SENDETERMIN Mi, 29.03.17 | 21:45 Uhr | Das Erste

Diesel-Falle

Hat sich die Autoindustrie ins Abseits manövriert?

Diesel-Falle  | Video verfügbar bis 29.03.2018

In der Autostadt Stuttgart ist die Stimmung aufgeheizt. Hier sollen schon 2018 Fahrverbote für Diesel-Autos kommen und viele Betroffene sind wütend, da auch erst wenige Jahre alte Pkw dann nicht mehr in die Stadt fahren dürfen. Dabei wurde der Diesel jahrelang weltweit als besonders sauber und umweltfreundlich beworben. Die Chefs der Autokonzerne verkauften den Diesel lange als die Lösung für alle Klimaprobleme. 

So sagte Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender Audi AG, auf der Detroit Motor Show 2008: "Die Klimadebatte gewinnt man nur mit Technologie und zwar Hochtechnologie. Und wir sind zutiefst überzeugt, dass die Diesel-Technologie, wenn es um den Verbrauch geht, einer der Meilensteine sein wird."

Autokäufer vertrauten den Versprechen

Auch Rainer Z. hat auf solche Aussagen vertraut. Weil er die Umwelt schonen will, hat er sich zu Beginn seiner Rente einen BMW Mini mit Diesel-Motor gekauft, für immerhin 25.000 Euro. Doch ab nächstem Jahr darf er damit an vielen Tagen wohl nicht mehr nach Stuttgart hinein fahren.

Feinstaubalarm-Schild in Stuttgart
Feinstaubalarm in Stuttgart

Im vergangenen Jahr wurde in Stuttgart an 59 Tagen der so genannte Feinstaubalarm ausgerufen. In Zukunft dürfen an solchen Tagen nur noch Diesel mit der neusten Schadstoffklasse Euro 6 in die Innenstadt. Rund 90 Prozent der Diesel-Pkw wären dann ausgeschlossen, auch der Mini von Rainer Z. Und Stuttgart soll nur der Anfang sein:  Fahrverbote drohen auch in anderen Städten wie München, Düsseldorf und Frankfurt.

Folgen für Handel und Industrie

Die wirtschaftlichen Folgen für die Autoindustrie sind schon jetzt zu spüren. Vielen Auto- und Gebrauchtwagenhändlern bricht das Geschäft mit dem Diesel weg. Der Verkaufsleiter eines Autohauses berichtet uns, "dass die generelle Nachfrage nach Diesel-Fahrzeugen natürlich gesunken ist. Und dass das Preisniveau deutlich geringer geworden ist, um so ein Auto noch an den Mann oder die Frau zu bringen."

Auspuff eines luxuriösen SUV
Mit Dieselantrieb schienen SUV ökologischer

Da jeder zweite verkaufte Wagen bisher ein Diesel war, erweist sich das als Riesenproblem für die Autoindustrie. Selbst schwere SUVs konnten dank Diesel als umweltfreundlich verkauft werden. Der hohe Ausstoß an gefährlichen Stickoxiden war lange kein Thema. Die Politik ignorierte das Problem und subventionierte den Diesel sogar mit Steuererleichterungen.

Jetzt treiben Gerichte Politik und Autoindustrie vor sich her. Es zeigt sich, dass die Branche mit dem Diesel auf die falsche Karte gesetzt hat, meint Autoexperte Prof. Ferdinand Dudenhöffer: "Die deutsche Autoindustrie dachte, mit dem so genannten clean Diesel kann man die Weltmärkte erobern, USA erobern, Asien erobern. Das ist nicht der Fall. Der clean Diesel ist allen auf die Füße gefallen, weil durch Diesel-Gate alle erkannt haben, dass clean Diesel eine Mogelpackung ist. Eine Mogelpackung, in der nicht das gehalten wird, was versprochen wird."

Rettungsversuche für den Diesel

Autoindustrie und Politik versuchen dennoch, den Ruf des Diesel zu retten, aus wirtschaftlichen Gründen, und weil sie ohne Diesel ein anderes Problem bekommen: Denn die meisten Diesel-Fahrzeuge stoßen zwar viele Stickoxide aus, aber deutlich weniger CO2 als vergleichbare Benziner. Kaufen die Kunden künftig mehr Benziner statt Diesel, verringern sich zwar die Stickoxid-Emissionen, doch dafür wird mehr klimaschädliches CO2 ausgestoßen. Damit droht der Autobranche neues Unheil.

Grafik: Diesel stoßen weniger CO2, aber Stickoxide aus
Diesel stoßen weniger CO2, aber Stickoxide aus

Prof. Ferdinand Dudenhöffer vom Lehrstuhl für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen erläutert dazu: "Für die Autoindustrie sind strenge CO2-Grenzwerte definiert von der EU-Kommission. Die werden noch strenger werden nach dem Jahr 2020. Von daher ist das Risiko sehr groß, dass man in Milliarden-Strafzahlungen an die EU-Kommission läuft."

Um die Milliarden-Strafen abzuwenden, machen Politik und Wirtschaft kräftig Werbung für den neuen Diesel mit Euro 6. So wirbt beispielsweise der Verband der Automobilindustrie VDA: "Die modernsten Euro-6-Diesel deutscher Hersteller haben hervorragende Emissionswerte: Es macht doch überhaupt keinen Sinn, Euro 6 grundsätzlich in Frage zu stellen."

Umweltorganisation ist skeptisch

Abgasmessung im reelen Fahrbetrieb
Abgaswerte werden von der DUH im Fahrbetrieb gemessen

Die Deutsche Umwelthilfe hat neue Testergebnisse veröffentlicht. Motorenfachmann Axel Friedrich kämpft für mehr Transparenz bei den Abgaswerten. Er testet nicht auf dem Prüfstand, sondern im Straßenverkehr. Sein Ergebnis: Die meisten Euro6-Diesel sind wieder nur auf dem Papier sauber. "Wir haben mehr als 60 Fahrzeuge nach Euro-6-Norm auf der Straße gemessen. Und nur sechs oder  sieben Fahrzeuge halten die Grenzwerte auf der Straße ein. Alle anderen überschreiten diesen Grenzwert, zum Teil extrem."

Sechs Diesel-Fahrzeuge mit der neuesten Schadstoffklasse überschreiten den Grenzwert sogar um mehr als das Zehnfache. Motorenfachmann Axel Friedrich dazu: "Euro 6 existiert praktisch auf der Straße nicht, nur im Labor sind die Fahrzeuge sauber."

Auch der ADAC kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Die neuen Euro-6-Diesel sind teilweise sogar schmutziger als ältere Diesel.

Die Fahrverbote sind daher nicht nachvollziehbar. Sie werden kaum den gewünschten Erfolg bringen.

Fazit: Lösen lässt sich das Schadstoff-Dilemma nur mit mehr Elektroautos. Doch diese Entwicklung hat die deutsche Autoindustrie lange verschlafen und lieber den Diesel schöngerechnet.

Und jetzt? Autoexperte Prof. Ferdinand Dudenhöffer:  "Ich glaub, der Diesel wird nicht mehr zu retten sein, der Diesel geht Stück für Stück zurück."

Auch Rainer Z. würde sich keinen Diesel mehr kaufen. Für ein neues Fahrzeug hat er sowieso kein Geld. Er vermutet, die meisten Dieselbesitzer werden die Fahrverbote einfach ignorieren.

Stand: 28.07.2017 15:24 Uhr