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Auf Kosten des Menschen

Pablo Piovanos erschütternde Fotos aus Südamerika

PlayDer fünfjährige Lucas Techeira mit einer Hautkrankeit
Auf Kosten des Menschen | Video verfügbar bis 16.07.2018

Glyphosat ist eines der umstrittensten Unkrautvernichtungsmittel. Um seine Bewertung wird seit langem heftig gerungen. Immer wieder werden neue Studien veröffentlicht, die seine Gefährlichkeit nachweisen oder widerlegen.

In der EU ist die Anwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft seit 2002 erlaubt. Doch in den vergangenen Jahren stiegen die Bedenken. Unter dem Druck von Umweltschützern haben die EU-Staaten sich 2016 nicht auf die geplante Verlängerung der Zulassung um neun Jahr einigen können. Daraufhin beschloss die EU-Kommission eine befristete Verlängerung um 18 Monate, die Ende 2017 ausläuft. Eine Europäische Bürgerinitiative kämpft für ein vollständiges Glyphosatverbot.

Katastrophale Folgen

Ob Glyphosat tatsächlich Krebs und andere Erkrankungen zur Folge hat, ist umstritten. Doch Untersuchungen der Universität in Córdoba haben ergeben, dass 13 Millionen Menschen in Argentinien von dem Pflanzengift betroffen sind.

Der Fotograf Pablo Piovano
Der Fotograf Pablo Piovano

Über 6000 Kilometer ist der argentinische Fotograf Pablo Piovano durch den ländlichen Nordosten seines Heimatlandes gereist und hat die Betroffenen besucht. Jetzt erscheint im Kehrer Verlag ein Bildband unter dem Titel "The Human Cost". ttt hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Vom Wundermittel zum tödlichen Gift

Seit über 20 Jahren werden glyphosathaltige Unkrautvernichter in Argentinien eingesetzt. 1996 genehmigte die Regierung unter dem neoliberalen Präsidenten Carlos Menem den Anbau genveränderter Sojabohnen und den Einsatz von Glyphosat-Herbiziden. Sie stützte sich dabei auf Studien des Agrarkonzerns Monsanto, der sowohl das Saatgut als auch das Unkrautvernichtungsmittel herstellt und vertreibt.

Glyphosat galt zunächst als "Wundermittel": 95 Prozent des gentechnisch veränderten Sojas und immerhin 75 Prozent anderer gentechnisch modifizierter Nutzpflanzen wie Mais oder Baumwolle sind gegen den Wirkstoff immun. Sie überleben das Gift, während das Unkraut gezielt vernichtet wird.

Unberücksichtigt blieb allerdings, welche Folgen Glyphosat für Mensch, Tier und das Ökosystem haben könnte. Und so wurde die argentinische Landbevölkerung unfreiwillig zum Objekt eines Feldversuches, der bis heute andauert.  

Persönliche Schicksale

Mónica Gabriela Rais, Mädchen im Rollstuhl
Mónica Gabriela Rais

Dutzende wissenschaftlicher Studien und medizinischer Untersuchungen belegen die giftige Wirkung des Unkrautvernichtungsmittels. Auch wenn der Zusammenhang nicht eindeutig bewiesen ist, sind die Krankheitsstatistiken aus den betroffenen Regionen besorgniserregend. Die Krebsrate bei Kindern hat sich verdreifacht. Fehlgeburten und Geburtsschäden mit ungeklärter Ursache haben dramatisch zugenommen.

Mit seinen Fotografien gibt Pablo Piovano dem Schrecken ein Gesicht. Zu jedem Bild skizziert er kurz die Geschichte des Menschen, den es zeigt. Da ist der fünfjährige Lucas, der an einer angeborenen schweren Hautkrankheit leidet. Seine Eltern haben in Plantagen gearbeitet, in denen Glyphosat und andere giftige Chemikalien versprüht wurden.

Die Hand von Alfredo Cerán
Die Hand von Alfredo Cerán

Alfredo Cerán war neun Jahre im Sojaanbau beschäftigt. Seine Fingernägel sind wie verbrannt und er ist an einer nicht-alkoholbedingten Leberzirrhose erkrankt. Die Mutter der schwer behinderten Mónica Gabriela Rais war bei der Geburt ihrer Tochter 15 Jahre alt und arbeitete auf einer Tabakplantage.

Fest steht, dass die Agrarchemiekonzerne weiterhin viel Geld investieren, um die Politik von der Unbedenklichkeit ihrer Produkte zu überzeugen. Für sie steht viel auf dem Spiel: allen voran für die Firma Monsanto, die die Bayer AG demnächst übernehmen will – falls die EU-Kommission dem Deal zustimmt. 

Buchtipp

Pablo E. Piovano: The Human Cost of Agrotoxins.
El Costo Humano de los Agrotóxicos.
Kehrer Verlag 2017, Preis: 38 Euro

Autor des TV-Beitrags: Joachim Gaertner

Stand: 16.07.2017 16:52 Uhr

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