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Kampf den Umweltlügen – Film und Buch "Die grüne Lüge"

Kampf den Umweltlügen – Film und Buch "Die grüne Lüge"  | Video verfügbar bis 06.05.2018

Die Umwelt lässt sich so leicht retten, man muss nur die richtigen Produkte kaufen – das suggerieren einige Konzerne. Sie preisen ihre Produkte als "nachhaltig", "fair", "natürlich" oder "umweltschonend" an und geben sich selbst ein "grünes" Image. "Greenwashing" nennt man das. Regisseur Werner Boote und Autorin Kathrin Hartmann decken jetzt in einem Film und in einem Buch solche Umweltlügen auf.

Aber es geht nicht nur gegen die Unternehmer, auch die Politik ist mitverantwortlich: Statt strenge Vorgaben zu machen, verlässt sie sich auf freiwillige Versprechungen, die nicht einklagbar sind. Der Film "Die grüne Lüge" läuft auf der Berlinale und kommt am 22. März in die Kinos, das Buch erscheint mit Blessing Verlag. "ttt" spricht mit Kathrin Hartmann über ihre Recherchen.

Buch-Tipp
Die grüne Lüge
Weltrettung als profitabels Geschäftsmodell
Von Kathrin Hartmann
Blessing Verlag (12.02.2018)
ISBN: 978-3-89667-609-2
Preis: 16 Euro

Nachhaltigkeit – bloß ein schönes Wort?

"Wir können eine gerechtere und nachhaltigere Welt für uns alle schaffen", heißt es in einem Werbespot von Unilever. "Nachhaltigkeit ist ein Teil unserer Strategie", tönt IKEA. Nachhaltigkeit – ein schönes Wort. Ein Beispiel: Palmölplantage. Artenreicher, wertvoller Urwald wird zerstört, dafür kommt wasserintensive Monokultur. Ein ökologisches Desaster, auf immer größeren Flächen. Und wie wird es verkauft? Genau: als nachhaltig.

"Mittlerweile benutzt diesen Begriff jeder, weil der natürlich auf keine Art und Weise geschützt ist", erklärt Kathrin Hartmann. "Das kann alles Mögliche sein. Es gibt Gründe, warum man von nachhaltigen Palmöl spricht und nicht von ökologisch und sozial gerechtem Palmöl. Denn: Das gibt es nämlich nicht."

Der Kunde soll es richten und hat Schuld, falls es nicht klappt

Ein Werbeclip des weltgrößten Palmölverbrauchers Unilever wird flankiert vom WWF. Ein selten wehmütiger Abgesang auf den Wald. Ein Schuldeingeständnis? Nö – der Kunde soll es richten. "Du bist der einzige, der helfen kann", heißt es dort. "Das ist ja das Problem dieser grünen Lügen, weil sie alles zu einer individuellen Konsumentscheidung macht", so Hartmann. "Und dass sie uns als diejenigen hinstellt, die Schuld haben."

Täglich werden wir mit leeren Versprechungen und Beschönigungen manipuliert, so der Film "Die grüne Lüge". Alles werde besser, konsumiert fröhlich weiter. Gegenbeispiel Palmöl: Es steckt nicht nur in Biosprit, sondern auch in vielen unserer Süßigkeiten. Ein Aktivist in Indonesien erzählt von den Folgen des Palmöl-Anbaus durch Großkonzerne: "Menschenrechtsverletzungen. Gewalt gegen Bauern und Gemeinden. Vertreibungen, Umweltzerstörung und Armut."

Film-Tipp
Die grüne Lüge
Regie: Werner Boote
Österreich/Deutschland/Brasilien/Indonesien/USA 2017
Länge: 97 Min.

Ab 22. März im Kino

Modeindustrie: freiwilliges Bündnis statt härtere Gesetze

"Es gibt selbstverständlich Konzerne, die auf eine Art und Weise wirtschaften, die kriminell sind – ethisch betrachtet kriminell sind, juristisch halt eben nicht", sagt Hartmann. Seit Jahren recherchiert sie zum Thema Greenwashing, sie hat das Buch dazu geschrieben. Sie sieht immer mehr verwirrende Informationen und aussagelose Zertifikate, besonders in der Modeindustrie.

Werbeclips suggerieren, die Meere werden gereinigt, weil Plastikmüll zu Mode verarbeitet wird – passiert nur zu Bruchteilen. Recyceln? Gut fürs Gewissen, aber unser Megakonsum an ständig neuen Klamotten bleibt. Eine ökologische wie soziale Katastrophe in den Herstellungsländern. Um die Bedingungen dort zu verbessern, setzt das Entwicklungsministerium auf ein freiwilliges Textilbündnis statt härterer Gesetze. Mitmachen muss niemand. Wegen der Regierungsfindung in Berlin konnte sich Entwicklungsminister Gerd Müller nur schriftlich äußern:

»Bündnisse und Siegel sind ein wichtiger erster Schritt. Das Textilbündnis hat 150 Mitglieder. Darunter auch Branchenriesen. Sie alle haben sich verpflichtet, ihre Unternehmen in den Bereichen Sozialstandards, Chemikalien und nachhaltigen Naturfasern nachweisbar zu verbessern. Bei jedem einzelnen von uns muss es "Klick" machen. Denn wir alle können für Nachhaltigkeit etwas tun. Zum Beispiel bei unserem täglichen Einkauf.«

Das sieht Kathrin Hartmann anders: "Es darf nicht die Entscheidung von uns individuell sein, zu sagen: Ich kaufe dies und jenes nicht mehr, damit dies und jenes nicht mehr passiert, sondern ich muss mich doch drauf verlassen können, das Dinge, die ich brauche, so hergestellt sind, dass Menschenrechte nicht verletzt werden und die Umwelt nicht zerstört wird. Da muss es doch Regeln und Gesetze für geben. Und da wird dann in Deutschland groß rumgetan mit einem Textilbündnis und einem Textilsiegel, das wieder nur im Prinzip der Industrie nützt, alles auf die lange Bank zu schieben."

"Die grüne Lüge" fordert: mündige Bürger statt passive Konsumenten

"Die grüne Lüge" zeigt prägnant: Wenn wir immer mehr verbrauchen, hilft es auch nicht, wenn das einzelne Produkt etwas weniger umweltschädlich hergestellt wird. Dazu gehören auch Technikverheißungen wie das E-Auto, in dem umweltschädliches Lithium steckt und dessen Strom auch aus Kohle erzeugt wird. Die Botschaft von Buch und Film: Wir dürfen uns nicht bloß als passive Konsumenten verstehen – wir müssen als mündige Bürger agieren und vehement Gesetze einfordern. Für eine Welt, die überleben kann.

Kathrin Hartmann: "Die eigentliche Lüge ist, dass es so weitergehen kann wie bisher, dass wir reichen Ländern im Norden oder in den kapitalistischen Zentren weiterhin ein irres Wachstum haben können, einen irren Konsum, eine wahnsinnig hohe Mobilität haben können und dass das ohne Folgen bleibt."

(Beitrag: Thorsten Mack)

Stand: 11.02.2018 20:52 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Norddeutschen Rundfunk produziert.