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Hausbau: Fragwürdige Gutachten

Hausbau: Fragwürdige Gutachten | Video verfügbar bis 30.08.2018

Inhalt in Kürze
– Bei Baugutachten sind in einigen Fällen Zweifel an der Unabhängigkeit der Prüfvereine aufgekommen.
– Die weitverbreitete 5-Phasen-Prüfung ist nach Ansicht eines Bausachverständigen nicht ausreichend, um Baupfusch zuverlässig zu erkennen.
– Bauherren sollten einen eigenen, unabhängigen Sachverständigen beauftragen.

Beim Hausbau sichern sich viele mit einem Gutachten ab. Doch an der Unabhängigkeit von TÜV, VQC und anderen Prüfvereinen sind in einigen Fällen Zweifel angebracht. Nach Recherchen von "Plusminus" kann es problematisch sein, wenn Bauunternehmen oder deren Franchisenehmer mit der Qualitätsüberwachung durch Prüfvereine werben.

Kritik an der 5-Phasen-Prüfung

Große Anbieter auf dem unübersichtlichen deutschen Hausbaumarkt werben häufig mit einer sogenannten 5-Phasen-Bauprüfung durch sogenannte unabhängige Prüfvereine. Kontrolliert werden an vier Terminen:

  • die Planungsunterlagen
  • die Baugrube, wenn das Haus über einen Keller verfügt
  • Leitungen und Rohre, solange die Wände noch offen sind
  • Innenausbau und Endabnahme

Die 5-Phasen-Prüfung hat erhebliche Mängel, kritisiert unter anderem der IHK-Bausachverständige und vom Gericht beauftragte Gutachter Franz Josef Bilo. Aus eigener Erfahrung weiß der Experte, dass die Prüftermine bei weitem nicht ausreichen. Für eine vernünftige Beurteilung hält Bilo acht Termine auf der Baustelle für erforderlich.

Maurer hält eine Wasserwage gegen frisch zementierte Mauer.
Warum werden bei einigen Gutachten Baumängel übersehen?

Einen großen Schwachpunkt sieht der Experte darin, dass die Baubegehungstermine angekündigt stattfinden. So haben Bauunternehmen die Möglichkeit, Mängel zu verstecken: Fundamente können eine schlechte Schüttung überdecken, falsch gelegte Leitungen werden einfach übergespachtelt.

Verflechtung mit dem Auftraggeber

Der Gerichtsgutachter sieht die Unabhängigkeit der Prüfvereine in Gefahr: Sie seien wirtschaftlich eng mit ihrem Auftraggeber, den Bauunternehmen, verwoben. Nach Ansicht des Wirtschaftsjuristen Professor Michael Adams haben Organisationen wie TÜV und VQC nur noch wenig mit der Idee eines technischen Überwachungsvereins von vor mehr 100 Jahren zu tun.

Einige dieser Prüfvereine sind Aktiengesellschaften, an denen die Finanzmärkte großes Interesse zeigen. Die Schweizer SGS und das französische Bureau Veritas, die auch auf dem deutschen Markt aktiv sind, sind schon börsenotiert. Prof. Adams sieht die Gefahr, dass auch die zu diesen im harten Konkurrenzkampf stehenden deutschen Prüfvereine den gleichen Weg einschlagen werden. Damit, so der Experte, ist ihre Unabhängigkeit nur noch schwer zu gewährleisten.

Kritik an Town & Country und Kern Haus

Im Gespräch mit "Plusminus" berichten zwei Bauherren über ihre schlechten Erfahrungen mit unabhängigen Prüfvereinen. Beide fühlten sich sicher, weil die Bauunternehmen mit den Siegeln unabhängiger Prüfvereine warben:

  • Das Franchiseunternehmen Town & Country wirbt in seinem Prospekt mit den Siegeln von VQC und TÜV Süd.
  • Das Bauunternehmen Kern Haus wirbt mit dem Siegel des TÜV Rheinland.

Stellungnahme von Town & Country

Auf Anfrage von "Plusminus" antwortete Town & Country ausführlich, untersagt aber gleichzeitig eine auch nur ausschnittweise Veröffentlichung der Stellungnahme. Nur eine Information darf "Plusminus" wiedergeben: Town & Country hat vor Jahren eine Stiftung gegründet. Diese gewährt Bauherren unter bestimmten Bedingungen ein zinsfreies Darlehen, um finanzielle Engpässe abzufedern, wenn es Ärger mit Baupfusch gibt. Die Bauherren verpflichten sich allerdings zu Stillschweigen über die Bedingungen, die zur Gewährung des Darlehens geführt haben.

Stellungnahme von Kern Haus

Kern Haus will "Plusminus" nicht sagen, welches Geschäftsvolumen die Aufträge mit dem TÜV Rheinland haben, stellt aber fest: "Kern-Haus verpflichtet sich freiwillig zu einer 5-Phasen-TÜV-Prüfung zur Sicherstellung einer hohen Bauqualität bei jedem Bauvorhaben."

Auf die Frage, ob die Bewertung des Gutachters im Zusammenhang mit einer zu engen Bindung zum Auftraggeber stehen könnte, antwortet Kern Haus mit einem entschiedenen "Nein". Außerdem teilt das Unternehmen mit: "Es handelt sich um unabhängige Gutachter."

Tipps für Bauherren

Um Ärger beim Hausbau zu vermeiden, raten Fachanwälte für Baurecht:

  • Bauherren sollten sich während der gesamten Bauphase einen eigenen Bausachverständigen beauftragen.
  • Der Sachverständige sollte nichts mit der Baufirma oder dem Architekten zu tun haben und mindestens acht Mal unangekündigt auf die Baustelle kommen.
  • Geprüft werden sollte in den kritischen Phasen, zum Beispiel Schüttung der Bodenplatte, Verlegung der Elektrik, Montage der Dampfsperre, Dämmung und Verfüllen des Estrichs.
  • Der Sachverständige sollte auch kontrollieren, ob das gelieferte Baumaterial mit dem vertraglich vereinbarten Material übereinstimmt.
  • Sollten Mängel auftreten, müssen sie sofort angesprochen werden, um Verzögerungen zu verhindern.
  • Solange Mängel nicht behoben sind, sollten die nächsten Bauabschnittszahlungen ausgesetzt werden

Je nach Aufwand kostet ein Gutachter zwischen 2.000 und 5.000 Euro – eine Investition, die sich in der Regel lohnt, um Ärger mit der meist größten und teuersten Anschaffung des Lebens zu verhindern.

Bericht: Daniel Krull

Stand: 11.09.2017 12:00 Uhr