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Mona Lisa am Persischen Golf

Abu Dhabi baut sich einen Louvre

Mona Lisa am Persischen Golf | Video verfügbar bis 12.11.2018

Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate – heimliche Großmacht am Persischen Golf. Ein Land im wirtschaftlichen Dauer-Boom – Ölimperium. Doch nun will Abu Dhabi einen ganz neuen Rohstoff liefern: Jetzt geht es hier um Schönheit. Kunst. Um nichts Geringeres, als darum, Geschichte neu zu schreiben – mit dröhnender Rhetorik: "Danke, dass Sie ein Teil der Geschichte sind", sagt Mohamed Khalifa Al Mubarak, Chef der Tourismus- und Kulturbehörde von Abu Dhabi. "Dieses Museum ist viel mehr als nur ein Museum. Dieses Museum ist eine Botschaft! Sie wird laut in die Welt gehen."

Der neue "Louvre Abu Dhabi" – ein Projekt der Superlative, erschaffen am Wüstenrand: zwischen Wasser und Himmel, eine weite Kuppel, darunter 8000 m² Ausstellungsfläche, in Quader unterteilt. Durch das luftige Dach wird das Sonnenlicht gebrochen, das Innere wirkungsvoll und natürlich beleuchtet: ein weitläufiger Platz für die Kunst. Lichtspiele, die sich mit der Tageszeit ändern. Freie Blicke aufs Meer und ein Hauch von arabischer Medina.

Welt-Museum

Gesamtkosten des Projekts: 1,5 Milliarden Euro. Aber Geld – spielt hier keine Rolle: "Es ist ein wichtiger Dominostein in unserem großen Kulturplan. Jetzt haben wir hier einen internationalen Player geschaffen, der über Welt-Kultur und Welt-Geschichte sprechen wird – und wie wir alle zusammen hängen", so Al Mubarak.

"Das ist ein Stück Ewigkeit"

Dieses Museum soll also Welt-Museum sein, in dem es auch um Geltung und ein neues Image des Landes geht. Formvollendete Architektur. Gebaut hat es Jean Nouvel. Mit dieser Leichtigkeit und Eleganz. Es strahlt Ruhe aus. Wer den arabischen Louvre betritt, beginnt zu schweben.

Ein zeitgenössisch-arabischer "Tempel für die Kunst". Der französische Stararchitekt und Pritzker-Preisträger Jean Nouvel hat gezaubert. Und irgendwie weiß er es selbst: "Das Gebäude erzeugt Gefühle. Das Bewusstsein für Zeit. Für den Moment. Sobald man den Moment an einem sehr ruhigen Ort spürt, macht man eine metaphyische Erfahrung. Das ist ein Stück Ewigkeit. Die Zeit vergeht hier langsamer", sagt er.

Diese "Ewigkeit" haben sich die Monarchen der Öl-Dynastie etwas kosten lassen: Allein das Label "Louvre" bezahlten sie mit 400 Mio Euro – dürfen es 30 Jahre lang benutzen. Der Louvre in Paris wäre ohne den Sturz der Monarchie nie entstanden. Hier am Golf kehren die Erbprinzen zu einem höfischen Modell der Kunst zurück – mit eigener Sammlung, aber vor allem 300 Leihgaben aus Frankreich, bevorzugt Kunst-Juwelen wie Van Gogh oder Edouard Manet.

"Das Universelle verbindet uns"

Das Museum setzt auf das Prinzip des Universalismus. Heißt konkret: Werke unterschiedlicher Kulturen werden gemeinsam gezeigt. "Universalmuseum" – das hört sich schön egalitär an. Doch was kann man erwarten?

"Das Universelle verbindet uns", sagt Direktor des Museums, Manuel Rabaté. "Deshalb gibt es hier fast alle Zivilisationen zu bestaunen, auch alle geographischen Zonen. Jeder findet etwas aus seiner Kultur , was ihn anspricht – ob man Chinese oder Inder ist – das sind die Haupttouristen hier – oder Emirati, Franzose oder Deutscher ist. Jeder kann hier etwas für sich entdecken."

Kunst als Trophäe

Tourismus ist das Wirtschaftskonzept der Emiratis für die Zeit nach dem Öl. Eine gotische Madonna neben einer ägyptischen Isis und einer Skulptur aus dem Kongo. Impressionismus neben Orientalismus. Das Gefühl: Wir sind alle eins – ein Modell für die zukünftige Verständigung? Unterschiede? – Nicht so wichtig. Man will um jeden Preis zum international vernetzten Hotspot werden – Kunst als Trophäe. Verstörendes gibt es wenig.

"Wir wollen für unsere Jugend eine bessere Zukunft. Unsere Regierung investiert in Kultur, weil sie aus diesem Land einen besseren Ort machen will", so Al Mubarak.

Ausbau der Machtposition am Golf

Hochfliegende Ziele. Die Realität hat auch andere Seiten: Beim Bau des Super-Museums gab es Skandale um Ausbeutung von Bauarbeitern aus Asien. Leider hier kein Thema. Kritikern wurde die Einreise verweigert. Denn Abu Dhabi promotet sich als weltoffene, tolerante Stadt mit moderatem Islam. Plant weitere Mega-Museen, Guggenheim inklusive. Die Emirate bauen ihre Machtposition am Golf aus, militärisch –auch im Kampf gegen den IS – und jetzt noch kulturell.

Unterstützung aus Frankreich

Staatspräsident Macron konnte bei der Eröffnung seine Euphorie gegenüber dem Kronprinzen kaum zügeln: "Allen diesen Herausforderungen bieten Sie die Stirn, mit einem Geist der Verantwortung, vor dem ich mich hier verneige. Lieber Mohammed, Sie handeln entschlossen und mutig. Deshalb wird Frankreich immer an Ihrer Seite stehen. Und Sie bei diesen Herausforderungen unterstützen – wenn es um Schönheit geht – oder alle anderen Aufgaben", so der französische Staatspräsident.

Es scheint hier um mehr als Geld zu gehen. Touristisch geht das Konzept des Louvre am Golf vielleicht auf. Architektonisch ist er jedenfalls ein Meisterwerk. Ob wir dort aber Kunst zu sehen bekommen, die uns einander näher bringt – das bleibt abzuwarten.

Bericht: Brigitte Kleine

Stand: 12.11.2017 23:05 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
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