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Frei verkäufliche Schmerzmittel

Wenn angeblich harmlose Tabletten tödliche Nebenwirkungen haben

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Frei verkäufliche Schmerzmittel | Video verfügbar bis 13.09.2018

Inhalt in Kürze:
– Viele Schmerzmittel sind rezeptfrei erhältlich und werden in der Werbung als Möglichkeit beworben, leistungsfähig zu bleiben trotz Schmerzen. Die Risiken werden von Patienten unterschätzt.
– Medizinische Studien zeigen, dass Schmerzmittel zahlreiche Nebenwirkungen haben können, wie etwa Magenblutungen, Leber- und Nierenschäden und sogar zu plötzlichen Herzstillstand führen können.
– Experten empfahlen deshalb schon vor Jahren die Packungsgrößen auf eine Dosis von maximal vier Tagen zu begrenzen. Doch das Bundesgesundheitsministerium setzte dies bislang nicht um.
– Jetzt liegt ein Verordnungsentwurf vor, der vorsieht, dass die Packungen künftig einen deutlichen Warnhinweis zur Einnahmedauer haben sollen.

Rezeptfreie Schmerzmittel werden als schnelle Helfer beworben, fehlen in keiner Hausapotheke, sind problemlos erhältlich und scheinbar harmlos.

So hat auch Michail H. aus Hamburg jahrzehntelang das rezeptfreie Thomapyrin gegen Kopfschmerzen genommen, anfangs ein Mal pro Woche, später bis zu drei Tabletten am Tag. In der Apotheke konnte er es immer einfach kaufen und wurde nie auf Nebenwirkungen angesprochen, berichtet er.

Rezeptfreie Schmerzmittel
Rezeptfreie Schmerzmittel

Erst nach Jahren finden die Ärzte den wahren Grund für seine Kopfschmerzen heraus: zu hoher Blutdruck. Inzwischen leidet er an Niereninsuffizienz und erlitt einen Herzinfarkt. Eine mehrwöchige Reha ist die Folge. Experten wie die Kardiologin Dr. Melanie Hümmelgen vom RehaCentrum Hamburg sehen einen Zusammenhang: "Die Einnahme von solchen Schmerzmitteln ist ein häufiger Risikofaktor. Wir unterschätzen ihn sicherlich auch noch, weil die Patienten es gar nicht angeben. Sie bringen das für sich selbst nicht in den Zusammenhang. Aber gerade in den letzten Jahren haben wir gute Erkenntnisse gewonnen, dass es ein wichtiger auslösender Risikofaktor ist."

Neue Forschungen belegen Risiken

In Kopenhagen haben Forscher jetzt den Zusammenhang zwischen Schmerzmitteln und den gefährlichen Folgen genauer untersucht. Die Auswertung des Teams um Kathrine Sondergaard vom Copenhagen University Hospital zeigt: Manche Mittel sind hochgefährlich, erhöhen sogar das Risiko für einen Herzstillstand dramatisch. Die Forscherin erläutert: "Frühere Studien haben schon eine erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf Erkrankungen in Zusammenhang mit Schmerzmitteln gezeigt. Von daher hatten wir schon den Verdacht, dass es auch einen Zusammenhang mit Herzstillstand gibt. Wir stellten in unserer Studie fest, dass die Einnahme von Diclofenac mit einem um 50 Prozent erhöhten Risiko von Herzstillstand verbunden ist und die Einnahme von Ibuprofen mit einem um 31 Prozent erhöhten Risiko von Herzstillstand."

Und noch schlimmer: Das Risiko besteht schon nach einer Einnahme von wenigen Wochen oder Tagen. Die Expertin ergänzt: "Ich würde die Einnahme von Diclofenac nicht empfehlen, vor allem, wenn Sie Herzkrankheiten oder mehrere Risikofaktoren für Herzkrankheiten haben. Das gilt aber auch für die Allgemeinbevölkerung."

Werbung für Schmerzmittel in der Kritik

Rund drei Milliarden Einzeldosen Schmerzmittel werden jedes Jahr in Deutschland verkauft. Dabei zeigen immer mehr Studien wie gefährlich sie auch für Magen, Nieren oder Leber sind. Davon ist in der Pharmawerbung jedoch keine Rede.

Pharmakologe Prof. Gerd Glaeske
Prof. Gerd Glaeske, Pharmakologe

Der Pharmakologe Prof. Gerd Glaeske vertritt dazu eine klare Meinung: "Wenn bei Arzneimitteln, die dann beworben werden aus dem nicht rezeptpflichtigen Bereich, etwa für Schmerzmittel 150-200 Millionen Euro aufgewendet werden und wenn Werbung so aussieht, dass Risiken nicht auftreten, dass das Positive immer im Vordergrund steht, dass der Missbrauch verharmlost wird, dann muss man sagen, gehört die Werbung nicht ins Fernsehen, die muss verboten werden."

Organschäden durch Schmerzmittel

Auch Mirko K. aus Leipzig hielt die rezeptfreien Schmerzmittel für harmlos. Nach einem Treppensturz bekommt er chronische Rückenschmerzen. Mit zwei Aspirin täglich fängt es an. Doch die Schmerzen werden immer schlimmer. Am Ende nimmt er bis zu sechs Aspirin am Tag, bis er zusammenbricht. Mit schweren Magenblutungen wird er in die Klinik eingeliefert.

Im Krankenhaus vermutet man als Ursache die ASS-Tabletten (Acetylsalicylsäure, Wirkstoff in Aspirin). Doch auch danach machte er weiter. Jetzt bekämpft er seine Rückenschmerzen mit einem Ibuprofen-Präparat und bekommt wieder schwere Magenprobleme. Schließlich sucht er Hilfe in einer Schmerzklinik.

Dr. Heike Rittner von der Schmerztagesklinik in Würzburg hat häufig Patienten wie ihn: "Es gibt Magenblutungen, es gibt Magendurchbruch, da sterben in Deutschland Tausende pro Jahr dran. Ich hab schon den Eindruck, dass wir viele jüngere Patienten da haben, die das einnehmen, die so auch unter dem Druck stehen, funktionieren zu müssen."

Experten fordern kleinere Packungen

Schon vor Jahren empfahl das Bundesamt für Arzneimittel bei ASS, Ibuprofen und Diclofenac die Packungsgrößen zu beschränken. Nur noch in einer Dosis für maximal vier Tage sollte es die Mittel rezeptfrei geben.

Der Pharamkologe Prof. Gerd Glaeske erläutert dazu:  "Eine Verkleinerung der Packungsgröße würde aus meiner Sicht ein wichtiges Signal für Arzneimittelsicherheit bedeuten. Dass man eben verdeutlicht, hier sind Arzneimittel, die können eingenommen werden ohne Rezept, aber bitte schön nur eine bestimmte Zeit in einer bestimmten Menge."

Doch das Bundesgesundheitsministerium zögert seit fünf Jahren mit der Umsetzung. Auf Nachfrage von "Plusminus" heißt es nur: "Die Empfehlung des Sachverständigenausschusses wird seither auch im Hinblick auf mögliche Alternativen fachlich diskutiert."

Kaum Aufklärung und Beratung

Offenbar scheut man sich, das Milliardengeschäft zu durchkreuzen und schiebt die Verantwortung weiter. Die Apotheker müssten eben richtig aufklären.

Ein Schmerzmittel wird in der Apotheke verkauft
Schmerzmittel werden in Apotheken oft ohne Beratung verkauft

Ob sie das machen, wollen wir in einem Test herausfinden und gehen mit versteckter Kamera in 25 Apotheken in Mainz und Stuttgart und verlangen ein Schmerzmittel. Werden wir tatsächlich über die Risiken aufgeklärt?

Ergebnis: Nach Vorerkrankungen wie Bluthochdruck werden wir kaum gefragt. Und über Risiken und Nebenwirkungen klärt uns nur etwa ein Viertel der Apotheken in unserer Stichprobe auf. Fast die Hälfte berät überhaupt nicht.

Für  Prof. Gerd Glaeske zeigt sich dabei: "Da geht es nur darum, das Arzneimittel über den Handverkaufstisch zu reichen und abzukassieren und das ist eigentlich nicht die Aufgabe in Apotheken.“

Dass auf die Beratung in den Apotheken kein Verlass ist, hat jetzt wohl auch das Bundesgesundheitsministerium eingesehen und will Warnhinweise auf den Packungen einführen, allerdings frühestens ab 2018.

Stand: 14.09.2017 09:04 Uhr