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Denis Scheck kommentiert seine Top Ten zur Krise

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Denis Scheck kommentiert seine Top Ten zur Krise | Video verfügbar bis 29.03.2025 | Bild: DasErste.de

Die amerikanische Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf hat herausgefunden, dass unser Gehirn durch das, was wir lesen, unwiderruflich geprägt wird – und zwar sowohl physiologisch wie auch intellektuell. Das aber heißt nichts anderes, als dass Sie Ihr Gehirn irreparabel schädigen, wenn Sie einen Roman etwa von Sebastian Fitzek, Susanne Fröhlich oder Paulo Coelho lesen. Da können Sie hinterher die nächsten 20 Jahre Hölderlin-Oden oder Kafka-Parabeln lesen – irreparabel ist irreparabel, ein Fitzek, eine Fröhlich oder ein Coelho ist schadensmäßig für Ihr Gehirn dasselbe wie täglich fünf Schachteln Rothhändle ohne Filter über drei Dekaden für Ihre Lunge.

Aus aktuellem Anlass daher heute aus dem virtuellen Studio in der Heiligen Stadt Köln nicht die Spiegel-Bestsellerliste mit Fitzek, Fröhlich und Co., sondern meine persönliche Top-Ten der Bücher, die in Corona-Krisenzeiten helfen können, kühlen Kopf zu bewahren.

Platz 10: Albert Camus – "Die Pest"

In der algerischen Stadt Oran lässt Camus den Arzt Rieux gegen die Pest kämpfen. Rieux weiß, dass "die dreißig großen Pestepidemien der Geschichte an die hundert Millionen Tote gefordert" haben, aber Rieux weiß eben auch, dass ein toter Mensch nur "dann etwas wiegt, wenn man ihn tot gesehen hat". Gegen die Epidemie hilft nur Solidarität, so die Quintessenz dieses Meisterwerks über den Einbruch eines Verhängnisses.

Platz 9: Dorothy Parker – "Denn mein Herz ist frisch gebrochen"

Dorothy Parker zählt zu den wenigen Autoren, deren Texte mir Hilfe, Trost und Rat bieten, wenn Mätthei am Letzten ist und ich mit meinem Latein am Ende bin. Ihr Esprit und ihre spitze Zunge machten sie schon unter ihren Zeitgenossen legendär. "Heterosexualität ist nicht normal, sondern bloß weit verbreitet." "Sieh mich bitte nicht in einem solchen Ton an!" "Schönheit geht nur bis unter die Haut, aber Hässlichkeit reicht bis ins Mark." Von Dorothy Parker stammt auch das schönste Selbstmord-Gedicht aller Zeiten und Sprachen, das sicher mehr Menschen davon abgehalten hat, sich das Leben zu nehmen, als alle Ratgeberliteratur: "Résumé/ Razors pain you, /  Rivers are damp, / Acids stain you, / And drugs cause cramp. / Guns aren't lawful, / Nooses give, / Gas smells awful. / You might as well live." In der Übersetzung von Ulrich Blumenbach:  "Résumé/ Klingen ritzen; / Flüsse sind nass; / Säuren ätzen; / Gift macht blass; / Colts sind strafbar; / Stricke könnten nachgeben; / Gas stinkt furchtbar; / Da kannst du auch leben."

Platz 8: Charles M. Schulz – "Peanuts"

Dass ich mich mit einem kleinen glatzköpfigen Jungen mit abstehenden Ohren identifizieren kann, der seine Lebensziele nie erreicht und den das kleine rothaarige Mädchen nie erhören wird, kann niemand verwundern. Dass sich in Charles M. Schulz Welttheater en miniature aber auch unerschöpfliche Reserven an Zuversicht und Optimismus finden lassen, vielleicht schon. Was stärkt eine Seele besser als jenes berühmte Panel, in dem Charlie Brown und Snoopy auf einem Bootsteeg sitzen und Charlie Brown sagt: "Eines Tages werden wir alle sterben, Snoopy." Worauf der weltweise Beagle erwidert: "Ja, das stimmt. Aber an allen anderen Tagen nicht."

Platz 7: Boccacio – "Dekamerone"

Sieben Frauen und drei Männer fliehen 1348 vor der Pest in ein Landhaus vor den Toren von Florenz und erzählen sich an zehn Tagen jeweils zehn Geschichten: Alles, was man über die Angst bannende, das Selberdenken stärkende Kraft der Literatur wissen muss, ist in diesem Buch zu funden.

Platz 6: Kenneth Grahame – "Der Wind in den Weiden"

Haben Sie Kinder? Mit Ihnen Maulwurf und den Dachs, die Wasserratte und den herrlich aufgeblasenen Kröterich zu entdecken ist eines der großen Vergnügen der Weltliteratur – idealerweise in der Übersetzung von Harry Rowohlt, der das auch genial als Hörbuch vorliest.

Platz 5: Marcel Proust – "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Schluss mit allen Ausreden: Wann wenn nicht jetzt?

Platz 4: Arno Schmidt – "Schwarze Spiegel"

Fünf Jahre nach einem Atomkrieg trifft der letzte Mann auf der Welt endlich eine Frau. Aber diese Frau, seine Lebensliebe, verlässt ihn mit den Worten "Morgen fahre ich ab: es ist gerade noch Zeit, ehe ich ganz behäbig werde. Du bist mir zu stark." Sollten Sie jemals verlassen worden sein, in dieser hochrochmantischen Liebesgeschichte kommt alles noch schlimmer.

Platz 3: Thomas Mann – "Tod in Venedig"

Die Geschichte des alternden Erfolgsautors Gustav von Aschenbach, der sich am Lidostrand in den Jüngling Tadzio verguckt, ist die Mustergeschichte schlechthin darüber, dass mitunter Liebe in bürgerlichen Existenzen noch größere Sauereien anrichtet als Pest, Typhus und Cholera zusammengenommen.

Platz 2: Cormack McCarthy – "Die Straße"

Die tollste Post-Doomsday-Geschichte der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur: Ein Junge und sein Vater wandern nach einer unbenannt bleibenden Katastrophe durch die Ascheödnis der USA, immer auf der Suche nach etwas zu essen und ständig auf der Hut vor allgegenwärtigen Kannibalen. Eine existentielle Parabel von enormer stilistischer Wucht.

Platz 1: Marlen Haushofer – "Die Wand"

Stell Dir vor, Du bist von einem Moment auf den anderen durch eine Glaswand von Deiner Umgebung isoliert: So geschieht es der Erzählerin, die nur mal einen Ausflug in die österreichischen Alpen unternehmen wollte. Eine packende feministische Vision, an deren Ende ein Mord steht – und eine Frau, die ihr Leben in die Hand nimmt.

Stand: 30.03.2020 08:49 Uhr

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