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Totalschaden

Was deutsche Autobauer jetzt blechen müssen

Totalschaden | Video verfügbar bis 26.07.2018

Erst der Dieselskandal, jetzt die Kartellvorwürfe. Deutschen Autobauern drohen milliardenschwere Kosten an Strafzahlungen und Schadensersatz. Für die einst hoch angesehene Autobranche steht so viel auf dem Spiel wie noch nie.

Die erfolgsverwöhnte Autobranche bekommt immer mehr Kratzer. Nun auch noch der Kartell-Verdacht. "Plusminus" ist in Weissach, vor den Toren Stuttgarts. Hier sollen die Absprachen angefangen haben. Im Porsche-Entwicklungszentrum beschlossen die fünf großen deutschen Autohersteller Mitte der 90er Jahre, in der Entwicklung zusammenzuarbeiten, und gründeten dafür eine Firma: das Abgaszentrum der Automobilindustrie, kurz ADA.

Wendelin Wiedeking, der Chef der Porsche AG von 1993-2009, sagte: "Mit der Einrichtung des ADA folgen diese Unternehmen Beispielen, die wir alle kennen aus USA und Japan. Dort arbeitet unsere internationale Konkurrenz auf mehreren Gebieten vorwettbewerblich bereits seit sehr langer Zeit zusammen."

Die Kooperation in Weissach erfolgte damals noch mit Billigung des Bundeskartellamtes. Absprachen hat es also schon länger gegeben. Nun lautet der Vorwurf: In tausenden Sitzungen und über 60 Arbeitskreisen sollen auch wettbewerbswidrige Absprachen getroffen worden sein.

Mehr als zehn Milliarden Euro Schadenersatz?

Sollte sich der Kartell-Vorwurf bestätigen, könnte das für die deutsche Autobranche richtig teuer werden. Frank Schwope, Auto-Analyst der NordLB meint: "Wenn es sich bewahrheitet, kann man davon ausgehen, dass Strafzahlungen vielleicht in Höhe von 3 bis 5 Milliarden auf die Hersteller zukommen. Dazu sind natürlich auch noch Schadensersatzforderungen von Zulieferern denkbar oder auch von Fahrzeugkäufern. So dass ich momentan den Schaden auf einen Betrag von mehr als 10 Milliarden taxieren würde."

Die EU-Kommission ermittelt nun. Kommt es zu einer Verurteilung, drohen Rekordstrafen. Geschätzte 10 Milliarden Euro für die betroffenen Autohersteller. Auch Aktienanleger könnten wegen Kursverlusten noch klagen. Die Liste der Zahlungsverpflichtungen wird immer länger.

Und da war ja auch noch die Abgas-Affäre. Zuerst hat es VW getroffen. In den USA mussten die Wolfsburger bereits kräftig bluten für Strafzahlungen, Schadensersatz und Autorückkäufe. Und das Ende der Fahnenstange ist möglicherweise noch nicht erreicht, sagt Schwope: "Durch den Dieselskandal sind für Volkswagen bisher Kosten von 23 Milliarden entstanden. Zumindest wurden dementsprechend Rückstellungen gebildet. Ich würde davon ausgehen, dass es insgesamt noch ein bisschen teurer wird, dass es irgendwo zwischen 25 und 35 Milliarden Euro liegen wird."

"Kosten sind verkraftbar"

Doch auch andere Autobauer sind betroffen. Gegen Daimler etwa wird in den USA und in Deutschland ermittelt, es drohen Millionen-Kosten und auch Audi und Porsche haben Hunderttausende Autos in die Werkstätten zurückgerufen. Welche Folgen hat das für die deutschen Hersteller?

Der Autoanalyst Schwope fasst zusammen: "Man darf auch nicht vergessen, dass die deutschen Automobilhersteller dieses Jahr wahrscheinlich Rekordgewinne einfahren werden, Volkswagen möglicherweise einen operativen Gewinn von 15 Milliarden Euro. Also die Hersteller verdienen wirklich sattes Geld. Insofern sind die Kosten aus dem Dieselskandal bei Volkswagen und auch aus dem möglichen Kartell-Skandal für die Hersteller verkraftbar."

Doch die Branche steht vor großen Umwälzungen. Für autonomes Fahren, Digitalisierung, Elektromobilität stehen Milliarden-Investitionen an. Gerhard Wolf, LBBW-Autoanalyst unterstreicht: "In der Summe sind das natürlich ganz ordentliche Beträge. Und das in einer Phase, wo die Unternehmen sich neu ausrichten müssen, wo sie massiv Geld investieren müssen. Und da ist jeder Euro notwendig, um diesen Wandel zu schaffen."

Noch ist nicht sicher, ob aus dem gemeinsamen Abgaszentrum tatsächlich verbotene Kartellabsprachen hervorgegangen sind. Doch das einst so glänzende Image der deutschen Autobauer, es trübt sich immer mehr ein.

Autoren: Thomas Eberding, Jochen Braitinger

Stand: 28.07.2017 15:26 Uhr