Die 255 Tage von Chris Dercon – Chronologie eines Desasters

"Der Vorhang zu und alle Fragen offen…" | Video verfügbar bis 15.04.2019

Das Ende:

Am Donnerstag, 12.April 2018, hat Chris Dercon einen Termin, der sein Leben verändern wird. Am Mittwoch war er in einem überraschenden Anruf gebeten worden, am nächsten Tag um 10 Uhr zu einem Gespräch in die Berliner Kulturverwaltung zu kommen. Von seinem Haus in Berlin-Zehlendorf fährt er mit der U-Bahn zum Sitz der Kulturverwaltung in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte, etwa 15 Minuten Fußweg entfernt von seinem Arbeitsplatz, der Berliner Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz. Er leitet sie seit sieben Monaten als Intendant. Chris Dercon kommt alleine in die Kulturverwaltung. Hätte er gewusst, was ihn dort erwartete, hätte er wahrscheinlich einen Anwalt mitgenommen.

Erst drei Tage zuvor, am Montag, war er schon einmal in den Büros in der Brunnenstraße gewesen, um vor den zuständigen Referenten über die wirtschaftliche und künstlerische Lage des Theaters zu berichten. Sie ist katastrophal. Die Auslastung der Theatervorstellungen auf der großen Bühne liegt bei unter 50 Prozent. Viele Vorstellungen in dem Haus mit 824 Plätzen, dem größten Theater Berlins, haben weniger als 200 Zuschauer. Das Budget reicht kaum noch für größere Repertoireproduktionen. Prominente Künstler sagen vereinbarte Auftritte ab, renommierte Regisseure beenden die Zusammenarbeit mit dem Theater schon vor ihrer ersten Premiere. Die Volksbühne ist in der Krise.

Chris Dercon sitzt in der Brunnenstraße im Büro des Staatssekretärs. Ihm werden zwei Briefe übergeben: eine Kündigung, gültig ab September, und die sofortige Freistellung von seinen Aufgaben als Intendant. Nach nur sieben Monaten im Amt will ihn sein Dienstherr, das Land Berlin vertreten durch die Kulturverwaltung, nur noch so schnell wie möglich loswerden.

Nach dem Termin in der Brunnenstraße geht Chris Dercon in sein Intendanten-Büro im dritten Stock der Volksbühne, ein letztes Mal. Er informiert seine Programmdirektorin Marietta Piekenbrock. Sie beschließen, die Kündigung im Haus nicht zu kommunizieren. Am Abend hat auf der großen Bühne die Inszenierung "What if Women Ruled the World" Premiere. Darauf wollen sich Dercon und Piekenbrock jetzt konzentrieren. Dercon versucht, den Schock der Entlassung zu überspielen. Er versucht, Peter Raue, seinen Anwalt, zu erreichen. Raue ist im Urlaub in Südamerika.

Dercon raucht im Hof, wie immer. Er setzt sich zum Mittagessen in die Kantine. Eigentlich hätte er an diesem Abend zur Premiere eine kleine Ansprache halten sollen. Er sieht die Premiere nicht mehr. Um 16 Uhr verlässt er die Volksbühne, ohne sich von seinen Mitarbeitern zu verabschieden. Auf Anrufe und SMS reagiert er nicht mehr. Dies ist die Geschichte, wie es so weit kam:

Berliner Volksbühne
Berliner Volksbühne | Bild: Tagesspiegel/dpa / Kai-Uwe Heinrich

19. September 2014: Das erste Treffen

Es begann in der "Deutsche Bank KunstHalle", Berlin, Unter den Linden. Am 19. September 2014 eröffnete Chris Dercon, damals Leiter der Tate Modern, eine Ausstellung zu afrikanischer Gegenwartskunst. Im Publikum war auch Tim Renner, Berlins Kulturstaatssekretär und neben dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator der mächtigste Kulturpolitiker Berlins.

"Damals habe ich Tim Renner kennengelernt. Wir haben uns etwa zehn Minuten lang unterhalten. Die Volksbühne war an diesem Abend kein Thema. Wir haben unsere Handynummern ausgetauscht, es war ein entspannter erster Kontakt, mehr nicht. Tim Renner denkt über Grenzen hinaus, das habe ich am ersten Abend mitgekriegt." Chris Dercon*

"Wir haben uns in der Kulturverwaltung intensiv mit der Frage beschäftigt, wer Nachfolger von Castorf werden könne. Manche Kandidaten hatten gerade neue Verträge unterschrieben, andere schlichtweg Angst davor, als Nachfolger von Castorf anzutreten. Sie fürchteten entweder den von ihm über 25 Jahre geprägten Apparat der Volksbühne, oder den Vergleich mit dem Ausnahmeregisseur Castorf, oder beides." Tim Renner*

"Es geht um die Zukunft der Volksbühne"

Einige Tage später schickte Tim Renner eine SMS an Chris Dercon und bat ihn um ein Gespräch. Der Rückruf kam während einer Sitzung der SPD-Fraktion im dritten Stock des Abgeordnetenhauses. Er verließ den Raum und telefonierte mit Dercon.

"Tim Renner rief bei mir an und fragte: ‚Könnten Sie sich Gedanken machen über die Volksbühne?‘ Ich dachte, er wollte mit mir über das Humboldt Forum reden, aber er sagte dann, es gehe um die Zukunft der Volksbühne und die der Kunst-Werke. Und so kam es dann." Chris Dercon

24. Oktober 2014: Nachfolge für Castorf

Chris Dercon kam wieder nach Berlin, um eine Diskussion mit afrikanischen Künstlern zu moderieren. Die Diskussion fand am Abend statt. Am Nachmittag des gleichen Tages, dem 24. Oktober 2014, erschien er um 12.30 Uhr zu einem Arbeitstreffen in der Berliner Kulturverwaltung in der Brunnenstraße in Mitte. Thema des Gesprächs laut internen Akten der Kulturverwaltung: "Auslotung von Möglichkeiten/Chancen hinsichtlich Nachfolgeregelung Castorf”. Dercon erinnert sich, dass er bei diesem Treffen gefragt wurde, ob "er sich vorstellen könnte, nach Berlin zu ziehen."

"Bei der Sitzung am 24. Oktober 2014 ging es um die Zukunft der Volksbühne und die der Kunst-Werke. Es war die Idee von Tim Renner, beide Einrichtungen unter einer gemeinsamen Leitung zu verbinden. Das fand ich nicht interessant. Meine Bedingung war immer eine Ausdehnung nach Tempelhof. Das hat mich interessiert!" Chris Dercon

Nach einer internen Chronik, die Marietta Piekenbrock für Chris  Dercon verfasst hat, war es Matthias Lilienthal, der Dercon vorgeschlagen hatte, Tempelhof als neue Spielstätte aufzubauen.

"Dercon zeigte großen Respekt und Zuneigung zu dem Haus. Er hatte aber den nötigen Abstand, um die Aufgabe selbstbewusst anzugehen. Bei ihm musste man keine Sorgen haben, dass er sich an seinem Vorgänger abarbeiten würde. Wir gingen davon aus, dass er Neues hinzufügen könnte. Gerade weil er seine berufliche Anerkennung außerhalb des Theaters erlangt hatte, hofften wir, mit ihm sowohl Kontinuität als auch Weiterentwicklung erreichen zu können." Tim Renner

Aber Dercon war noch unentschlossen. Parallel verhandelte er auch noch über die Leitung des Museums Basel.

Eine SMS, die ein ganzes Leben verändert

Wenige Tage später bekam Marietta Piekenbrock eine SMS von Chris Dercon. Sie war zu Hause in Essen und hatte gerade beschlossen, nach zehn anstrengenden Jahren bei der Ruhrtriennale beruflich eine Pause zu machen. Ihre Mutter war krank, sie bereitete einen Umzug vor.

"Ich habe Marietta eine SMS geschrieben: ‚Hör mir zu, weißt Du, was mir jetzt passiert, Tim Renner hat mir die Volksbühne angeboten…was denkst Du?‘. Das habe ich auch noch mit drei, vier anderen engen Vertrauten besprochen. So eine Entscheidung darf man nicht alleine treffen." Chris Dercon

"Chris Dercons SMS war kurz: ‚Tim Renner hat mir die Volksbühne angeboten. Was meinst Du?‘ Ich war in dieser Zeit sehr mit anderen Dingen beschäftigt, so dass ich das zuerst ignoriert habe. Ich hatte keine Ahnung, wie diese kleine SMS mein ganzes Leben verändern würde." Marietta Piekenbrock*

Chris Dercon und Programmchefin Marietta Piekenbrock
Chris Dercon und Programmchefin Marietta Piekenbrock  | Bild: Tagesspiegel/dpa / Thilo Rückeis

November 2014 - Januar 2015: Die Idee der "Neuen Volksbühnen" entsteht

Von November 2014 bis Januar 2015 entwickelten Dercon und Piekenbrock erste Konzepte für ihre mögliche Intendanz an der Volksbühne. In Mails zwischen ihnen und Tim Renner wird schon der neue Name des Theaters verwendet: "Neue Volksbühnen". Ein Konzept, das einen entscheidenden Anteil am Untergang Dercons haben wird.

Tim Renner
Tim Renner

Zur Vision der Neuen Volksbühnen gehörte es, zwei Hangars am stillgelegten Flughafen Berlin Tempelhof zu bespielen. Im Zentrum: Die riesige Abfertigungshalle des Flughafens als Eingang zu Hangar 5 und 6, ähnlich des Eingangs der Tate Modern. "Die Idee war immer die Expansion der Volksbühne, nie die Beschränkung auf die alte Volksbühne", sagt Tim Renner. "Es entsteht ein aussagekräftiges Identitätszeichen, mit dem sich die Stadt Berlin als Standort für Kunst und international neu positioniert", heißt es in einem internen Konzeptpapier. Internationale Künstler sollten Werke zwischen Bildender Kunst, Theater, Installation, Medienkunst und Tanz produzieren und aufführen. Geplant wurde in großen Dimensionen: Am 29. November 2014 schreibt Dercon in einer Mail, dass jährlich 250 000 Besucher nach Tempelhof kommen könnten.

Obwohl sich Chris Dercon noch nicht für Berlin entschieden hatte, entwickelten er und Tim Renner in den Tagen bis Jahresende Aktivitäten, die eine Intendanz Dercons an den Neuen Volksbühnen vorbereiteten.

27. Dezember 2014: Die Besichtigung von Tempelhof

Im Dezember 2014 konnte Chris Dercon zum ersten Mal den Ort besichtigen, der zum Zentrum seiner Vision der Neuen Volksbühnen werden sollte: den Flughafen Tempelhof. Die Tempelhof GmbH organisierte eine Ortsbegehung für ihn und einen erfahrenen Theater-Profi, der an die Zukunft von Tempelhof als Kunstort glaubte: Matthias Lilienthal, der frühere Intendant des Berliner Theaters HAU und designierte Intendant der Kammerspiele München, die er im Sommer 2015 übernehmen sollte.

Chris Dercon auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin
Chris Dercon auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin  | Bild: dpa / Jörg Carstensen

"Am 27. Dezember 2014 war ich mit Matthias Lilienthal in Tempelhof. Ich kannte das Gelände von der ‘Weltausstellung’, die Matthias dort auf dem Feld gemacht hatte. Er wollte damals schon die Hangars bespielen, aber das ging nicht, weil er die Miete nicht bezahlen konnte, die Miete war zu hoch. Der Besuch war toll, es gab eine Tempelhof-Mitarbeiterin, die Matthias und mich empfangen hat. Es war sehr kalt und sonnig an diesem Tag, ich war sehr, sehr begeistert. Die Turbine Hall der Tate Modern ist groß, aber diese Hangars sind noch viel größer, und man kann sogar die Türen zum Tempelhofer Feld aufschieben." Chris Dercon

100 Jahre Volksbühne – ein Fest mit Signalwirkung

Drei Tage später, am 30.12.2014, feierte die Volksbühne ihren 100. Geburtstag mit einem großen Fest.

"Ich habe Dercon als meinen Begleiter mitgenommen und Castorf vorgestellt. Damals war er nur einer von mehreren möglichen Kandidaten. In der Festrede habe ich aus dem Ablehnungsschreiben eines anderen Kandidaten für die Volksbühnen-Intendanz zitiert. Der hatte mir geschrieben, dass Frank das Haus zu einer Art Bayreuth gemacht habe, welches man sich ohne ihn kaum vorstellen könne. Als ich das (ohne Quellenangabe versteht sich) mit meinen Worten wiedergegeben habe, hat das Castorf wohl selbst als ewige Jobgarantie empfunden, erzählte man mir später…" Tim Renner

"Ich war am Tag der 100-Jahrfeier in Berlin und war gespannt, wie das hier abläuft. Alles war weggeräumt, es gab einen riesigen Tisch, 100 Gäste, 50 rechts, 50 links, dutzende Gläser mit Wodka, es gab Bouletten, Kartoffelsalat und Live-Musik mit Sophie Rois und anderen Volksbühnen-Künstlern. Ich habe viele Bekannte getroffen. Tim Renner sagte, komm rüber, hier ist Platz. Ich war nervös und begeistert, Frank Castorf endlich einmal zu begegnen. Ich habe ihm gesagt, dass auch an der Tate viel über ihn gesprochen wird. Nach 30-40 Minuten bin ich gegangen, der Regisseur Pollesch war nicht da. Ich habe nach ihm gesucht, aber er war nicht da." Chris Dercon

"Ich weiß nicht, ob Sie das Photo kennen, wo mir Renner und Dercon bei der Hundertjahrfeier der Volksbühne die Hand schütteln. Das ist zweimal Tartüffe, Figuren wie aus einem Stück von Moliere. Man sieht das Bild und weiß eigentlich alles. Dercon scheint auch keine Scham zu kennen. Das auszuhalten ist auch eine Leistung." Frank Castorf in einem Interview mit Peter Laudenbach im November 2017

Frank Castorf
Frank Castorf | Bild: dpa / Maurizio Gambarini

"Kunst als soziale Arbeit und City-Making"

Tim Renner und Michael Müller, nach dem Rücktritt seines Amtsvorgängers Klaus Wowereit seit Dezember 2014 der neue Regierende Bürgermeister und Kultursenator Berlins, hatten eine zusätzliche Agenda: Sie wollten mit Kultureinrichtungen auf dem Areal des Flughafens Tempelhof ein neues urbanes Zentrum für die Kreativwirtschaft etablieren. Müller kommt aus Tempelhof und hatte als langjähriger Senator für Stadtentwicklung gelernt, in langen Perspektiven zu denken. Mit der Expansion der Volksbühne in den noch nicht gentrifizierten Stadtteil sollte eine 20- bis 30-jährige Entwicklung des Standorts beginnen.

Der Dramatiker und Regisseur René Pollesch war in den Planungen Dercons und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock von Anfang an eine zentrale Figur. In handgeschriebenen Aufzeichnungen Dercons von Ende 2014  steht "RENE POLLESCH" in großen Buchstaben auf der Mitte der Seite. Als mögliches Motto des gesamten Projekts war an eine Zeile gedacht, die den Beginn des Titels einer Pollesch-Inszenierung zitiert: "Ich schau dir in die Augen." René Pollesch wusste nichts von diesen Plänen.

"Ich fand den Mikrokosmos, die Vision der Neuen Volksbühne mit Pollesch auf der einen Seite und der ganz großen Hangar-Bühne mit dem riesigen Foyer von Tempelhof auf der anderen Seite sehr spannend: Kunst als soziale Arbeit und City-Making." Chris Dercon

"Wie üblich haben wir dem Senator und Regierenden Bürgermeister mehrere Vorschläge für die Intendanz der Volksbühne unterbreitet, dabei aber auch keinen Hehl daraus gemacht, dass wir Chris Dercon für die mutigste, aber auch beste Lösung hielten." Tim Renner

Dercon nahm das Angebot des Regierenden Bürgermeisters Müller an. Jetzt gab es kein Zurück mehr für ihn. Er musste versuchen, seine Vision der "Neuen Volksbühnen" zu realisieren.

Eine der delikatesten Kultur-Diskussionen

Das Konzept von Dercon und Piekenbrock bedeutete auch eine Neuausrichtung der Volksbühne von der Ensemble- zu einer Plattform-Struktur für wechselnde Künstler unterschiedlicher Genres. Marietta Piekenbrock berichtet, dass sie Tim Renner darauf hingewiesen habe, dass dies das Ende der klassischen Ensemble-Struktur bedeuten würde: "Ich habe Tim Renner explizit gefragt, ob wir den Ensemble-Betrieb behalten sollen, ob es ihm wichtig sei, und Tim Renner hat mir ganz klar gesagt, das stehe für ihn nicht im Vordergrund."

In einer Mail an die Kulturverwaltung skizzierte Piekenbrock die Transformation der Volksbühne vom "klassischen Repertoire-Betrieb" in eine "Projektgesellschaft". Ihr war klar, dass das explosiv war. In der Mail schreibt sie, der Plan "berührt eine der empfindlichsten, delikatesten Kultur-Diskussionen zur Zukunft der Stadttheater". Sie sollte recht behalten – und Dercon nicht zuletzt über diese Diskussion stürzen.

"Am 20. Januar habe ich der Kulturverwaltung eine Mail geschickt und warnend darauf aufmerksam gemacht, dass die Erweiterung des klassischen Repertoire-Betriebs in ein international ausgerichtetes Mehrspartenhaus eine vermutlich nervöse Diskussion auslösen würde. Ich wollte eine informelle Aktennotiz schaffen, um sicherzustellen, dass sich alle Beteiligten nicht nur über die Idee, sondern auch über Tragweite, Konfliktpotential und über notwendige Zeit und Vertrauen im Klaren sind. Tim Renner wollte unter Einbeziehung des Stammhauses Volksbühne einen Zusammenschluss von Bühnen und Spielstätten auf den Weg bringen, bei dem Theater, Museum, Kino und Digitales sich gegenseitig beflügeln. Das war der Auftrag." Marietta Piekenbrock

Diese Mail von Marietta Piekenbrock wurde nie beantwortet.

Ein Konzept für den Bürgermeister

Renner und Dercon mussten jetzt versuchen, Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller, einen Mann, der aus Tempelhof kommt, nicht nur von der Idee zu überzeugen, Dercon als neuen Intendanten der Volksbühne zu berufen, sondern auch von der Expansion der "Dachmarke" Volksbühne. Für den 11. Februar 2015 wurde ein Treffen mit Müller, Dercon, Renner und einem Abteilungsleiter der Kulturverwaltung angesetzt. Dercons Team machte sich an die Arbeit. Sie mussten ein Finanzkonzept entwickeln, das den Regierenden Bürgermeister von ihren Plänen überzeugen sollte. Am 27. Januar 2015 schickte Marietta Piekenbrock diesen vorläufigen Finanzplan an die Kulturverwaltung.

Tim Renner und Chris Dercon
Tim Renner und Chris Dercon | Bild: Das Erste

"Von klassischem Ensemble- und Repertoiretheater war in diesen Monaten wenig die Rede. Einerseits, weil sich die Fortführung von selbst verstand, andererseits, weil auch eine neuartige programmatische Ausrichtung gefordert war. Grundlage dafür sind die von Castorf verfreiheitlichten Ensemblestrukturen. Spätestens im Januar, Februar hätte man sagen müssen: Das wollen wir nicht. Aber das Gegenteil passierte. Und ab Herbst 2015 rückte die Entwicklung von Tempelhof immer stärker in den Vordergrund." Marietta Piekenbrock

Fatale Finanzplanung

Ein zentrales Problem bei der geplanten Entwicklung Tempelhofs als Teil der neuen Volksbühne war die Finanzierung. Dercon kalkulierte mit einem Budget von fünf Million Euro im Jahr. “Voraussetzungen: bauliche Ertüchtigung des Hangars als multidisziplinäre Ausstellungs- und Aufführungshalle inkl. Betriebskosten (Heizung, Strom, Klima)”, schrieb Piekenbrock am 27. Januar 2015 an die Kulturverwaltung. Das sind exakt die Konditionen, über die Matthias Lilienthal, der Mann, der Dercon bei seiner ersten Tempelhof-Begehung begleitet hatte, schon 2012 gegenüber einer Berliner Zeitung gesprochen hatte: "Wenn ich mir die Welt aussuchen könnte: Gebt mir einen Hangar in Tempelhof, baut mir das Ding aus und gebt mir fünf Millionen Euro im Jahr."

Tausende Seiten Akten und Mailverkehr zwischen Kulturverwaltung, Regierendem Bürgermeister und Dercons Team
Tausende Seiten Akten und Mailverkehr zwischen Kulturverwaltung, Regierendem Bürgermeister und Dercons Team  | Bild: Das Erste

Besonders problematisch sollten dabei die erwarteten Einnahmen werden: In ihrer Finanzplanung rechneten Dercon und Piekenbrock für Tempelhof mit Sponsorengeldern in Höhe von 750 000 Euro. Für die Volksbühne wollten sie weitere 500 000 Euro von Sponsoren akquirieren – insgesamt also Zuschüsse in Höhe von 1,25 Millionen Euro. Laut einem Brief aus der Kulturverwaltung soll Dercon davon gesprochen haben, dass er möglicherweise von BMW oder Mercedes Sponsoring bekommen könnte. Durch Gastspiele, Einnahmen aus Koproduktionen und kommerzielle Vermietungen wollte Dercon in Tempelhof weitere 750 000 Euro einnehmen. Zahlen, die niemals Realität werden sollten.

"Meine erste Begegnung mit Michael Müller war am 11. Februar 2015 in seinem sehr langen Büro. Wir saßen auf seinem Sofa und haben viel über Tempelhof gesprochen. Er hatte unser Konzept gelesen. Er hat mir gesagt: ‘Die langfristige Finanzierung von Tempelhof kann ich Ihnen nicht zusichern.‘ Er sagte, man müsste ‚step by step‘ vorgehen, wir könnten fürs erste einen Vorbereitungsetat bekommen. Und ich weiß, dass ich gesagt habe, ich sei optimistisch, für Tempelhof Sponsoren interessieren zu können. Ich hatte viele Millionen Pfund Sponsorengelder für die Tate Modern organisiert, und für Tempelhof Partner aufzutreiben, schien mir leicht. Aber Sponsoren wollen eine positive Umgebung. Als die ganze negative Presse kam, wurde es mit möglichen Sponsoren sehr viel schwieriger. Ein Mitarbeiter von uns kam aus einem Sponsoren-Gespräch zurück und sagte: ‘Die haben Angst‘." Chris Dercon

Am Tag nach dieser Präsentation sitzt Dercon mit Tim Renner im Büro der Kulturverwaltung und analysiert die mit dem Regierenden Bürgermeister getroffene Vereinbarung. Der zuständige Abteilungsleiter in der Kulturverwaltung fasst die interne Diskussion am nächsten Tag in einer Mail an die Beteiligten zusammen. Trotz der freundlichen Formulierung enthält diese Mail eine kaum versteckte schlechte Nachricht für Dercon: "Es besteht der feste Wille, Tempelhof im Sinne Deines Konzepts zu nutzen, dies zu erreichen, werden wir uns bemühen. Aber es kann zum jetzigen Zeitpunkt (…) keine Zusage gegeben werden."

In einer internen Chronik der Ereignisse rund um Tempelhof schreibt Marietta Piekenbrock: "Matthias Lilienthal rät, die Finanzierung für Tempelhof während der Verhandlungen zu Intendanz als eine feste Position im Haushaltsplan der Stadt Berlin zu verankern." Mit der Absage Müllers stehen die Verhandlungen mit Dercon kurz vor dem Scheitern.

"Eigentlich hätten wir hier abbrechen müssen. Wir entschieden aber gemeinsam, einzulenken und die Bespielung von Tempelhof als eine Herausforderung anzunehmen. Rückblickend war das der Anfang einer finanziellen Abwärtsbewegung." Marietta Piekenbrock

"Der Haushaltssouverän ist das Parlament und nicht der Regierende Bürgermeister. Insofern konnte Michael Müller ihm auch keine Garantien bezüglich der finanziellen Ausstattung von Tempelhof geben. Wir ermutigten ihn, seine Sponsorenkontakte zu nutzen, um das Vorhaben auch jenseits der Haushaltsmittel oder von Lotto-Mitteln abzusichern." Tim Renner

Chris Dercon auf dem Flughafen Tempelhof
Chris Dercon auf dem Flughafen Tempelhof | Bild: dpa / Jörg Carstensen

Dercon stand nun vor großen Problemen. Wie die Vision eines neuen großen Kulturzentrums unter der Dachmarke Volksbühne in Tempelhof zu realisieren sein würde, war unklar. Es gab keine realistische und verbindliche Finanzplanung des Landes Berlin. Das Projekt war von Anfang an von Sponsorengeldern in Millionenhöhe abhängig. Immerhin war die Akquise solcher Mittel an der Tate Modern eine der großen Fähigkeiten Dercons gewesen. Er diskutierte mit Renner die Möglichkeiten, Sponsoren zu gewinnen. Eine Idee war es, Tempelhof nicht erst mit Beginn der Intendanz im September 2017, sondern schon 2016 zu bespielen. Das Ziel formuliert eine Mail der Kulturverwaltung an Dercon: Damit sollte das Interesse potentieller Sponsoren "angeheizt" werden.

Eine "komplett unrealistische" Kalkulation

Ein Mitarbeiter der Kulturverwaltung hält in einem internen Vermerk für Staatssekretär Renner fest, dass in Dercons Kalkulation die Mietkosten für Tempelhof fehlen. Die Kosten des notwendigen Umbaus wurden weder von Dercon noch von der Kulturverwaltung kalkuliert. Weder im Etat der Kulturverwaltung noch an anderer Stelle im Landeshaushalt werden dafür in den kommenden Jahren Mittel eingestellt. Bei Dercons Präsentation vor dem Regierenden Bürgermeister Müller wurde die unklare Finanzierung der Tempelhof-Pläne deutlich. Selbst wenn die Stadt die Tempelhof-Bespielung mit Subventionen von drei Millionen Euro, zusätzlich zum bisherigen Volksbühnen-Etat, finanzieren würde, bliebe der Bedarf an Drittmitteln hoch. Die Vision war mutig. Daran, dass sie auch umgesetzt werden könnte, hatte Gabriele Gornowicz allerdings große Zweifel. Bis 2014 war die erfahrene Theater-Managerin die Geschäftsführerin der Volksbühne. Sie hält Dercons Kalkulation für "komplett unrealistisch". Sie sollte recht behalten.

Renners und Dercons nächster Schritt war der Versuch, René Pollesch, einen der wichtigsten Autoren und Regisseure an Castorfs Volksbühne, davon zu überzeugen, die Leitung der Schauspielsparte an der Volksbühne zu übernehmen. Ihr Ziel war klar: Pollesch als Schauspielchef würde Kontinuität und ein Anknüpfen an die Geschichte des Theaters signalisieren. Am 5. März 2015 hatte René Pollesch einen Termin im Büro der Kulturverwaltung.

René Pollesch bei Generalprobe
René Pollesch bei Generalprobe | Bild: dpa / Georg Hochmuth

"Am 5. März 2015 war ich zum ersten Mal in meinem Leben in der Senatsverwaltung für Kultur. Tim Renner hatte mich zu einem Gespräch eingeladen, ihn kannte ich nur aus der Zeitung. Er erzählte mir, dass es ihm und dem Kultursenator Müller darum ginge, die Volksbühne jetzt auf das nächste Level zu heben, und sie hätten für die Nachfolge Castorfs einen Generalintendanten gefunden, dessen Namen er mir aber noch nicht nennen könne. Sie hätten Castorf gebeten, noch ein Jahr zu verlängern, aber der mache ihnen gerade das Leben schwer, indem er sagte, entweder zwei Jahre oder null, was beides aber mit dem neuen Intendanten nicht zu vereinbaren wäre. Der neue Intendant würde mich sehr gut kennen und meine Arbeit seit langem verfolgen. Die "neue" Volksbühne würde in drei Sparten aufgeteilt: Tanz, Schauspiel, Film. Der neue Generalintendant würde sich wünschen, dass ich die Schauspielsparte leiten würde. Ich fing natürlich an, zu überlegen, wer das sein könnte. Ich fragte Tim Renner ‘Ist es Tom Stromberg?‘, was er verneinte, und meinte, ich solle nicht weiterraten, er könne es mir noch nicht sagen. Ich sagte dann noch zwei Namen von Leuten, von denen ich dachte, dass sie mich gut kennen, aber er wollte es nicht sagen. Dann sagte ich ihm, dass ich das nicht machen könne, und erinnerte ihn daran, dass er mir gerade gesagt hatte, dass es noch keine Einigung mit Castorf über die Dauer seiner Verlängerung gäbe, und der sei schließlich mein Intendant, dem könne ich jetzt nicht in den Rücken fallen. Dann fragte ich ihn, was denn mit dem Prater passieren würde, und ob Bert Neumann und ich den nicht als eigenständigen, von der Volksbühne unabhängigen Ort bespielen könnten. Worauf Tim Renner sagte, dass der Prater ein Herzstück in der Planung des neuen Intendanten wäre, und dass das nicht ginge." René Pollesch*

"René Pollesch war hoch erfreut darüber, eingeladen worden zu sein. Er betonte, dass er noch nie beim Kulturstaatssekretär zu Gast gewesen wäre, meine Vorgänger mit ihm niemals ein Gespräch gesucht hätten. Die Atmosphäre empfand ich von Anfang an als ausgesprochen angenehm. Das änderte sich auch nicht, als ich ihm sagte, dass wir mit einem potentiellen Nachfolger für Frank im Gespräch seien. Ich erzählte ihm, dass dies eine internationale Persönlichkeit sei, die nicht aus dem Theater käme. Umso wichtiger sei der Kulturverwaltung und dem Intendanten in spe, dass Pollesch die Leitung der Theaterbühne übernähme. Der Kandidat wolle ihn diesbezüglich am Wochenende anrufen. Pollesch willigte ein, dass ich seine Nummer weitergeben könne, und ich war zuversichtlich, dass alles klappen würde." Tim Renner

Es sollte anders kommen. Am nächsten Tag schrieb Pollesch in einer Mail an Tim Renner, dass er das Angebot nicht annehmen könne.

"Nach meiner Mail an Renner mit der Absage, wurde ich zwei Tage später mehrmals von einer englischen Nummer angerufen und ich bin nicht drangegangen. Ich dachte nur, ah, die neue Intendantin ist wahrscheinlich Katie Mitchell. Zwei Tage später bekam ich eine SMS unter der Nummer, die mich seit Tagen versuchte anzurufen, in der Chris Dercon sagte, dass er der neue Intendant der Volksbühne sei, und er mich trotz meiner Absage gerne noch einmal treffen würde. Wahrscheinlich dachten Renner und Dercon, wenn ich wüsste, wer der Intendant sei, würde ich es mir vielleicht anders überlegen." René Pollesch

In der folgenden Woche trafen sich Renner und Pollesch erneut, diesmal im Restaurant "Crackers" an der Friedrichstraße. Tim Renner sagte ihm bei dem Treffen, Dercon sei ein großer Fan und liebe Polleschs Arbeit. Renner bat Pollesch, Dercon zu treffen, bevor er endgültig absage. Am Ende stimmte Pollesch einem Treffen mit Dercon zu. Dercon und Pollesch verabredeten ein Treffen nach einer Vorstellung von Polleschs Inszenierung "Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" in der Volksbühne.

"Ich habe sehr viele SMS an Pollesch geschickt, mindestens zehn: Wann können wir uns sehen…? Schließlich haben wir uns getroffen. Ich liebte die Arbeiten von Pollesch. Ich war sehr nervös vor dem Treffen. Er hat mich abgeholt, mitgenommen durch das Volksbühnen-Labyrinth in die Kantine an einen Mitarbeiter-Tisch. Wir wurden nur kurz von Martin Wuttke gestört, der eine kurze Frage an ihn hatte." Chris Dercon

"Ich traf ihn im Foyer und ging mit ihm in die Kantine. Wir saßen in der Ecke unter dem Fernseher. Dercon kam mit seiner Freundin, einer Schauspielerin. Mich überraschte, dass sie, obwohl sie eben ein Stück von mir gesehen hatten, im gesamten Gespräch nichts darüber sagten." René Pollesch

"Ich habe mich schon zu meinen Münchner und Londoner Museumszeiten für die Arbeiten von René Pollesch interessiert. 2011 war ich Mitglied einer Jury in München, die René Pollesch für eine "artist residence" diskutiert hat. In diesem Zusammenhang habe ich die DVD-Komplettmitschnitte seiner Inszenierungen "Ich schau dir in die Augen…", "Ein Chor irrt sich gewaltig" und "Kill your Darlings" von der Volksbühne mit Zustimmung von René Pollesch bekommen und mir angesehen. Ich habe die Pollesch-Ausstellung "Der Dialog ist ein unverständlicher Klassiker" in der Galerie Buchholz besucht. An der Volksbühne habe ich "Kill your Darlings", "House for sale" und "Von einem, der auszog…" gesehen. An der Tate Modern habe ich mit Catherine Wood eine Pollesch-Ausstellung diskutiert. Leider hat das Tate-Kuratorium dieser Idee aber nicht zugestimmt." Chris Dercon

"Dercon sagte, dass er meine Arbeit liebe, aber es war schnell klar, dass er sie nicht kannte. Seine Freundin kannte einige Stücktitel, aber sie brachte alles durcheinander. Ich hatte den Eindruck, dass Dercon nicht einmal meinen Wikipedia-Eintrag gelesen hatte." René Pollesch

"Ich war so enthusiastisch, den großen Künstler Pollesch zu treffen, das war das erste Mal, dass ich in der Kantine war, nur einmal davor hatte ich eine Talkshow von Schlingschlief in der Kantine gesehen. Pollesch fragte, was wollt ihr trinken? Und dann habe ich ihm die Frage gestellt, ob er an meiner neuen Volksbühne das Schauspiel leiten will? Er antwortete, dass er keinen Kurator braucht. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich das überhaupt nicht vorhabe und alle Künstler, die mir wichtig sind, nichts mit Kuratoren anfangen können. Ich habe Tim und Marietta hinterher gesagt, es sei ein gutes Treffen gewesen." Chris Dercon

"Sein Plan war, dass es verschiedene Sparten geben sollte: Tanz, Film, Theater, und jede Sparte sollte einen eigenen Leiter bekommen, einen älteren Künstler, der als Mentor mit einem jüngeren Künstler zusammenarbeiten sollte. Ich sollte mit Suzanne Kennedy zusammenarbeiten. Und wir alle sollten unter seiner Generalintendanz arbeiten. Mir war klar, dass in dieser Konstruktion jeder Erfolg sein Erfolg wäre und jeder Misserfolg unser Misserfolg. Das konnte nie funktionieren." René Pollesch

Am nächsten Tag schrieb Pollesch einen Brief mit seiner endgültigen Absage an Tim Renner.

Die Notbremse ziehen?

Zu diesem Zeitpunkt, im März 2015, war klar, dass es ernsthafte Schwierigkeiten gab, das Konzept einer Neupositionierung und Expansion der Volksbühne zu realisieren. Der Kern und die Identität des Theaters waren die Regisseure und das einzigartige Ensemble. Das Team Dercon plante jedoch, das klassische Ensemble durch eine Projektgesellschaft zu ersetzen. Das Geld für die Bespielung Tempelhofs war nicht gesichert – die Finanzierung hing von Dercons Fähigkeiten als Fundraiser ab. Um die Öffentlichkeit für die neue Intendanz zu gewinnen und Kontinuität zu signalisieren, wäre das Engagement Polleschs wichtig gewesen. Das war gescheitert.

Wäre das der Zeitpunkt gewesen, das Konzept und die Chancen einer Intendanz Dercons zumindest zu überdenken?

Die Vorbereitungen der künftigen Intendanz gingen trotz der unübersehbaren Probleme weiter. Vier Tage nach Polleschs Absage schrieb der Regierende Bürgermeister Müller einen Brief an Chris Dercons Vorgesetzten bei der Tate in London, in dem er ihm den Plan der Berliner Landesregierung mitteilte, Chris Dercon zu engagieren.

Die Schlacht beginnt

Weil sie befürchteten, Dercons geplante Berufung könnte vorzeitig bekannt werden, arbeiteten die Kulturverwaltung, das Büro des Regierenden Bürgermeisters und Team Dercon mit Hochdruck an der Vorbereitung einer Pressekonferenz, bei der Michael Müller, Chris Dercon und Tim Renner ihre Pläne für die Zukunft der Volksbühne bekannt geben sollten.

Marietta Piekenbrock bereitete für Dercon eine Liste mit Antworten auf mögliche Fragen auf der Pressekonferenz vor. Die beiden wichtigsten Fragen, die Finanzierung von Tempelhof und die Zukunft des Schauspielprogramms, waren nicht gelöst. In den vorbereiteten "Fragen & Antworten" für Dercon wurden die Pläne für Tempelhof nicht erwähnt. Auch der Plan, den klassischen Repertoirebetrieb in eine Projektgesellschaft umzuwandeln, auf den sich Renner, Piekenbrock und Dercon verständigt hatten, findet sich nicht in Piekenbrocks Vorbereitungspapier der PK. Auf der Pressekonferenz betonte Dercon trotz der Projektgesellschafts-Pläne, die Volksbühne sollen ein Ensembletheater bleiben.

Piekenbrock schrieb weiter, Dercon solle sagen "mit René Pollesch sind wir im Gespräch", obwohl dieser definitiv abgesagt hatte. Auf diesen Widerspruch angesprochen, sagt Piekenbrock im April 2018: "Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, wie definitiv die Absage von Pollesch war."

Fünf Tage vor der Pressekonferenz war im Tagesspiegel ein Interview mit Bert Neumann erschienen, der Bühnenbildner und neben Castorf prägende Künstler der Volksbühne. Mit Neumanns Interview-Satz "keiner von den Künstlern, die das Haus präsentieren, wird hier unter irgendeinem Kurator arbeiten, weder Pollesch, noch Castorf, noch die Schauspieler", waren die Konfliktlinien gesetzt. Sie sollten die gesamten zwei Jahre der Vorbereitungszeit des designierten Intendanten prägen.

"Ob der medialen Attacken, die Peymann, Flimm und Khuon bereits ob der vermeintlichen Personalie Dercon geritten hatten, waren alle Beteiligten vor der Pressekonferenz nervös. Der Saal war überfüllt und die Pressesprecherin des Senats musste die zahlreichen anwesenden Vertreter der Volksbühne erst einmal bitten, die Tische zu räumen und sich auf den Fußboden zu setzen, damit die schreibenden Journalisten mit ihren Laptops arbeiten konnten. Dercon trat sehr ruhig und souverän auf. Ich war erleichtert. Die Stimmung schlug zu unseren Gunsten um. An Lilienthal in  München schrieb ich nur eine kurze SMS: ‘Sieg, wir haben gewonnen…’" Tim Renner

Neuer Intendant Chris Dercon (rbb Abendschau vom 24.04.2015)

Wenige Tage nach der Pressekonferenz schreibt Bert Neumann eine SMS an René Pollesch. Über dem Portal der Volksbühne hingen immer große Banner, sogenannte "Bauchbinden". In der Regel zeigten sie den Titel des am Abend gespielten Stücks.

Neumann schreibt: "Wir machen ne Bauchbinde “Verkauft” für die Volksbühne. Ist mir gerade einfallen. Wie findste das?"
Pollesch antwortet: "Eigentlich trifft es das, Dercon muss ein Interview geführt haben wo er sich als Drittmittelbeschaffer und Volksbühnenprivatisierer outet. Aber spielen dann immer mit dem Ding um den Bauch."
Neumann antwortet: "Genau ;) Krass. Tobi Müller wirft der Volksbühne vor, den Neoliberalismus ins Theater geholt zu haben, wir hätten für den neuen Markt in Berlin produziert mittels Pop und Diskurs… Oh Mann… alles verkehrt rum… Haha, ich dachte, ich mach mal was anderes;)"
Pollesch antwortet: "Komm mir nicht so!  Man muss sich NICHT immer neu erfinden!"
Neumann schreibt: "Aber der Chris will das so…"
Pollesch antwortet: "Der Dörkin? Ja der is n‘ ganz nette"
Neumann schreibt: "Der ist gegen Kapitalismus. Für Freiheit."
Pollesch schreibt: "Neulich: Intimer Freund von Dercon: Dercon ist total reflektiert. Er ist total kompetent. Ich:  Nein, er ist ein Hochstapler. Dercon Freund: Er ist ein totaler Denker… Was hättest DU denn gerne? Ich: Dass er sichs nochmal überlegt. Dercon Freund (sofort, wie aus der Pistole geschossen): Nein, das macht er nicht"
Neumann antwortet: "Der hat Freunde?? Glaub ich nicht"

Im September 2015  war, trotz einer Absichtserklärung Müllers, Dercons Vertrag immer noch nicht fertig verhandelt und unterschrieben. Es wäre zu diesem Zeitpunkt noch möglich gewesen, das Konzept angesichts der ungeklärten Finanzierung zu ändern. Dercon hätte die verbindliche Finanzierung des Umbaus und der Bespielung Tempelhofs zu seiner Vertragsbedingung machen können. Ihm standen noch alle Möglichkeiten offen.

"Ende 2015 traf ich Marietta Piekenbrock zu einem Gespräch. Ich war bereit, ihr zu helfen, indem ich ihr etwas darüber erzähle, wie ein Stadttheater ökonomisch funktioniert. Sie hätte mich alles fragen können, schließlich hat sie nie ein Stadttheater geleitet. Noch erschütternder als ihr Unwissen war ihr völliges Desinteresse daran, zu verstehen, wie dieser Apparat Stadttheater arbeitet." Gabriele Gornowicz,  bis 2014 Geschäftsführerin der Volksbühne, im Gespräch mit der SZ in Berlin am 5. April 2018

Eine Personalversammlung wie ein "stalinistischer Schauprozess"

Eine der Stärken Dercons ist seine Fähigkeit, öffentlich zu sprechen und seine Zuhörer zu gewinnen. Dass der Geschäftsführende Direktor der Volksbühne, Thomas Walter, ihn gemeinsam mit Tim Renner zu einer Personalversammlung einlud, war eine große Chance für Dercon, die Mitarbeiter von seinen Plänen zu überzeugen.

"Im Abgeordnetenhaus war die aktuelle Fragestunde, und ich konnte deshalb nur 30 Minuten zugegen sein. Die Veranstaltung lief bereits als ich ankam. Die Atmosphäre hatte etwas von einem stalinistischen Schauprozess: In der zweiten Reihe saßen Hegemann und Kuttner, davor waren zwei glatzköpfige Männer, welche die ganze Zeit schrieben und ihnen Zettel nach hinten reichten. Kuttner brüllte dann mit seiner lauten Stimme was ihm einfiel oder was man ihm aufgeschrieben hatte. Manchmal sprang auch Hegemann mit ein. Das war alles schon sehr professionell arrangiert. Die meisten Mitarbeiter schwiegen. Plötzlich gab es jedoch eine Frage von einer der Putzfrauen. Es gäbe an der Volksbühne nur zwei Arbeitskräfte in ihrem Bereich, stellte sie fest. Würde weiterhin so viel Dreck auf die Bühne geschmissen wie unter Castorf, müsse es eine dritte Reinigungskraft geben, lautete ihre Bitte. Kuttner hat sie sofort mundtot gemacht. Ich dachte, ‘Hoppla, wie ist denn der Umgang mit Menschen hier…’" Tim Renner

"Die Personalversammlung war wie ein Boxkampf, sehr laut, sehr aggressiv, es war meine erste Konfrontation mit einer solchen Aggression in dieser Stadt. Doch ich hatte hinterher ein gutes Gefühl, wir haben es überlebt. Dieser Optimismus war vielleicht naiv." Chris Dercon

Ein Mitarbeiter der Kulturverwaltung berichtet in einer internen Notiz seinen Vorgesetzten vom Verlauf der Personalversammlung: "Der Versuch Dercons, die Vorstellungen des neuen Volksbühnenteams den anwesenden Volksbühnemitarbeitern zu vermitteln, muss als nicht erfolgreich eingeschätzt werden. Dercon hat nur wenig Konkretes zu verkünden, verbarg sich hinter allgemeinen Floskeln… Die an die Belegschaft gerichteten lobenden Worte verpufften nahezu wirkungslos…"

Das bisherige Ensemble soll aufgelöst werden

Kurz nach Dercons Auftritt bei der Personalversammlung begannen die um die Zukunft ihres Theaters besorgten Mitarbeiter der Volksbühne, einen offenen Brief zu schreiben. Er sollte zu einer Misstrauenserklärung gegenüber Dercon werden. Dercon erfuhr von dem geplanten Brief und informierte sofort die Kulturverwaltung. Dercons Mitarbeiter bereiteten Gegenargumente vor.

Die Diskussion darüber, ob die Volksbühne unter Dercon ein Ensembletheater bleiben sollte, flammte durch den "offenen Brief" erneut auf. Dercons Pressesprecher schlug der Kulturverwaltung vor, wie sie auf diese Kritik antworten könnte: "Das Ensemble wird in seiner derzeitigen Struktur erhalten – als festes Künstler-Ensemble wird es ergänzt durch gastierende Künstler."

In der Kulturverwaltung wusste man, dass dieser Satz nicht mit dem übereinstimmte, was mit Dercon und Piekenbrock verabredet war. Marietta Piekenbrock war an diesem Punkt immer sehr klar gewesen. Eine Theaterreferentin in der Kulturverwaltung, antwortete in einer Mail auf diesen Formulierungsvorschlag: "Nicht richtig, sogar irreführend ist die Formulierung, das Ensemble bleibe in seiner Struktur erhalten. Dem ist mitnichten so, da das bisherige Ensemble aufgelöst wird."

Die durch den offenen Brief ausgelöste Debatte wurde in allen Medien zum Thema, die Atmosphäre war aufgeladen. Dercon war von der Wucht des Konflikts überrascht. Tim Renner schrieb an seine Mitarbeiter in der Kulturverwaltung, "Ich habe mit Dercon telefoniert. Die ganze Sache hat ihn merklich mitgenommen. Auch gesundheitlich… Ansonsten braucht der Mann dringend einen ‚Pep Talk‘. Entweder treffen wir ihn, wenn er in der Stadt ist… oder Konrad und ich fliegen nach London…" Am nächsten Tag wurde Michael Müller über den Stand der Dinge informiert.

Trotz der kritischen Atmosphäre, die in Berlin nach der Vollversammlung entstand, erschien Dercon als Teilnehmer eines Kulturdialogs im Roten Rathaus. Dercon schien die Stadt selbst für die Schwierigkeiten verantwortlich machen zu wollen, in denen er steckte. "Berlin ist in Europa die Hauptstadt der Selbstbeobachtung, das habe ich in den letzten Monaten zu spüren bekommen. Die Berliner Szene gibt es gerade nicht.  Die hat sich irgendwo aufgehängt.  Die Stadt dreht sich also vor allem um sich selbst… Das geht manchmal sehr weit, wie ich selbst erfahren habe."

Zu der Tempelhof-Bespielung im Jahr 2016 kam es nicht. Der verspätete Spielzeitbeginn in der Volksbühne verstärkte in der Öffentlichkeit den Eindruck einer überforderten Intendanz.

Auch aus den Plänen, Tempelhof zu einem erheblichen Teil mit Sponsorengeld zu finanzieren, wurde nichts. Statt mit den bisherigen 1,25 Millionen Euro plante Dercons Team 2017 nur noch mit einem Zehntel, 125 000 Euro, an Zuwendungen durch Sponsoren. Am 21. August 2017, zweieinhalb Jahre nachdem Dercon und Piekenbrock ihren ersten, ambitionierten Finanzplan vorgelegt hatten, schreibt eine Mitarbeiterin der Kulturverwaltung in einer Notiz für den Regierenden Bürgermeister zum "Wirtschaftsplan 2018 / 2019" der Volksbühne: "Die Bespielung von Tempelhof wird in 2018 und 2019 nicht abgebildet. Eine Finanzierung durch Drittmittel, wie Dercon im Kulturausschuss als Option genannt hat, ist auch nicht ablesbar, da nur 125.000 € Spenden / Sponsoring ausgewiesen." Dass die geplanten Einnahmen "ausgewiesen" sind, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie erzielt werden konnten.

Vor seinem Rücktritt als Kulturstaatsekretär im Dezember 2016 schreibt Renner einen Abschiedsbrief an Marietta Piekenbrock und Chris Dercon.

"Ihr habt Großes und Gutes vor. Lasst Euch nicht aus dem Konzept bringen und glaub auf keine Fall irgendwann die Lügen und Unterstellungen selbst, die andere über Euch verbreiten. Bleibt dabei, Weltoffenheit gegen Engstirnigkeit zu stellen, Diversität und Soft Power gegen Chorgeist und Machismo, Teamgeist gegen Heldenkult (...). Ihr könnt das und die Stadt braucht das." Tim Renner, in seinem Abschiedsbrief vom 8. Dezember 2016

"Ich war sehr, sehr gerührt von seinem Brief. Ich fand es wirklich schade, das hat er nicht verdient, dass er so wegen uns kaputt gemacht worden ist. Ich habe ein schlechtes Gewissen, das sollte man haben. Das war nicht gut. Ich habe mich schuldig gefühlt." Chris Dercon

In der Zeit zwischen Januar 2015 und Dezember 2016, also in knapp zwei Jahren, geriet Dercons Vision der Volksbühne als Dachmarke für die Stadt in einen Abwärtsstrudel. Viele an der alten Volksbühne verlangten seinen Rücktritt. Wichtige Volksbühnen-Regisseure wie Pollesch und Fritsch weigerten sich, mit ihm zu arbeiten. Dercon würde nicht auf das Repertoire der alten Volksbühne zurückgreifen können. Die Stadt konnte die nötigen Mittel für Tempelhof nicht zur Verfügung stellen, und Dercons Pläne zur Geldbeschaffung gingen nicht auf. Die Krise, in der sich Dercon im Dezember 2016 befand, entstand in einer Zeit, als die kulturpolitische Führung der Stadt – Michael Müller und Tim Renner, die Männer also, die ihn nach Berlin geholt hatten – noch auf seiner Seite war. Nach der Landtagswahl gab es eine neue Landesregierung. Klaus Lederer (Die Linke) sollte wurde Kultursenator. Er hatte sich regelmäßig kritisch zu der Entscheidung geäußert, Chris Dercon zum Intendanten der Volksbühne zu machen.

Michael Müller, Chris Dercon, Tim Renner
Michael Müller, Chris Dercon, Tim Renner | Bild: dpa / Rainer Jensen

Anfang April 2018, drei Jahre nachdem Dercon große Pläne für seine "Neuen Volksbühnen" hatte, sieben Monate nach Beginn seiner Intendanz, ist die Volksbühne in einer unübersehbaren Krise – künstlerisch, strukturell und finanziell. Eine der Ursachen: Fehlende Professionalität der Intendanz.

"In Anbetracht dessen, wie vollkommen naiv, kopflos und unwissend Piekenbrock und Dercon nach dem desaströsen Start in der Volksbühne agiert haben, kann ich beim besten Willen nicht glauben, dass sie, wenn die finanziellen Rahmenbedingungen gestimmt hätten, diese irrwitzige Megamarke Volksbühnen Berlin auch nur einen Deut besser gemeistert hätten." Ein Technik-Abteilungsleiter in einer Mail an das Rechercheteam vom 17. April 2018

"Herr Dercon fragt mich, was ich hier am Haus arbeite. ‘Ich bin Bühnenmeister.’ ‘Ah, interessant’, sagt Herr Dercon , ‘und was macht ein Bühnenmeister?’" Ein Bühnenmeister im Gespräch mit dem Rechercheteam

Die finanzielle Situation schränkt die Handlungsmöglichkeiten des Theaters massiv ein.

"Ich wurde im März 2018 als Geschäftsführer ab der kommenden Spielzeit berufen. Bei der Analyse der Zahlen wurde klar, dass die Produktions- und Vorstellungskosten viel zu hoch sind. Es wird nicht nachhaltig produziert. Die Produktionen sind zu teuer und laufen zu selten. Die Volksbühne kann bis Jahresende 2018 bei einer schwarzen Null landen, aber nur, wenn man zwei geplante Produktionen für die große Bühne auf 2019 verschiebt. Aber dann kann das Theater in 2018 nicht genug Vorstellungen spielen. Es gibt zu wenig repertoiretaugliche Produktionen. Der finanzielle Spielraum ist extrem begrenzt. Es ist kaum möglich, größere Neuproduktionen zu finanzieren, die nachhaltig Repertoire aufbauen. Im August finden fast nur Gastspiele des Festivals `Tanz im August´ statt. Ab Oktober bis Jahresende hätte das Theater monatlich 15 Schließtage." Klaus Dörr in einem Interview mit der SZ, erschienen am 16. April 2018

Der finanzielle Spielraum des Berliner Theaters mit den zweithöchsten Subventionen aller Sprechtheater der Stadt ist erschöpft. Der Versuch, in der Struktur eines auf Eigenproduktionen und Repertoirebetrieb ausgelegten Stadttheaters mit personalintensiven Gewerken im Wesentlichen einen teuren Gastspielbetrieb zu errichten, hat das Budget des Hauses überfordert. Die Produktionskosten sind exorbitant. Ein Beispiel: Allein die an vier Tagen gezeigte Produktion "A dancers day – 10.000 gestes" im September 2017 kostete laut Angaben von Programmdirektorin Piekenbrock 433 910,73 Euro. Einnahmen, laut der von Piekenbrock dem Rechercheteam zur Verfügung gestellten Budgetaufstellung: Keine. Um überhaupt eine Neuproduktion auf der großen Bühne zeigen zu können, ist als nächste Premiere der Spielzeit 2017/2018 eine Aufführung des Kinder- und Jugendtheaters P14 geplant. Das einst berühmteste Theater Europas ist beim Laienspiel angelangt.

Dercon hoffte, dass ihn der Regierende Bürgermeister Müller schützen würde. Aber in den 18 Monaten, die seitdem vergangen sind, vermied Michael Müller das Thema Volksbühne. Auf Anfrage des Recherche-Teams von NDR, rbb und SZ weigerte er sich, über das Thema zu sprechen. Das Team Dercon sagte, dass Michael Müller keine einzige Aufführung besucht hätte.

"Ich habe mich vier Mal mit dem Bürgermeister Müller getroffen und nie wieder etwas von ihm gehört. Das ist hier ein Appell und das sage ich auch gern: Wo ist der Herr Regierende Bürgermeister Michael Müller? Quo vadis, Herr Müller?  Wo gehen Sie hin? Was wollen Sie? Übernehmen Sie Verantwortung?" Chris Dercon

Das Gespräch, in dem Chris Dercon das sagte, war ein freundliches, entspanntes Gespräch. Es fand in seinem Intendanten Büro statt und dauerte fast zwei Stunden. Es war spät nachmittags am Mittwoch, dem 11. April.

Chris Dercon verabschiedete sich vom Rechercheteam mit einem Vorschlag: "Eigentlich sollten Sie Ihren Beitrag nach einem Stück von René Pollesch nennen. ‘Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte’. Das ist unsere gesamte Geschichte. Unser Problem war, dass wir die Miete in Tempelhof nicht bezahlen konnten. Matthias Lillienthal konnte sie nicht bezahlen. Herr Bürgermeister Michael Müller kann die Miete auch nicht zahlen."

Am nächsten Tag um 10 Uhr wurde Chris Dercon in die Kulturverwaltung an der Brunnenstraße bestellt.

Erklärung zur Recherche:

Die Autoren dieses Dossiers, John Goetz und Peter Laudenbach, haben für NDR, rbb und SZ über zwei Monate recherchiert. Um interne Dokumente einzusehen, haben sie bei zahlreichen Behörden und Institutionen Anträge nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt, unter anderem bei der Tate Modern in London, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Volksbühne, der Berliner-Kulturverwaltung und der Senatskanzlei. Ihnen wurden aber auch Unterlagen zugespielt.

Die Rechercheure konnten den gesamten Mailwechsel zwischen Kulturverwaltung und Dercons Team einsehen (sofern das nicht Persönlichkeitsrechte verletzt hätte). Sie konnten interne Gesprächsaufzeichnungen, Dokumente, Konzeptpapiere, Finanzpläne, Vermerke etc. lesen. Gabriele Gornowicz, bis 2014 Geschäftsführerin der Volksbühne, half den Autoren, Finanzpläne im Detail zu analysieren und zu verstehen.

Die Rechercheure haben alle Betroffenen für Interviews angefragt. Mit vielen haben sie persönlich gesprochen und sind mit manchen der Beteiligten sogar gemeinsam durch die Akten gegangen, unter anderem mit Marietta Piekenbrock, Chris Dercon, Johannes Ehmann, Tim Renner, René Pollesch. Das Dossier verwendet aus diesen Gesprächen ausschließlich schriftlich autorisierte Zitate. Matthias Lilienthal lehnte wiederholte Interviewanfragen ab. Zahlreiche andere waren zu Gesprächen bereit, baten aber darum, nicht genannt zu werden.

Die Berliner Politik verweigerte bis zum Tag der Kündigung Chris Dercons jegliche Zusammenarbeit. Die Senatskanzlei teilte mit, dass keine Akten zum Vorgang Volksbühne gefunden werden könnten. Die Kulturverwaltung antworte auf Nachfrage, dass sämtliche E-Mails auf dem Server von Tim Renner gelöscht worden seien. Thomas Walter, bis Ende der Spielzeit 2017/2018 Geschäftsführer der Volksbühne, erhielt von der Kulturverwaltung keine Erlaubnis, mit den Rechercheuren zu sprechen.

Bei einem öffentlichen Termin im Rathaus sagte der Regierende Bürgermeister und früheren Kultursenator Michael Müller (SPD) am 13. April 2018 lediglich, er finde die Ablösung von Chris Dercon als Intendant der Volksbühne bedauerlich, aber auch nachvollziehbar. Er bedauere sehr, "dass schon alleine der Start für ihn so schwierig war, und so umstritten und offensichtlich auch so viel Kraft gekostet hat, dass er dann vielleicht auch gar nicht mehr in die Situation gekommen ist, wirklich durchzudringen mit seinen Ideen und Konzepten." Er habe aber auch Verständnis für das Vorgehen von Kultursenator Klaus Lederer (Linke).

Bis heute warten John Goetz und Peter Laudenbach darauf, mit dem Regierenden Bürgermeister und früheren Kultursenator Michael Müller (SPD) zu sprechen.

*Das Gespräch mit Chris Dercon fand am 11. April 2018 in seinem Intendantenbüro statt. Die Gespräche mit Tim Renner wurden im März und April 2018 geführt. René Pollesch ebenso wie Marietta Piekenbrock sprachen mit der SZ auch im März und April 2018. 

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