hatte eine Chance auf ein einigermaßenes Auskommen. Um überhaupt an landwirtschaftlich nutzbaren Boden zu kommen, mussten die Siedler zunächst den Torf abtragen. Der diente vor allem als Heizmaterial. Der Brennwert von Torf ist etwas geringer als der von Braunkohle, aber hoch genug, dass damit sogar Kraftwerke zur Gewinnung von Strom betrieben werden konnten. In Finnland, das besonders viele Moorflächen hat, wird auch heute noch auf diesem Weg Energie gewonnen.

Moorkultivierung unter Zwang

Zwangsarbeiter im Moor
"Moorsoldaten": Zwangsarbeit in der Nazi-Zeit. | Bild: Niedersächsisches Landesmuseum Hannover

Die Kultivierung der Moore war eine Höllen-Arbeit. Und den Nazis eine willkommene Möglichkeit unliebsame Menschen zu bestrafen und zu zermürben. Ab 1933 wurden im heutigen Emsland 15 Straflager und KZs errichtet, in denen politische und Strafgefangene – später auch Kriegsgefangene – als Zwangsarbeiter schuften mussten. Mehr als 200.000 Menschen kultivierten die Böden – nur mit Hacken und Schaufeln, obwohl längst moderne und weniger anstrengende Methoden existierten. Rund 30.000 Menschen – vor allem russische Kriegsgefangene – kamen dabei um. Der wohl bekannteste Häftling: der Journalist und Nobelpreisträger Carl von Ossietzky. Er verstarb 1938 an den Folgen der Lagerhaft.

Neues Land für Flüchtlinge

Mann auf einem Ottomeyerpflug
Mit dem Ottomeyerpflug wird das Moor umgegraben. | Bild: NDR

Nach dem Krieg suchten Hunderttausende Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten eine neue Heimat. Viele von ihnen sollten, nach dem Willen der Regierung, die Moorlandschaften des Emslands besiedeln. Mit riesigen Pflügen – den Ottomeyerpflügen – wurden die Moorböden bis zu zwei Meter tief umgegraben, damit dort Ackerflächen entstanden.   

Erst in jüngster Zeit hat sich der Blick auf das Moor verändert. Die noch verbleibenden Flächen sollen erhalten, bereits trocken gelegte Areale wenn möglich teilweise wieder vernässt werden. Denn Moore gelten heute nicht nur als erhaltens- und schützenwerte Natur, sondern bieten durch ihre Fähigkeit, Kohlendioxid zu binden als wichtige Komponente im Kampf gegen den Klimawandel.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 19.10.2018 10:23 Uhr