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"Die Welt im Selfie" – Wie der Tourismus Städte zerstört

PlayEine Gruppe von Menschen macht ein Selfie.
"Die Welt im Selfie" – Wie der Tourismus Städte zerstört | Video verfügbar bis 10.06.2019 | Bild: NDR

Der Tourismus ist die größte Industrie der Welt, so der italienische Autor und Journalist Marco d’Eramo. Und er hat fatale Folgen: Er verdrängt Einheimische, zerstört Landschaften und Städte. In seinem scharfsinnigen Buch "Die Welt im Selfie" analysiert d’Eramo unser "touristisches Zeitalter": Er schreibt über die Touristen, die zwanghaft auf der Suche nach dem Authentischen sind und gleichzeitig eine perfekte moderne Infrastruktur verlangen. Darüber, wie sich Innenstädte im Zeitalter von "Airbnb" verändern und für Einheimische unerschwinglich werden. Außerdem klagt d’Eramo über die UNESCO, die mit dem Titel "Weltkulturerbe" aus lebendigen Städten tote Kulissen mache.

Tourismus: einer der stabilsten Wirtschaftszweige

Marco d’Eramo
Wie verändert Tourismus unsere Städte? Darüber hat Marco d’Eramo ein Buch geschrieben: "Die Welt im Selfie". | Bild: NDR

Mit vier Prozent Wachstum pro Jahr ist der Tourismus einer der stabilsten Wirtschaftszweige der Welt, seit Jahrzehnten. Raus aus dem Alltag – das hat steigende Konjunktur. Aber wir Touristen wollen natürlich kein Wirtschaftsfaktor sein. Wir wollen die echte Begegnung. Das einmalige Erlebnis, das Authentische, das wahre Japan, das echte Afrika, die pure Türkei. "Als Touristen suchen wir nach etwas Immateriellem. Aber um in diesen Genuss zu kommen, brauchen wir eine gewaltige Infrastruktur: Fahrzeuge, Unterbringung, Organisation – ein gewaltiger Aufwand, um Leichtigkeit zu erleben", sagt d'Eramo.

Wir wollen Authentizität UND eine perfekte Infrastruktur. Wie gut zum Beispiel der Safariguide in einem afrikanischen Land als Dienstleister funktioniert, schreiben wir gleich ins Internet. Mit jeder Bewertung im Netz arbeiten wir der Tourismus-Industrie in die Hände. Der Tourist ist ihr Kunde und Angestellter zugleich – denn  jedes Selfie wirbt bei denen daheim: Da müsst ihr hin!

Die UNESCO im Dienst der Tourismusbranche

Auch im Dienst des Tourismus: Die UNESCO. Die Reste des antiken Rom sind Weltkulturerbe. Der Titel wird von vielen  Städten als Ritterschlag gefeiert. Für d’Eramo ist es der Todesstoß: "Wo UNESCO-Weltkulturerbe drauf steht, wird das städtische, vielfältige Leben zerstört. Niemand wohnt mehr in diesen Welterbe-Zonen. Wenn Sie da rein kommen, können Sie es förmlich riechen. Schauen Sie sich Porto in Portugal an. Eine wunderschöne Stadt. Aber wenn Sie in die UNESCO-Zone kommen, merken Sie sofort: keine normalen Leute mehr, nur noch Touristenführer, Restaurants und Souvenir-Läden."

Das damals ärmliche Porto bekam den Welterbetitel 1996. Seit 2013 kommen die Billigflieger. Und aus Gemüseläden wurden Touri-Shops.

Wohnungen zu teuer für Einheimische

Irgendwann spielen Touristenstädte sich dann selbst, werden zur Kulisse - gut zu beobachten am römischen Colosseum. Andererseits brauchen strukturschwache Städte wie Rom und Porto die Touristenindustrie. Sie produziert Jobs. Nur: Seit Tausende von Wohnungen über Airbnb für Urlauber vermietet werden, können sich Leute mit einfachen Jobs die eigene Stadt nicht mehr leisten.

Mehr als ein Viertel der Wohnungen in Marco d’Eramos Haus sind in AirBnB-Hand. Da kommt kein einheimischer Mieter mehr rein.

Einwohner protestieren gegen Touristen

Manchen reicht es mit der Beliebtheit ihrer Städte. In Venedig protestieren Einwohner gegen die Kreuzfahrtschiffe. In Barcelona sprühen Einheimische Graffitis an die Wände: Touristen, ihr tötet die Stadt! Geht nach Hause! Einige Städte überlegen jetzt, wie sie die Massen kanalisieren können. Im Rom lässt man’s laufen, sagt d’Eramo.

Trastevere, das früher ein Arme-Leute-Viertel war, ist heute: pittoresk und mangiare! "Hier waren früher Cafés für Einheimische, heute ist das ganze Viertel ein einziges großes Restaurant", erzählt der Autor. "Warum Essen so wichtig ist? Die Touristen sind meist abgeschottet vom Reiseland. In einem Bus zum Beispiel riecht man nichts, fühlt man nichts. Man ist auf den Seh-Sinn reduziert. Nur beim Essen, da hat man wirklich Kontakt mit dem Reiseland. Deshalb sind auf der ganzen Welt die touristischen Zentren voll mit 'typischen Restaurants'."

Ja, das Essen! Aber irgendwie war Rom früher römischer. Was sagt denn unser Handy, wo wir stattdessen hinfahren sollen? Die Top-Städte 2018: Sevilla? Waren wir schon! Detroit! "Verfallene Autofabriken und junge Kreative", steht da. Das klingt super! Nix wie hin!

(Beitrag: Lennart Herberhold)

Buch-Tipp
Die Welt im Selfie
Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters
Von Marco d’Eramo
Suhrkamp (16.04.2018)
ISBN: 978-3-518-42809-2
Preis: 26 Euro

Stand: 10.06.2018 19:03 Uhr

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