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Verfilmung eines Skandalbuchs

Houellebecqs "Unterwerfung" kommt ins Fernsehen

Mit der Aussicht auf ein höheres Gehalt und mehrere Ehefrauen versucht Robert Rediger  (Matthias Brandt),  Präsident der neuen islamischen Universität, François (Edgar Selge, re.)zur Konversion zum Islam zu überzeugen.
Szene aus "Unterwerfung": Mit der Aussicht auf ein höheres Gehalt und mehrere Ehefrauen versucht Robert Rediger (Matthias Brandt), Präsident der neuen islamischen Universität, François (Edgar Selge, re.)zur Konversion zum Islam zu überzeugen. | Bild: rbb/NFP/Stephanie Kulbach

Es war der Skandalroman 2015: Michel Houellebecqs "Unterwerfung", eine satirisch-dystopische Parabel darüber, wie das erschlaffte, an Werten und Idealen schwächelnde Frankreich sich langsam in einen islamischen Gottesstaat verwandelt. Eine bitterböse Abrechnung mit der liberalen, einzig auf Konkurrenzkampf und Eigeninteresse basierenden Konsumgesellschaft. Ein Gedankenexperiment, angesiedelt im Frankreich des Jahres 2022, das durch den terroristisch-islamistischen Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" plötzlich sehr real wirkte: Steht der Westen vor einem Religionskrieg – und wie könnte er sich schützen?

 Michel Houellebecq auf der Frankfurter Buchmesse 2017
Michel Houellebecq auf der Frankfurter Buchmesse 2017 | Bild: dpa / Boris Roessler

Drei Jahre später kommt die Geschichte nun in Deutschland ins Fernsehen. In einer Zeit, in der Islamophobie auch bei uns zunimmt und vermehrt über Heimat und eine Rückbesinnung auf ureigene deutsche, nationale Werte gesprochen wird. Kann man Houellebecqs Zeitdiagnose, die er für sein eigenes Land verfasst hatte, auf Deutschland übertragen?

Spiel mit der Angst

Irgendwas ist hier im Gange. Das spürt François. Eigentlich interessiert sich der mittelmäßige Pariser Literaturprofessor nur für junge Studentinnen – und längst verstorbene Autoren. Doch plötzlich ist es da: dieses Gefühl der Bedrohung.

Filmszene: "Entschuldigung, ich bin Professor an dieser Universität. Ich möchte jetzt hier meine Vorlesung halten. – Ist doch kein Problem, Monsieur. Wir wollten nur unsere Schwestern besuchen."

"Eine hysterische Gesellschaft"

Ist das der Anfang einer Islamisierung? Oder nur Panikmache? Mit diesen Ängsten spielt der Roman "Unterwerfung" – Bestseller aus dem Jahr 2015. Nun wurde er verfilmt– in einer Zeit, in der viel über den Islam gesprochen wird. Die Ausgangslage ist beklemmend aktuell.

"Er handelt schon von einer hysterischen Gesellschaft, die in Angst sich steigert und überreagiert, die Zahlen und die Fakten aus den Augen verliert und angefeuert durch populistische Politiker und undifferenzierte Medien Dinge einfach übertreibt und die eskalieren dann", sagt Regisseur Titus Selge.

"Diese unterste Schublade von Machowitzen"

Skandalautor Michel Houellebecq: Mit "Unterwerfung" lieferte der Franzose eine bitterböse Abrechnung mit seinem Land. Ein umstrittenes Buch. Auch das Frauenbild, das er darin schildert, wurde heftig kritisiert. Für François sind Frauen reine Lust-Objekte. Er selbst ein Trinker. Jämmerlich, triebgesteuert, im Film gespielt von Edgar Selge. Ein Chauvinist in der Midlife-Crisis, mit provozierenden Ansichten, wie in einer Filmszene: "Ich habe es eigentlich nie für eine gute Idee gehalten, Frauen das Wahlrecht zu geben. Sie zu denselben Studiengängen und Berufen zuzulassen und so weiter. Ich meine, wir haben uns letztlich daran gewöhnt, aber ist das wirklich eine gute Idee?"

"Diese unterste Schublade von Machowitzen, die er hat, schlägt in erster Linie auf den Mann zurück. Und es ist die Krise eines Individuums, der immer einsamer wird", sagt Shauspieler Edgar Selge.

Präsidentschaftswahl im Jahr 2022

François lebt im Frankreich des Jahres 2022, die Präsidentschaftswahl steht an. Die liberal-bürgerliche Klasse ist völlig unpolitisch geworden. Während sie Cocktail-Partys feiern, radikalisiert sich das Land. Es herrschen bürgerkriegsähnliche Unruhen. Kurz vor der Präsidentenwahl driftet die Gesellschaft immer weiter nach rechts. Am Wahlabend dann die Überraschung: Neben Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Lager erhält der Politiker einer muslimischen Partei die meisten Stimmen. Die Stichwahl: Ein Dilemma.

"Was nehmen wir eigentlich an unserer eigenen Religion überhaupt noch ernst?"

Der Fernsehfilm verwebt Spielszenen mit Theateraufnahmen aus dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Auch da hat Edgar Selge die Rolle des François gespielt. Im Bühnenbild gerät das wichtigste Symbol der Christen ins Wanken.

"Das leere Kreuz heißt, es geht eben zunächst einmal gar nicht um Islam. Sondern es geht um die Leerstelle in unserer eigenen Religion. Was nehmen wir eigentlich an unserer eigenen Tradition, an unserer eigenen Kultur, an unserer eigenen Religion überhaupt noch ernst? Diese Frage haben wir uns lange nicht gestellt", so Edgar Selge.

Legitime Provokation

Karin Beier, Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, wollte sie stellen. Sie hat das Stück in Hamburg inszeniert. Ihre Bühnenfassung diente als Vorlage für den Film. Die Provokationen von Houellebecq – für sie legitim, Übertreibungen, um aufzurütteln: "Es geht darum, mit welcher Gleichgültigkeit, mit welcher Leichtigkeit unsere Gesellschaft große Errungenschaften anheim gibt. Also dass die Demokratie leise fällt."

Die Zeit der Opportunisten

Um die Rechten und Marine Le Pen zu verhindern, wählt Frankreich den muslimischen Politiker zum Präsidenten. Der ändert die Verfassung, führt das Patriarchat, die Scharia und die Polygamie ein. Frankreich verwandelt sich ohne Gegenwehr in einen autoritären Gottesstaat. Es ist die Zeit der Opportunisten, die sich anpassen. Etwa der zum Islam konvertierte Unipräsident, gespielt von Matthias Brandt. Er verführt François – eine große Faust-Mephisto-Szene: "Es ist der nie zuvor mit dieser Kraft zum Ausdruck gebrachte grandiose und zugleich einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht."

"Wenn er über den Islam spricht, dann hat das durchaus auch verführerische Qualitäten. Und da kommt man so ein bisschen ins Trudeln. Also Dinge, die man für sich schon sicher gepachtet hat und sicher glaubt, anfangen, an ein paar Stellen angekratzt zu werden. Und das gefällt mir sehr gut. Und ehrlich gesagt: Ich finde den Text nicht islamophob, ich finde den eher sehr westkritisch", sagt die Regisseurin.

Groteske Lösung gegen Rechtspopulismus

"Unterwerfung" ist eine Satire auf die europäische Identitätskrise. Und liefert eine groteske Lösung gegen Rechtspopulismus und den Zerfall der Gesellschaft: Freiheitlich-demokratische Werte sind passé, der Islam hat Europa übernommen. François überlegt gar zu konvertieren.

Filmszene: "Es ist offenbar schwierig, direkt zu fragen: Wie hoch wird mein Gehalt sein? Wie viele Frauen darf ich haben? – Was das Gehalt betrifft, da habe ich schon eine ungefähre Vorstellung. – Ja, die Anzahl der Frauen ergibt sich mehr oder weniger daraus."

"Wie viel sind wir bereit, für unsere Werte zu tun?"

Wie leicht lassen wir uns kaufen? Der Film provoziert. Immer wieder. Doch gerade mit solch absurden Dialogen zeigt er auch, was wir zu verlieren haben. "Die Gleichstellung der Frau – das geht ja so weg. Das wird ja kaum kommentiert. Es gibt einfach Errungenschaften, wofür man sich auf die Hinterbeine stellen muss", so Beier.

"Die Frage, wie viel sind wir bereit, für unsere Werte zu tun? Sie zu vertreten? Sie auch öffentlich zu leben? Die wird glaube ich auch immer wichtiger", sagt Regisseur Selge.

"Unterwerfung" ist ein gewagtes Filmexperiment. Mit der simplen und dennoch wichtigen Frage: Was ist uns unsere Demokratie heute eigentlich noch wert?

Autor: Simon Broll

Unterwerfung, Themenabend im Ersten, Mi. 6.6.2018 ab 20:15 Uhr

Stand: 04.06.2018 08:39 Uhr

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