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Ärger mit dem Öl-Verbrauch

Neue Probleme im VW-Konzern

Ärger mit dem Öl-Verbrauch | Video verfügbar bis 12.07.2018

Wieder Ärger für den VW-Konzern, wieder sind hunderttausende PKW betroffen. Es geht um Audi, Seat und Skoda Modelle, deren Motoren einen enorm hohen Ölverbrauch haben. Seit Jahren kämpfen die betroffenen Kunden um die Erstattung ihrer Reparaturkosten. Doch Audi wiegelt ab, spricht von Einzelfällen. Das Qualitätsmanagement des Konzerns ist auch in diesem Fall für Experten unverständlich. Sie fragen sich inzwischen, ob VW die Zeichen der Zeit erkannt hat.

Motoröl wird in einen Audi-TFSI-Motor gefüllt
Hoher Ölverbrauch bei TFSI-Motoren

An seinem Audi muss Norbert E. aus Donauwörth praktisch vor jeder Fahrt teures Motoröl nachfüllen, denn der Motor braucht Öl, viel Öl. Vor rund einem Jahr bemerkte der Audi-Besitzer bei einer längeren Fahrt, dass die Ölkontrolle aufleuchtete. An der nächsten Tankstelle füllte er Öl nach, doch schon nach 500 Kilometern warnte die Kontrolllampe wieder.

Hunderttausende Motorschäden drohen

Darauf wendet er sich an eine Audi-Werkstatt, die eine Ölverbrauchsmessung durchführt. Dabei bestätigt sich der hohe Ölverbrauch: Fast zwei Liter auf 1.000 Kilometern, das Vierfache der Toleranz. Der Motor des Audi brauche neue Kolben und Pleuel, so die Werkstatt. Die Kosten liegen bei mehr als 4.000 Euro. Wird der Mangel nicht beseitigt, drohe ein schwerwiegender Motorschaden.

Der Kulanzantrag bei Audi wird jedoch abgelehnt. Der Audi-Fahrer solle sich doch bitte an den Händler wenden. Der verweist wiederum an Audi, da es sich um einen Herstellermangel handele.

Betroffen Marken - Grafik
Bis zu 800.000 Pkw sind gefährdet

Jeder schiebt die Schuld auf den anderen. Am Ende sollen die Besitzer der betroffenen Fahrzeuge zahlen. So geht es tausenden Audi-Fahrern. Im Internet gibt es massenhaft Klagen über abgelehnte Kulanzanträge und teure Reparaturen. Immer wieder macht ein sogenanntes TSFI-Modell Probleme, ein Benziner aus den Baujahren 2008 bis 2011, angeblich besonders sparsam und umweltschonend. Eingebaut wurde er in rund 800.000 Audis.

Und diese Motoren stecken auch in vielen anderen Modellen des Konzerns: Bei VW selbst, aber auch bei Skoda und Seat. Auch hier haben viele Besitzer Probleme.

Veraltete Technik im Motor?

In einem Motortechnik-Betrieb bei Nürnberg kennt man die Ursache. Firmenchef Reinhard Scheuerlein erklärt, dass es um den unteren Ring am Kolben geht, den so genannten Abstreifring. Er sorgt dafür, dass überschüssiges Öl aus dem Zylinder abfließen kann, damit es nicht verbrannt wird, und zwar durch Bohrungen.

Kolben mit Ölabstreifring
Ist der Ölabstreifring veraltet?

Auch die Kolben von Audi haben solche Abstreifringe, aber sie sind besonders schmal und die Bohrungen besonders klein. Unter dem Mikroskop wird sichtbar: Die Löcher sind mit Ölkohle verstopft. Das Öl kann nicht abfließen, verbrennt im Zylinder. Die Kolben verkoken. Hinzu kommt, dass die verwendeten Abstreifringe konstruktiv veraltet sind, schon lange nicht mehr Stand der Technik. Der Experte des Motorinstandsetzungsbetriebs erläutert: "Dieser Stand war bereits 30 bis 40 Jahre überholt. Weshalb die heutzutage überhaupt noch Verwendung finden, obwohl es wesentlich bessere Technik gibt, erschließt sich mir nicht. Nachdem es eine bessere Technik gibt, würde ich das eindeutig als einen konstruktiven Mangel bezeichnen."

Verkokter Kolben und Ölabstreifring
In der Folge können Kolben verkoken

Wie reagiert Audi?

Ist der hohe Ölverbrauch Folge eines Konstruktionsfehlers? In einer schriftlichen Stellungnahme antwortet Audi ausweichend: "Ölverbrauchs-Reklamationen bei Verbrennungsmotoren sind […] nicht notwendigerweise die Folge eines technischen Mangels. [...] es kommt genauso auf die […] Qualität der eingesetzten Kraft- und Schmierstoffe und die regelmäßige Wartung an."

Von einem eigenen Fehler will man also nichts wissen. Ärgerlich für die Kunden, die auch noch das Pech haben, dass sich der Mangel erst bemerkbar macht, wenn Gewährleistung und Garantie abgelaufen sind.

Trotz massiver Beschwerden spricht der Konzern jahrelang von Einzelfällen und lehnt eine vollständige Kostenübernahme ab. Der Konzern habe aus dem Abgasskandal offenbar nicht viel gelernt, sagen Automobilexperten wie Prof. Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch Gladbach: "Ich glaube, dass VW und andere Hersteller genau überlegen müssen, ob ein kurzfristiges Verschweigen von Problemen und damit ein kurzfristiges Einsparen von Kosten langfristig nicht eher zu mehr Kosten führt bzw. über Imageverschlechterungen viel mehr an Kosten am Ende verursacht werden."

Teure Klagen drohen

Neben dem erneuten Imageverlust drohen dem Konzern auch weitere juristische Auseinandersetzungen. Rechtsanwalt Ralph Sauer, Fachanwalt für Handelsrecht, vertritt sowohl betroffene Diesel-Fahrer als auch solche, bei denen der Ölverbrauch zu hoch ist. Er sieht das europäische Recht auf Seiten der Kunden: "Es ist dann der Hersteller, der eben im Rahmen seiner Qualitätssicherung nicht das getan hat, was er europarechtlich hätte tun müssen. Und der EuGH hat gesagt, diese Qualitätssicherung hat drittschützende Wirkung. Das heißt, der jeweilige Betroffene, der jeweilige Käufer kann sich darauf berufen und kann sagen, weil du, lieber Hersteller, nicht ordentlich deine Qualität gesichert hast, haftest du mir jetzt auch noch viele Jahre danach."

Allerdings müssten betroffene Autobesitzer klagen, um Haftungsansprüche durchzusetzen. Die Erfolgsaussichten, glauben Juristen, seien gar nicht schlecht.

Kolben eines offenen Motors
Kolben und Pleuel müssen getauscht werden

Das ist scheinbar auch Audi bewusst. Jedenfalls hat der Hersteller vor wenigen Wochen angekündigt, man wolle jetzt doch bis zu 70 Prozent der Reparaturkosten übernehmen. Eine der Voraussetzungen sei eine Ölverbrauchsmessung, die der Audi-Partner initiiert. Zeigt sich dabei ein zu hoher Ölverbrauch, würde der Audi-Partner ein Angebot zur Behebung machen.

Ob das jedoch auch für Audi-Besitzer gilt, die die Reparatur bereits haben machen lassen, lässt Audi offen. Jeder Einzelfall müsse geprüft werden.

Audi-Besitzer Norbert E. hat auf seine erneute Kulanzanfrage noch keine Antwort. Er will sich nicht abspeisen lassen, zumal sein Checkheft lückenlos ist. Für ihn muss Audi nicht nur 30 oder 70, sondern 100 Prozent zahlen, da der konstruktive Fehler bei Audi gemacht wurde.

Norbert E. will noch abwarten und scheint damit bisher gut beraten, denn manche Audi-Werkstatt hat die Mängelbeseitigung offenbar nicht im Griff.  Bei Motoreninstandsetzer Scheuerlein landen inzwischen Motoren, die von Audi bereits repariert wurden und schon wieder mit einem hohen Ölverbrauch auffallen: "Wenn diese Kunden entsprechend hohe Laufleistungen wieder zurückgelegt haben, tritt das gleiche Problem wieder auf. Diese Fälle sind uns auch bekannt, weil diese Kolben wieder bei uns auf dem Tisch liegen zur Umrüstung."

Übrigens: In den USA hat der VW-Konzern bereits 2014 vor Gericht nach einer Sammelklage klein beigegeben und die Ölschlucker-Motoren kostenlos reparieren lassen. Deutsche Kunden haben wieder einmal das Nachsehen.

Stellungnahme  von Audi:

Wann gibt es die Unterstützung für Geschädigte? "Plusminus" hat bei Audi nachgefragt.

Audi hat kürzlich angekündigt, Kunden bis zu 70 Prozent der Reparaturkosten bei einer Reparaturmaßnahme (Baureihe/Motor EA888) in Werkstätten der Audi Vertragspartner zu erstatten. Allerdings nur unter bestimmte Umständen. Welche Voraussetzungen müssen betroffene Autobesitzer erfüllen?

»Grundsätzlich muss die Audi-Organisation aufgrund der verschiedenen möglichen Umstände (Service, km-Leistung, Tuning etc.) jeden Fall individuell behandeln. Grundvoraussetzung ist generell der Nachweis der ordnungsgemäßen Durchführung von Wartungen und Ölwechseln.  Weitere Voraussetzung ist eine Ölverbrauchsmessung, die der Audi Partner initiiert. Zeigt sich dabei ein zu hoher Ölverbrauch wird der Audi Partner ein Angebot zur Behebung machen.«

Greift diese Kulanz-Regelung auch im Falle von Kundenfahrzeugen mit lückenlosen Wartungsnachweisen, bei denen Reparaturmaßnahmen bereits durchgeführt wurden und keine Erstattung in dieser Höhe erfolgte?

»Theoretisch möglich, auch hier muss der Einzelfall geprüft werden.«

Quelle: Audi AG

Stand: 13.07.2017 14:23 Uhr

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