SENDETERMIN So, 04.11.18 | 23:05 Uhr | Das Erste

Ein Skandal um Kunstfreiheit – das Bauhaus Dessau, die Politik und die Band Feine Sahne Fischfilet

PlayBauhaus Dessau
Ein Skandal um Kunstfreiheit – das Bauhaus Dessau, die Politik und die Band Feine Sahne Fischfilet  | Video verfügbar bis 04.11.2019 | Bild: Das Erste

Am 6.11. sollte die Punkband Feine Sahne Fischfilet auf der Bühne des Bauhauses spielen. Aber dazu wird es nicht kommen – die Direktorin des weltberühmten Hauses, Claudia Perren, verbot diesen Auftritt. Begründung: Rechtsradikale hätten Protest angekündigt und das Bauhaus fürchte eine Konfrontation vor den eigenen Türen und sehe das UNESCO-Weltkulturerbe in Gefahr. Für diese Absage und die Begründung hagelt es seit zwei Wochen Proteste von Künstlern, Politikern, Kultureinrichtungen und Medien. Die Kritik lautet einhellig: Das Bauhaus sei vor Kritik aus rechtsradikalen Kreisen ohne Not eingeknickt und habe damit nicht nur die Kunstfreiheit beschädigt, sondern den weltweiten Ruf des Bauhauses beschädigt. "ttt" mit einem Stimmungsbericht aus Dessau.

Auftrittsverbot für Feine Sahne Fischfilet

Jan Gorkow Sänger von Feine Sahne Fischfilet
Jan Gorkow Sänger von Feine Sahne Fischfilet

"Ich kann immer noch nicht sing’ und spiel jetzt bei ‚Rock am Ring" dröhnt der schwergewichtige Frontmann Jan Gorkow, den alle "Monchi" nennen. Die linke Band tourt seit Jahren durch Deutschland und stellt klar, dass alle, die nicht rechtsradikal sind, nicht allein sind. Man muss diese Band nicht mögen, aber sie ist Teil der demokratischen Zivilgesellschaft. Und sie war natürlich dabei, als im September in Chemnitz 65.000 Leute gegen Rechtsradikalismus protestierten. Im Dessauer Bauhaus aber erhält sie Auftrittsverbot. Weil ein rechtsradikaler Post mit Protest drohte, knickte die Bauhausleitung ein. Jetzt äußert sich der Frontmann der Band, Jan Gorkow, erstmals im Fernsehen zur Konzertabsage: "Wenn wir jedes Mal absagen würden, wenn irgendwelche Nazis abmahlen, dann spielen wir gar keine Konzerte mehr. Und nicht nur wir, sondern ganz viele Leute. Man hat vor diesen Leuten einfach nicht einzuknicken, sondern man hat da selbstbewusst aufzutreten und zu sagen: ‚Ey, wir lassen uns von euch definitiv nicht die Lebenslust nehmen! Und selbstverständlich sagen wir nicht ab, weil ihr meint, wir gehören hier nicht her oder so’."

Reaktionen der Dessauer Bauhaus Leitung

Rainer Robra Chef der Staatskanzlei und Kulturminister von Sachsen/Anhalt und Bauhaus-Direktorin Claudia Perren
Rainer Robra Chef der Staatskanzlei und Kulturminister von Sachsen/Anhalt und Bauhaus-Direktorin Claudia Perren | Bild: Das Erste

Die Aula des Dessauer Bauhauses, ein Kammermusiksaal. Wenn man sich hier nicht ordentlich benimmt, dann geht nicht irgendwas kaputt, sondern UNESCO-Weltkulturerbe. Über 100 Punk-, Rock- und Popkonzerte fanden hier dennoch statt. Und nichts geschah. Aber auf einmal sah die Bauhaus-Direktorin Claudia Perren das UNESCO-Welterbe in Gefahr. Sie untersagte das Konzert und drohte dem ZDF als Veranstalter mit Hausverbot. Es sei nie ihr Interesse gewesen, die Freiheit der Kunst einzuschränken. Ihre zwei Gründe waren den Rechtsradikalen keine Plattform zu geben und das UNESCO-Weltkulturerbe zu schützen. Frau Perren hat einen einflussreichen Fürsprecher: Rainer Robra, Chef der Staatskanzlei und Kulturminister von Sachsen/Anhalt, Mitglied des ZDF-Fernsehrates und Chef der Bauhaus-Stiftung – eine medien- und kulturpolitische Machtfülle die man nur als umfassend bezeichnen kann. Robra sah das Bauhaus nicht nur von Rechtsradikalen bedroht. Seine Bedenken galten ebenso den Linksradikalen, die dann wahrscheinlich auch aufgetreten wären.

Was will man angesichts eines solchen Bedrohungsszenarios noch sagen. Merkwürdig ist nur, dass Frau Perren von all diesen Befürchtungen auf einer Stadtratssitzung am 17. Oktober in Dessau nichts verlauten ließ. Dort wurde sie von einem AfD-Abgeordneten rüde angegangen, wieso eine linksextreme Band im Bauhaus auftrete. Darauf gab Frau Perren nur eine ziemlich kleinlaute Antwort: "Ich war über die Entscheidung des ZDF auch überrascht, ich finde sie auch nicht nachvollziehbar und ich bin im Moment in Abstimmung, wie dieses Konzert zurückgenommen wird." Kurze Zeit später sagte Perren das Konzert ab und drohte dem widerspenstigen ZDF, das auf Durchführung der Veranstaltung bestand, mit Hausverbot. Und sie rief Staatsminister Robra an, wie er zu der Causa stehe. Der ermutigte Frau Perren zu ihrer Entscheidung.

Das Bauhaus Dessau in der Kritik

Seit 2 Wochen kommt das Bauhaus nicht mehr zur Ruhe – der Flashmob von Studenten vorm Eingang des Bauhauses ist noch die netteste Form des Protestes. Inzwischen haben fast 2000 Künstler und Kulturschaffende einen Offenen Brief verfasst und bezeichnen das Auftrittsverbot als "besorgniserregend", "geschichtsvergessen" und vermuten politische Einmischung. Immer wieder wird von CDU und AfD angeführt, dass die Band vom Verfassungsschutz beobachtet wurde und in einem früheren Lied zu Gewalt gegen Polizei aufrufe. Aber das liegt 3 Jahre zurück, das Lied singt die Band nicht mehr und beendet ist auch die Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

Cornelia Lüddemann Stiftungsrat Bauhaus Dessau
Cornelia Lüddemann Stiftungsrat Bauhaus Dessau | Bild: Das Erste

Über all das hätte man vor dem Konzert-Verbot im Stiftungsrat reden können – aber das ist nicht passiert. Und sorgt jetzt für Riesenärger. "Dass wir jetzt also als Stiftung Bauhaus Dessau, als Provinzdödel dastehen, die tatsächlich vor dem ersten Nazipost einknicken. Das ist eine Ausstrahlung, die will weder der Landtag Sachsen/Anhalt, die will weder die Stadt Dessau noch die Bundeskulturministerin. Und insofern hätte man, bevor man eine so zentrale Einschätzung trifft, tatsächlich die Gremien befassen müssen.", so Cornelia Lüddemann, Stiftungsrat Bauhaus Dessau.

Ein Skandal kurz vor dem Jubiläumsjahr

Brauhaus-Ruine in Dessau
Brauhaus-Ruine in Dessau | Bild: Das Erste

Inzwischen hat die Band Asyl in dieser Dessauer Brauhaus-Ruine gefunden. Die Bauhausdirektorin bekundet derweil ihre Freude darüber, dass Feine Sahne Fischfilet nun im Brauhaus spielen können und sie ist zerknirscht über den Skandal – aber beides bleibt unerklärlich folgenlos. "Ich denke nicht, dass ich zurücktreten muss, weil das würde ja heißen, dass ich vor der Kritik davonlaufe, das mache ich nicht. Sondern ich stelle mich der Kritik.", sagt Claudia Perren. Die Bauhaus-Direktorin stellte zum Beispiel ihre Pressesprecherin frei und beschäftigt stattdessen seit zwei Wochen Dirk Popp. Popp ist Krisenkommunikationsexperte und darauf spezialisiert, große Unternehmen und wichtige Leute, die kommunikativ mit dem Rücken zur Wand stehen, rauszupauken. Aber unklar ist, aus welchem Etat er bezahlt wird.

In Kürze startet das Bauhaus sein Jubiläumsjahr zum 100jährigen Bestehen – ein größerer Imageschaden ist kaum vorstellbar. Nächsten Mittwoch tagt der Stiftungsrat. "Wahrscheinlich wird diese normale Sitzung des Stiftungsrates eher eine Krisensitzung werden.", vermutet Cornelia Lüddemann,

Autor: Ulf Kalkreuth

Stand: 18.05.2019 20:15 Uhr

12 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 04.11.18 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Rundfunk Berlin-Brandenburg
für
DasErste