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"Krimterrorist" oder politischer Gefangener – Der Fall der Filmemachers Oleg Sentsov

PlayOleg Sentsov hinter Gittern.
"Krimterrorist" oder politischer Gefangener – Der Fall der Filmemachers Oleg Sentsov | Video verfügbar bis 10.06.2019 | Bild: dpa / Pochuyev Mikhail

Es gab schon diverse Solidaritätsaktionen für den ukrainischen Filmemacher Oleg Sentsov: Apelle der European Film Academy, prominente Fürsprecher und einen preisgekrönten Dokumentarfilm, der seine Geschichte erzählt. Oleg Sentsov wurde 2014, nach der Annektion der Krim durch Russland, verhaftet und als "Krimterrorist" zu 20 Jahren Haft verurteilt. Sein Vergehen: öffentliche Kritik an der russischen Intervention auf der Krim und Unterstützung der Proteste auf dem Maidan in Kiew. Jetzt ist Sentsov in einen unbefristeten Hungerstreik getreten, um seine Freilassung und die anderer ukrainischer Häftlinge zu erzwingen.

Seit vier Jahren in Haft in Sibirien: Oleg Sentsov

»Das Gericht befindet Oleg Sentsov für schuldig, eine terroristische Organisation gegründet zu haben. Dafür wird Sentsov zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. 20 Jahre in einem Gefängnis mit verschärften Sicherheitsbedingungen.«

Ungläubiges Lächeln damals bei Sentsov. Inzwischen sitzt er seit fast vier Jahren in Sibirien im Straflager IK-8 in der Nähe von Workuta. Namen, die sich in die Gene fast jeder russischen Familie eingeschrieben haben: Gulag. Wir treffen in Moskau Sentsovs Anwalt Dmitri Dinse. Am 15. Mai übergab Sentsov ihm im Gefängnis ein Papier: die Erklärung seines Hungerstreiks. "Ich war bei ihm im Lager. Dort hat er mir die Sache mit dem Hungerstreik erläutert, und er hat mir seine handschriftliche Erklärung übergeben", erzählt er.

"Ich, Oleg Sentsov, ukrainischer Staatsbürger (...) verkünde meinen unbefristeten Hungerstreik," so schreibt Sentsov. Und er fordert die Freilassung aller ukrainischen politischen Gefangenen in Russland. "Er hat diesen Zeitpunkt für den Hungerstreik kurz vor der Fußball-WM natürlich bewusst gewählt", erklärt der Anwalt. "Die Welt schaut nach Russland – und nun sieht sie eben nicht nur die WM, sondern auch den Fall Sentsov."

Sentsov: Vom Filmemacher zum Staatsfeind

Geboren wurde er 1976 auf der Krim. 2012 drehte Sentsov seinen ersten Film: eine unpolitische Dokumentation über Computerspieler. Zwei Jahre später: die Krim-Krise. Sentsov wurde Aktivist und unterstützte die in ihren Kasernen festgesetzte ukrainische Armee mit Lebensmitteln. Damit war er zum Staatsfeind geworden. Vorm Fernseher mussten Sentsov 11-jähriger Sohn und seine 13-jährige Tochter ansehen, wie aus dem Vater, einem unbekannten Filmemacher, ein "Terrorist" geworden war.

Künstler aus aller Welt fordern Sentsovs Freilassung

Seit Jahren bereits fordern Künstler aus aller Welt – auch aus Russland – Sentsovs Freilassung. Jetzt hat die Sache eine dramatische Wendung genommen. Nach 28 Tagen Hungerstreik verschlechtert sich Sentsovs Zustand. In einem offenen Brief verlangen unter anderem die Nobelpreisträgerinnen Herta Müller und Swetlana Alexijewitsch Sentsovs sofortige Freilassung. Filmemacher wie Ken Loach, Aki Kaurismäki und die polnische Regisseurin Agnieszka Holland haben sich in einer Erklärung der European Film Academy für Sentsov eingesetzt.

"Wir sind inzwischen sehr besorgt, nicht nur um Sentsov Freiheit, sondern um sein Leben", sagt Agnieszka Holland. "Einige unserer russischen Kollegen, bekannte Filmemacher wie Alexander Sokurow, haben sich öffentlich für Oleg eingesetzt und bei Putin seine Freilassung gefordert. Sokurow hat es sogar persönlich gemacht und Putin direkt angesprochen."

Russland: Tiefe Gräben zwischen Künstlern und Regierung

Zwischen dem preisgekrönten Regisseur Sokurow und Präsident Putin gab es ein Wortwechsel, der zeigt, wie tief der Graben zwischen Künstlern und Macht ist. "Ich habe eine sehr herzliche Bitte an Sie, Wladimir Wladimirowitsch, als Bürger und als Regisseur. Lassen Sie uns das Problem des ukrainischen Regisseurs Oleg Sentsov lösen. Ich flehe Sie an, finden sie eine Lösung für das Problem", sagt Sokurow in dem Dokumentarfilm "Trial". Putin: "Was seine künstlerische Arbeit angeht – dafür sitzt er nicht im Gefängnis, sondern für etwas ganz anderes. Er hat sein Leben in den Dienst terroristischer Aktivitäten gestellt."

Sentsov wurde also nicht als Künstler verurteilt. An ihm wurde ein Exempel statuiert, um jeglichen Widerstand gegen die Einnahme der Krim im Keim zu ersticken.

Internationale Proteste während der Fußball-WM

Während der WM könnte noch ein ähnlicher Fall für neuen öffentlichen Ärger sorgen: Seit August 2017 ist der international renommierte Film- und Theaterregisseur Kirill Serebrennikow mit einer Fußfessel unter Hausarrest. Der Vorwurf: Unterschlagung öffentlicher Kulturgelder. Am 19. Juli endet der Hausarrest. Dann müsste man ihn frei lassen oder anklagen – oder den Hausarrest verlängern.

Können Sentsovs Hungerstreik und die internationalen Proteste für die Freilassung der beiden Künstler die Fälle lösen oder nur noch mehr blockieren? "Ob es helfen kann? Ich weiß nicht", so Holland. "Vielleicht können wir jene Politiker wecken, die Einfluss auf Putin haben. Vielleicht ist die Fußball-WM ein guter Anlass, um Milde walten zu lassen."

"Ich denke, Chancen gibt es immer", sagt Anwalt Dinse. "Ich sage, es steht 50 zu 50. 50 Prozent, dass er entlassen und 50 Prozent, dass er im Lager sterben wird." Für Putin und die Hardliner wird der Fall Sentsov, wenn er eskaliert, schwer zu handeln sein: Aus dem Fall eines unbekannten Regisseurs, der ein bisschen Protest organisiert hat, könnte ein internationaler Skandal werden.

Ein tragischer Wettlauf hat begonnen – zwischen Sentsovs Hungerstreik und dem Beginn der WM in wenigen Tagen.

(Beitrag: Ulf Kalkreuth)

Stand: 10.06.2018 19:05 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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