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Stahl, Beton, bodentiefe Fenster oder lieber Zuckergussfassade?

Eine Glaubensfrage: Was darf moderne Architektur heute?

PlayBesucher gehen durch die Gassen der neu eröffneten Frankfurter Altstadt.
Stahl, Beton, bodentiefe Fenster oder lieber Zuckergussfassade?  | Video verfügbar bis 03.06.2023 | Bild: dpa / Boris Roessler

Minimalistisch, "funktional" – so wird in den Städten heute gebaut! Im Grunde: Schuhkartons – möglichst billig und konzentriert auf teurem Boden. Das bringt den Investoren Gewinn. Und schafft Eintönigkeit.

Doch jetzt das!: die "Neu"“ Altstadt in Frankfurt. Wie aus einer anderen Zeit. Soll man das jetzt schöner finden? Oder ist das Kitsch pur? Kulissenzauber?

Dazu drei Stimmen:
Architekt Jürgen Engel: "Was Ästhetik angeht, da habe ich doch eine andere Vorstellung von Innenstadt."
Archiekturkritiker Hanno Rauterberg: "Auf eine gewisse Weise spannungsgeladen."
Architekt Philipp Oswalt: "Ich finde, es wirkt extrem museal."

Darf neue Architektur heute so aussehen?

Ein ganzes Areal wurde neu bebaut – ohne privaten Investor. 200 Millionen Euro hat die Stadt ausgegeben, Steuergelder. Für Häuser, in denen bald gewohnt wird, mit Geschäften und Cafés. Eine gemütliche Stube, sicherlich gut für den Tourismus. Aber darf neue Architektur heute so aussehen? Der renommierte Architekt Jürgen Engel sieht darin ein falsches Signal: "Was will uns dieses Altstadtgebiet sagen? Es zeugt von einer gewissen inneren Angst. Es zeugt davon, dass wir an die Zukunft nicht so glauben."

Jürgen Engel hatte eine andere Vorstellung von dem Altstadtareal. Und sein Entwurf hatte sogar den Architekten-Wettbewerb gewonnen. Er wollte zeitgenössische Gebäude schaffen: ein kulturelles Zentrum mit Bibliothek, Museum und Hotel. Aber die Stadt entschied sich dann doch für die Rekonstruktionen. Darüber kann man einen Glaubensstreit führen.

"Architektur soll nicht einschläfern, Architektur soll nicht pittoresk, kitschig sein. Architektur ist etwas, was aufweckt, was auch zum Nutzen anregt und neue Ideen bringen soll", so Engel.

"Architekten neigen dazu, Stilgefechte zu führen"

Welche Ästhetik spiegelt besser den Zeitgeist? Wie sollen sie aussehen, die Kathedralen der Moderne? Hanno Rauterberg kommt gerade von der Architektur-Biennale in Venedig. Er schreibt für "Die Zeit" übers moderne Bauen.

"Architekten neigen dazu, so Stilgefechte zu führen. Und zu sagen: Mensch, so ein Flachdach ist im Prinzip moderner als ein Satteldach. Und eine Panorama-Scheibe ist moderner als eine Scheibe, die noch ein richtiges Fensterkreuz und womöglich noch Fensterläden hat. Für den Einzelnen ist im städtischen Erleben das gar nicht so das Zentrale. Da geht es eher um Atmosphären", befindet Rauterberg.

"Teure "Fake-Ästhetik'"

In Frankfurt wird in Erinnerungen geschwelgt: Als Häuser noch schmucke Fassaden hatten. Ein Hoch auf die Individualität. Kein Haus gleicht dem anderen. Dicht an Dicht: Mit Liebe zum Detail ist hier etwas wiederauferstanden, das nach dem Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich verloren geglaubt war. Sogar Original-Fragmente aus dem Mittelalter wurden in die Häuser eingefügt.

Teure "Fake-Ästhetik", mehr nicht! sagt der Architekturtheoretiker Philip Oswalt: "Es ist ein Ausdruck von dieser Sehnsucht nach einer heilen Welt, die man in der Vergangenheit zu finden glaubt und meint, die dann wenigstens punktuell mit so einer Art von Musealisierung wieder hervorholen zu können."

"Starke Liebe zum Hybriden"

Ja, die kann man in Frankfurt spüren: die Sehnsucht nach einer "heilen Welt. Aber sie ist voller Brüche, diese "Neue Altstadt". Auch stilistisch: von den 35 Häusern sind nur 15 historisch getreu rekonstruiert. Bei den anderen wurden alte Baustile neu interpretiert und in einer modernen Ästhetik umgesetzt.

"Die Altstadt ist in Wahrheit ja nicht alt, sondern sie zeugt von einer starken Liebe zum Hybriden. Dass man sagt: Wir wollen nicht das Original aus einem Guss, sondern wir nehmen es hin und finden es sogar inspirierend, dass unterschiedliche Welten, unterschiedliche Vorstellungen von dem, was Schönheit sein kann, aufeinander treffen und sich durchdringen", so Rauterberg.

Rechtes Ideengut und Geschichtsverfälschung?

Neuinterpretation und Rekonstruktion: Das wirkt mal gelungen, mal etwas schräg. Bleibt der generelle Vorwurf: In der Historisierung liege rechtes Ideengut. Auch in Frankfurt. Von rechten Initiatoren war gar die Rede. Selbst das Fachwerk per se geriet unter Ideologie-Verdacht. Mehr noch: Mit dem Wiederaufbau einer ehemals zerbombten Altstadt werde die Geschichte verfälscht.

"Die Frage ist ja immer nur: Wie gehen wir mit der Geschichte um? Und ist das ein Projekt, das den Rückblick auf die NS-Verbrechen, den Rückblick auf den Bombenkrieg verstellt? Und ich glaube eher, dass das umgekehrt sein wird. Dass viele Leute kommen und fragen: 'Hey, warum sieht das hier so seltsam halb modern, halb altstädtisch aus? Was war da eigentlich?' Und das so ein Impuls ist, sich vielleicht stärker mit der Geschichte zu beschäftigen", so Rauterberg.

Touristenattraktion und lebendiger Stadtkern

Für Aufsehen sorgt sie schon mal, die neue Frankfurter Altstadt. Und bei vielen sogar für Begeisterung. Das räumt sogar ein Kritiker ein: "Wir wollten eben für eine multikulturelle Großstadt ein interessantes kulturelles Stadtzentrum schaffen. Wir haben jetzt eine neue Altstadt, die viele Emotionen der Menschen bedient. Und dadurch eben auch ein großer Erfolg sein wird", sagt Engel.

Eine Touristenattraktion wird sie sicher, die neue Frankfurter Altstadt. Aber vielleicht wird sie mit ihren Wohnungen, den Cafés und Geschäften auch ein lebendiger Stadtkern. Und – das ist vielleicht gar nicht so verwerflich – mit der kleinteiligen, historisierenden Architektur ein überschaubarer Sehnsuchtsort. Einer, der sich den übermächtigen Glas- und Betonfassaden der Bankenmetropole entgegensetzt.

Autorin: Tanja Küchle

Stand: 03.06.2018 23:05 Uhr

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