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Geschäfte mit der Pflege: Deutsche Senioren in osteuropäischen Pflegeheimen

Deutsche Senioren in osteuropäischen Pflegeheimen | Video verfügbar bis 17.08.2018

Die Pflege in Deutschland wird immer teurer. Mehr als 400.000 Menschen benötigen Pflegehilfsleistungen, da sie ihre Pflege nicht selbst bezahlen können. Die Zahl dieser Personen steigt Jahr für Jahr an, denn einerseits werden die Menschen in Deutschland immer älter, andererseits steigen auch die Kosten für Pflegeheime ständig.

Die Hand einer Pflegerin hält die Hand einer alten Frau.
Ist ein Pflegeheimplatz in Osteuropa eine gute Alternative?

Wer diese Kosten hierzulande nicht mehr tragen kann oder will, fragt sich, ob günstigere Pflegeheime im Ausland, vor allem in Osteuropa, eine Alternative zur hiesigen Misere sind. Wir waren vor Ort und haben uns die Vor- und Nachteile angeschaut. Dabei mussten wir auch erfahren, dass die hohen Pflegekosten oft nicht der einzige Grund sind, warum Senioren für die Pflege nach Osteuropa gehen.

Gleich hinter der Grenze

Thomas Raymond
Weil er mit der Pflege seiner demenzkranken Mutter in Deutschland unzufrieden war, eröffnete Thomas Raymond ein eigenes Heim in Tschechien.

In einem Pflegeheim im tschechischen Luby besuchen wir die 75-jährige Ursula Wendler aus Nürnberg. Sie erzählt uns, dass es ihre Tochter war, die den Umzug von einem deutschen Altersheim hierher veranlasste – aus finanziellen Gründen.

Eröffnet wurde das Seniorenheim, das unmittelbar an der deutsch-tschechischen Grenze liegt, vor einem Jahr von Thomas Raymond, einem ehemaligen Unternehmensberater. Er hatte selbst eine demenzkranke Mutter und war mit der Pflege in Deutschland unzufrieden: "Das hat mich dazu veranlasst, mal nach Alternativen zu suchen, und dann bin ich durch die Grenznähe zu Deutschland auf Tschechien gestoßen."

Halb so teuer

Ein Pflegeheim von außen.
Dieses Pflegeheim steht im tschechischen Luby gleich hinter der Grenze.

Alle Bewohner seines Heimes kommen aus Deutschland. Bei den meisten reichten Rente und Pflegegeld nicht mehr aus, um einen Heimplatz in Deutschland bezahlen zu können. Der kostet im Durchschnitt etwa 3200 Euro. In Luby ist das Einzelzimmer dagegen für 1600 Euro zu haben – inklusive Vollverpflegung und allen Pflegeleistungen. Das Geld aus der deutschen Pflegekasse wird auch in Tschechien gezahlt. Raymond fasst zusammen, warum er die Pflege hier günstiger anbieten kann: "Das hängt eigentlich schon mit den Lebenskosten zusammen, mit den Lebenshaltungskosten. Das hängt mit dem Lohngefüge zusammen."

Konkret heißt das: Während das Gehalt einer Pflegekraft in Deutschland bei durchschnittlich 2300 Euro brutto liegt, verdienen die Pflegerinnen hier etwa 800 Euro im Monat. Das ist etwas mehr als in Tschechien üblich. Denn gutes Personal, das auch noch Deutsch spricht, ist auch hier rar.

Genügend Personal

Für die 13 zum Teil schwer demenzkranken Bewohner stehen zehn Pfleger zur Verfügung. Bei steigenden Löhnen könnte sich das ändern. Doch noch bekommt jeder Senior die Zuwendung, die er braucht, ob beim Essen, bei der Beschäftigung oder der Pflege.

In vielen deutschen Heimen ist das anders. Trotz Pflegereform herrscht nach wie vor Personalmangel. Täglich bleibt deshalb zu wenig Zeit für die individuelle Betreuung und Zuwendung. Auch die Dokumentation verschlingt einen beträchtlichen Teil der Arbeitszeit, die für die Pflege fehlt.

Claus Fussek
Claus Fussek ist Deutschlands bekanntester Pflegekritiker.

Claus Fussek, Deutschlands bekanntester Pflegekritiker, ist sich sicher, dass es auch die schlechten Pflegebedingungen im eigenen Land sind, die die Menschen nach Alternativen im Ausland suchen lassen: "Man spricht in Deutschland seit vielen Jahren von 'satt, sauber, sediert', also ruhig gestellt. Man kann nur sagen, dass es natürlich eine Bankrotterklärung ist für ein reiches Land, dass wir dann sagen müssen, wir müssen unsere Alten – ich sag es mal so salopp – ins Ausland exportieren, weil wir in Deutschland offensichtlich nicht in der Lage sind, unsere alten Leute würdevoll zu versorgen."

Pflege im Ausland als Geschäftsmodell

Ein Pflegeheim von außen.
Dieses Heim in Ungarn bietet einen Blick auf den Balaton.

Dass sich immer mehr Senioren die hohen Pflegekosten nicht mehr leisten können oder wollen, daraus hat Artur Frank ein Geschäftsmodell gemacht. Er vermittelt Deutsche in osteuropäische Heime, zum Beispiel nach Ungarn an den Balaton. Früher waren es vor allem die Angehörigen, die zu ihm kamen. Heute sind es auch die Senioren selbst, berichtet er: "Eine große Bedeutung spielt, dass ein bestimmter Anteil, ein nennenswerter Anteil dieser Senioren das, was sie in ihrem Arbeitsleben erwirtschaftet haben – das Häuschen, die Eigentumswohnung – nicht aufs Spiel setzen wollen, weil sie das eigentlich als ihren Teil an die Kinder weitergeben möchten, wenn sie ableben. Ich glaube, das muss man respektieren."

Zu seinen Kunden gehören auch Liane und Dieter Lange. Das Ehepaar aus Jena sucht eine preiswertere Alternative zu Deutschland. Dieter Lange befürchtet, dass ihre einzige Tochter zur Kasse gebeten werden könnte: "Wenn sie noch Geld ausgeben müsste für uns, das wäre unerträglich." Nicht anders geht es seiner Frau: "Das würde sie bestimmt machen, dann würde sie sagen, das Beste ist gerade gut genug, und das ist das, was wir befürchten und auf keinen Fall wollen."

Anders als das Heim in Tschechien macht das Haus in Ungarn nicht den Eindruck einer Pflegeeinrichtung sondern eher eines familiengeführten Hotels. Das mag daran liegen, dass viele Bewohner hier gesundheitlich fitter sind als in Tschechien. Ein anderer Grund ist sicher das vielfältigere Freizeitprogramm.

Regelmäßig läuft zum Beispiel für die Bewohner, die Deutsche, Österreicher oder Schweizer sind ein Ungarisch-Kurs. Der Sprachkurs soll die Älteren aber vor allem geistig fit halten, denn Ungarisch braucht hier eigentlich niemand. Alle sprechen Deutsch, auch der Arzt, der jede Woche bei den Bewohnern vorbeischaut.

Ein Preis für alle

Artur Frank
Artur Frank vermittelt Deutsche in osteuropäische Heime.

Das Einzelzimmer plus Pflege kostet auch hier 1650 Euro. Maniküre, Pediküre, Friseur sowie regelmäßige Massagen und Physiotherapie sind inklusive. Anders als in Deutschland hat der Pflegegrad keinen Einfluss auf den Preis. Artur Frank erklärt, warum der Preis hier immer derselbe ist: "In Deutschland ist es so, wenn es an Umsatz fehlt, dann sagt der Geschäftsführer, dann müssen wir den Senior in den nächsthöheren Pflegegrad bringen, und dann hat er automatisch mehr Geld in der Kasse. Das wollen wir hier verhindern. Wir wollen Anreize schaffen, dass das Personal alles tut, dass es dem Senior so lange wie möglich gut geht. Dann hat er weniger Pflegeaufwand."

Pflegekritiker wie Claus Fussek halten deshalb das System in Deutschland schon lange für reformbedürftig: "Das ist abartig, dass man die Menschen in die Betten pflegt, um möglichst viel Gewinn und Rendite zu machen. Und wenn das vielleicht geändert wird, weil man in osteuropäischen Ländern diesen Gedanken, diesen selbstverständlichen Gedanken pflegt und wir würden daraus lernen, wäre das ein tolle Sache."

Abgeschobene Alte?

Einen Wermutstropfen gibt es trotzdem für alle: Wegen der großen Entfernung sind regelmäßige Besuche aus der Heimat kaum möglich, wie einer der Bewohner beklagt: "Ich sehe meine Kinder sehr selten, die kommen von München auf Besuch hierher." Werden die alten Menschen nach Osteuropa abgeschoben? Für Claus Fussek ist das eher das kleinere Übel: "Ich kenne auch die Situation in deutschen Pflegeheimen, und zwar nicht selten, das dort Menschen über Wochen und Monate nicht mehr besucht werden. Und ich sage immer, wer sich in München oder Stuttgart nicht um seine Mutter im Heim kümmert, der kümmert sich auch nicht in Polen oder Ungarn um seine Mutter. Dann ist es auch egal."

Seniorenheime wie in Ungarn oder in Tschechien sind für viele eine Alternative – auch wenn ihnen gute und bezahlbare Pflege in Deutschland lieber gewesen wäre.

Autorin: Christiane Cichy

Stand: 17.08.2017 10:36 Uhr

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