SENDETERMIN Mi, 06.09.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Günstige E-Autos: Wie Daimler, VW und Co vorgeführt werden

Günstige E-Autos: Wie Daimler, VW und Co vorgeführt werden | Video verfügbar bis 06.09.2018

Er ist nur ein Prototyp und trotzdem sind schon mehr als Tausend dieses Elektroautos fest bestellt. Am Steuer sitzt ein Professor von der Uni Aachen. Sein Team aus 70 Ingenieuren und Studenten brauchte für die Entwicklung nur gut zwei Jahre. Hier gehen sie anders ran als die großen Autobauer. Professor Günther Schuh sagt zu "Plusminus": "Wenn Sie etwas entwickeln oder optimieren wollen, wir haben hier so eine Kannste-mal-eben-Infrastruktur: 'Sach mal, wie geht das? Hier ruckelts jetzt. Woran könnte das liegen? Ist das die Ansteuerung des Bremsbelags, oder brauchen wir einen anderen Bremsbelag?' (...)"

Eine Millionen Elektrofahrzeuge bis 2020
Ziel der Bundesregierung ist, dass bis zum Jahr 2020 eine Millionen Elektrofahrzeuge zugelassen sein sollen. Aktuell sind E-Autos auf deutschen Straßen Mangelware. 2015 wurden in Deutschland 12.363 reine Elektro-Pkw und 11.101 Plug-in-Hybrid-Pkw zugelassen. Dies entspricht gerade einmal einem Anteil von 0,73 Prozent der Neuzulassungen. Hier erfahren Sie mehr über die Förderung zur E-Mobilität.

'e.Go Life' heißt das Elektroauto vom Uni Campus Aachen. Ein Viersitzer, gedacht für den Stadtverkehr. Mit einmal laden ist er gut 100 Kilometer unterwegs. Einen Showroom für Interessenten gibt es auch schon. Ab Sommer 2018 werden die ersten an die Kundschaft ausgeliefert.

Erschwingliche E-Mobilität

15.900 Euro kostet das Basismodell. Ähnliche Modelle der etablierten Autobauer sind deutlich teurer. 4000 Euro Zuschuss vom Staat gibt es für alle. Der e.Go kostet dann nur noch 11.900 Euro. Die Aachner bewerben sich mit dem e.Go nicht bei Jugend Forscht. Professor Schuh hat gemeinsam mit Investoren ein Unternehmen gegründet. Das Ziel ist: Ein Elektro Auto bauen, das mit normalen Verbrenner-Autos konkurrieren kann. Schuh und sein Team konzentrieren sich auf das Wesentliche:

»Technologisch muss man sagen: 'Wenn man dem dieselbe Reichweite abverlangt, dann kann man das nicht, keiner, auch wir nicht.' Deswegen haben wir uns gefragt, ob nicht ein großer Teil der Kundschaft zufrieden sein würde, wenn sie einen vernünftigen Preis bezahlen, dafür aber eine kleine Reichweite haben.«

Preisüberblick Elektroautos
Die Preise der Hersteller im Überblick

Radikale Reduktion auf das Wesentliche

Dass die radikale Reduktion auf das Wesentliche funktioniert, haben die Ingenieure von der Uni Aachen schon einmal mit dem gelben Elektro-Lieferwagen, dem "Streetscooter" bewiesen. Vor zweieinhalb Jahren hat die Post die ganze Firma samt Erfindung kurzerhand gekauft. 3000 Streetscooter fahren schon im Postdienst. Professor Achim Kampker ist nach dem Verkauf im Unternehmen geblieben und baut jetzt in Aachen als Mitarbeiter der Post Autos. Kampker erklärt uns:

»Wir reden gar nicht von 'Auto', sondern von 'Werkzeug'. Das ist einer der Hauptunterschiede in der Herangehensweise. Wir haben uns gefragt: 'Ist das der ideale Hammer, den ich dem Zusteller oder jemandem, der mit diesem Gerät arbeiten will, in die Hand lege?'.«

Etablierte Hersteller bieten nichts an

Die Post baut Elektrotransporter, weil die etablierten Hersteller kein umweltfreundliches Angebot machen konnten. Mit dem Lieferwagen abgasfrei und günstig in die Innenstadt – dafür gibt es viele Interessenten bei Kommunen und in der Wirtschaft. An Nachfrage mangelt es nicht.

Auch Bäckermeister Roland Schüren aus Hilden wird bald Streetscooter fahren. Er setzt auf Solarstrom und braucht das gleiche wie die Post: Günstige Lieferwagen mit Platz, die abgasfrei seine 18 Filialen beliefern. Die bekommt er nicht beim Daimler, dafür aber bei der Deutschen Post. "Man ist schnell. Man hat einen guten Austausch und das ist eben bei den großen Automobilherstellern ganz anders. Da kommt man gar nicht durch. Oder wenn man durchkommt, dann hat Daimler uns freundlich alles erzählt und erklärt. VW hat sich nach langem Hin- und Her zu einem Nein durchgerungen. Das ist das Einzige, was wir gehört haben", sagt uns Schüren.

Softwareentwickler statt Autokonstrukteur

Die Post bedient bei Transportern eine neue Nische. Das Hauptargument für den e.Go ist der Preis. Dass der so günstig ist, liegt auch daran, dass seine Ingenieure weniger als Autokonstrukteure, sondern eher wie Softwareentwickler arbeiten. Sie erfinden das Rad nicht neu. Viele der Einzelteile des neuen E-Autos gibt es schon. Schuh sagt dazu: "Ich wollte kein Experiment, was nachher der Kunde auszubaden hat. (...)"

Einladung an große Hersteller

Der e.Go ist kein Hirngespinst aus dem Elfenbeinturm der Universität. Das wird einem spätestens auf dieser Baustelle klar: 33 Millionen Euro kostet die Fabrik. Ab Mai 2018 wird dort der e.Go mit 10.000 Fahrzeugen pro Jahr produziert. Das Potential sei weitaus größer, sagt uns Schuh:

»Ich glaube, dass es für diese Kategorie Fahrzeug allein in Deutschland einen Markt von 400.000 Fahrzeugen im Jahr gibt. Natürlich nur für Menschen, die mit einem Kurzstreckenfahrzeug auskommen. Wenn einer ein Universal-Auto braucht, ist das nicht das richtige dafür. Von den 400.000 Fahrzeugen können wir, wenn wir das ganz toll hinkriegen, vielleicht 40.000 produzieren. Das wäre ganz toll. Aber irgendwer muss auch noch die anderen 360.000 herstellen.“«

Das klingt nach einer Einladung an BMW, Daimler und Volkswagen – nicht nach einer Kampfansage.

Autor: Stefan Jäger

Stand: 07.09.2017 08:49 Uhr