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Trotz Arbeit kaum Rente: Wem droht die Altersarmut?

Trotz Arbeit kaum Rente: Wem droht die Altersarmut? | Video verfügbar bis 16.11.2017

Altersarmut ist heute kein großes Problem. Das behaupten einige Politiker mit Verweis auf die Statistik. Doch wer die Statistik genau liest und hinter die Zahlen blickt, sieht, wie groß die Not vieler Rentnerinnen und Rentner tatsächlich ist. Viele Millionen Senioren könnten in Zukunft in der Armutsfalle stecken.

Wieviel von Ihrer Rente nach Abzügen übrig bleibt, können Sie am Ende des Artikels mit unserem Rentenrechner selber ausrechnen.

Im Alter arm

Gustav Path: Der Hamburger geht nächstes Jahr in Rente.
Gustav Path: Der Hamburger geht nächstes Jahr in Rente.

Ein Mann, der sich immer sicher war, im Alter gut von seiner Rente leben zu können, ist Gustav Path aus Hamburg. Vor über 40 Jahren ist er bei der Schiffswerft Blohm und Voss ins Berufsleben gestartet: "Ich habe Elektroschweißer gelernt, das ist ja, Schiffe zusammenbauen in groben Zügen, wie man so schön sagt. Dann bin ich zur See gefahren, als Matrose auf dem Handelsschiff. Und dann habe ich geheiratet, dann habe ich als Fahrer gearbeitet, als LKW-Fahrer, bei zig verschiedenen Firmen, ja, und irgendwann war dann Schluss."

Gustav Path ist 64 Jahre alt. Er kann wegen einer Augenerkrankung nicht mehr arbeiten, aktuell lebt er von Hartz IV. Nächstes Jahr geht er in Rente, knapp 900 Euro bekommt er dann ausgezahlt. Das enttäuscht ihn: "Ich habe von 1968 bis 2014 durchgehend gearbeitet. Da waren vielleicht mal drei Monate, wo ich nicht gearbeitet habe. Und dann so eine Rente, das finde ich schon sehr bescheiden."

Über 40 Jahre Arbeit und trotzdem eine so geringe Rente. Und das Leben in der Stadt ist teuer: Nach Abzug aller Kosten wie Miete, Strom, Versicherungen bleiben ihm monatlich nur 250 Euro zum Leben. Gustav Path fühlt sich arm: "Ich würde mich in dieser Hinsicht als arm bezeichnen, das ist schon unterhalb der Grenze, was ein normaler Mensch braucht. Also ist man arm."

Wer ist von Altersarmut betroffen?

Fakt ist: Die Zahl bedürftiger Senioren steigt. Fast 540.000 bekommen staatliche Hilfe, beziehen die sogenannte Grundsicherung, weil sie weniger als monatlich 750 Euro Rente haben. Aber: Diese Zahl ist nur ein Teil der Wahrheit. Insgesamt sind es sogar rund 1,4 Millionen, die Anspruch auf Grundsicherung hätten. Doch viele von ihnen trauen sich nicht, sich als arm zu outen und Sozialhilfe zu beantragen.

Prof. Stefan Sell ist Rentenforscher an der Hochschule Koblenz.
Prof. Stefan Sell ist Rentenforscher an der Hochschule Koblenz.

In Zukunft könnten viele Millionen in der Altersarmut landen, prophezeien Rentenforscher wie Stefan Sell vom Institut für Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz. Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit diesem Thema: "Von Altersarmut betroffen sein werden definitiv, die vielen Geringverdiener. Die Menschen, die seit den 90er Jahren im Niedriglohnsektor arbeiten mussten. Zurzeit sind das über acht Millionen Menschen. Aber, und das ist das Dramatische, die Altersarmut wird sich bei vielen Arbeitnehmern bis in die Nähe des Durchschnittsverdieners reinfressen müssen, aufgrund der weiter fortschreitenden Absenkung des Rentenniveaus. Und damit man sich vorstellen kann, was das Durchschnittseinkommen bedeutet: Das liegt in der Rentenversicherung zurzeit bei 3004 Euro brutto im Monat."

Also jeder, der weniger als 3000 Euro brutto verdient, könnte im Alter arm sein. Der Grund: Das Rentenniveau sinkt von heute 48 auf 44,5 Prozent im Jahr 2030. Das bedeutet, im Verhältnis zu den Löhnen gibt es immer weniger Rente.

Was unternimmt die Politik?

Zuletzt am 8. November im Kanzleramt: Spitzentreffen von Union und SPD zum Thema Rente. Und wieder: kein Ergebnis. Die von der Großen Koalition angekündigten Vorschläge für eine Rentenreform werden von Monat zu Monat verschoben. Wird die Regierung armen Rentnern helfen?

Leben mit der Grundsicherung

Christel Carbajo bekommt nur etwa 730 Euro Rente. Damit kommt sie nicht über die Runden.
Christel Carbajo bekommt nur etwa 730 Euro Rente. Damit kommt sie nicht über die Runden.

Die 82-Jährige Christel Carbajo engagiert sich bei der Hamburger Tafel. Aber genauso wie Gustav Path ist auch sie bedürftig: "Die Rente sind jetzt 734 Euro und 222 Grundsicherung: Davon muss ich aber alles bezahlen, was anläuft, sämtliche Versicherungen, hab ich gerade heute wieder Krankenversicherung – 13 Euro Erhöhung. So läppert sich das immer wieder zusammen, es ist immer wieder was weniger."

Neben ihrer Rente hat sie staatliche Hilfe, also Grundsicherung, beantragt. Aber nach Abzug sämtlicher Kosten bleiben ihr nur 200 Euro im Monat zum Leben. Sie lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, 40 Quadratmeter. Auch sie blickt auf ein langes Arbeitsleben zurück: "Ich habe Lebensmittelfachverkäuferin gelernt. Dann bin ich in die Gastronomie gegangen, dann wurden meine Kinder geboren, bin erst mal Hausfrau gewesen. Danach habe ich wieder angefangen, als Verkäuferin in der Bäckerei zu arbeiten."

Geld zum Sparen für die Rente hatte Christel Carbajo nie. Zwei Töchter hat sie alleine groß gezogen. Die CSU will Frauen wie ihr mit einer Ausweitung der Mütterrente helfen. Doch Rentenerhöhungen wie durch die Mütterrente gehen an Bedürftigen wie Christel Carbajo völlig vorbei – auch die Erhöhung der Rente in diesem Sommer: "Das sind ungefähr 33, 34 Euro gewesen, die Erhöhung der Rente, und genau diesen Betrag auf Heller und Cent haben sie mir von der Grundsicherung wieder abgezogen. Also plus/minus null", erklärt Christel Carbajo. Jeder Euro mehr Rente reduziert die staatliche Hilfe und ist kein Ausweg aus der Armutsfalle.

Betroffene im Stich gelassen

Der Rentenforscher Prof. Stefan Sell wirft der Regierung Untätigkeit vor. Er fordert kleine Renten zu erhöhen und eine Art Mindestrente einzuführen: "Man will nicht eingestehen, dass wir hier tatsächlich einen Preis zu zahlen haben. Der besteht in höheren Ausgaben für die Rentner, um Altersarmut zu verhindern, das geht gar nicht anders. Sie kriegen das nicht umsonst."

Gustav Path zusammen mit Rentnerin Christel Carbajo bei der Hamburger Tafel.
Gustav Path zusammen mit Rentnerin Christel Carbajo bei der Hamburger Tafel.

Rentner wie Christel Carbajo und Gustav Path fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Gustav Path hatte das so nicht erwartet: "Das hätte ich mir nie träumen lassen im Leben, dass ich überhaupt mal bei der Tafel einkaufe gehe, dass es mir mal im Alter schlecht geht." Trotz langem Arbeitsleben so wenig Geld – für die Rentenpolitik wahrlich ein Armutszeugnis.

Nutzen Sie unseren Rentenrechner

Was Sie persönlich einmal an Rente nach Abzügen auf der Hand haben, können Sie sich selber ausrechnen. Das ist ganz einfach: Sie geben Ihr persönliches Renteneintrittsalter in den Geldcheck Rentenrechner ein. Sie finden es auf Ihrer Renteninformation zu Beginn im Fließtext. Dann geben Sie den Brutto-Betrag Ihrer zu erwartenden Rente ein. Diesen Betrag finden Sie ebenfalls auf Ihrer Renteninformation.

Muster einer Renteninformation
Muster einer Renteninformation

Wichtig ist auch der Zusatzbeitrag zur gesetzlichen Krankenkasse. Den müssen Sie in der Rente ebenso bezahlen. Wählen Sie dazu im Rechner einfach Ihre Krankenkasse aus. Wer Kinder hat, muss weniger für die Pflegeversicherung zahlen. Einkommenssteuer und Kirchensteuer richten sich nach dem persönlichen Einkommen. Hier im Rechner beispielhaft für einen Single ohne weiteren Hinzuverdienst mit Steuersätzen Stand 2016 berücksichtigt.

Stand: 06.03.2017 15:12 Uhr