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Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto

Betende Männer im Warschauer Ghetto.
Betende Männer im Warschauer Ghetto. | Bild: NDR / Anna Wloch

Es ist eine der bemerkenswertesten und bislang unerzählten Geschichten des Holocaust: Der junge couragierte Historiker Emanuel Ringelblum initiierte und leitete im Warschauer Ghetto ein Untergrundarchiv. Dort wurden Tagebücher und Fotos, NS-Verordnungen und jiddische Poesie gesammelte und vergraben, um der Nachwelt ein authentisches Zeugnis zu geben vom Leben im Ghetto und den Verbrechen der NS-Besatzer. Seit 1999 ist das Ghettoarchiv Weltdokumentenerbe der UNESCO.

"Wer schreibt unsere Geschichte? Wie können wir sicherstellen, dass unsere Erlebnisse, unsere Traditionen, unser Leid durch unsere eigenen Zeugnisse und nicht nur aus der menschenverachtenden Perspektive der Nazis überliefert werden?" Getrieben von diesen Fragen und Motiven haben Emanuel Ringelblum und seine rund 60 Mitstreiter über Jahre hinweg ein Geheimarchiv betrieben und gefüllt. Zeitzeugenberichte und Kinderzeichnungen, Lebensmittelkarten und Plakate aus jüdischen Theatern, Zeugnisse des religiösen Lebens und die Benennung konkreter Verbrechen, sowohl von Deutschen als auch von Polen und Juden – das Archiv sollte ein möglichst breites und ungefiltertes Bild des dem Untergang geweihten Lebens im Ghetto widerspiegeln.

Tarnname "Oneg Shabbat" – "Freude am Shabatt"

Schauspieler Wojciech Zielinski als Mitglied von "Oneg Shabbat".
Schauspieler Wojciech Zielinski als Mitglied von "Oneg Shabbat". | Bild: NDR / Anna Wloch

Emanuel Ringelblum promovierte 1927 über die Geschichte der Warschauer Juden im Mittelalter. Er begann im Oktober 1939 mit der Organisation eines konspirativen Netzwerks. Seine Mitstreiter, die die verschiedensten politischen und kulturellen Richtungen repräsentierten, begannen in ihren jeweiligen Kreisen zu sammeln. Über die Arbeit im Archiv hinaus waren die Mitglieder der Gruppe auch in Hauskomitees, bei der Organisation von Suppenküchen und in anderen Selbsthilfeorganisationen aktiv, die das Überleben im Ghetto sichern sollten. "Oneg Shabbat", "Freude am Shabbat", war der Tarnname der Gruppe, die bis auf drei Mitstreiter im Zuge der Räumung des Ghettos ermordet wurden. So auch Emanuel Ringelblum, der im März 1944 zusammen mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn von Deutschen erschossen wurde.

Eine der Überlebenden ist Rachel Auerbach, aus deren Perspektive der Film erzählt wird. Sie machte sich nach Kriegsende auf die Suche nach den verborgenen Kisten im zerstörten Warschau. Im September 1946 wurden zehn Blechkisten mit 1208 Archivalien tief unter den Trümmern eines Hauses wiedergefunden.

1950 wurden Hunderte Archivalien geborgen

Im Dezember 1950 konnten zwei große Milchkannen mit weiteren 484 Archivalien geborgen werden, andere Teile des Archivs blieben unauffindbar. Heute wird die Sammlung "Oneg Shabbat" im Jüdischen Historischen Institut in Warschau aufbewahrt, sie umfasst etwa 25.000 Seiten.

Regisseurin Roberta Grossman (rechts) an der Kulisse einer Suppenküche.
Regisseurin Roberta Grossman (rechts) an der Kulisse einer Suppenküche. | Bild: NDR / Anna Wloch

Der Film von Roberta Grossman erzählt von der Entstehung des Untergrundarchivs und von der ersten Begegnung zwischen Rachel Auerbach und Emanuel Ringelblum, über die Weiterentwicklung des "Oneg Shabbat" bis zur Räumung des Ghettos und dem Auffinden der vergrabenen Dokumente nach dem Krieg. Mit aufwendigen Spielszenen, zeithistorischen Aufnahmen, renommierten internationalen Experten und vielfältigen Auszügen aus den überlieferten Tagebüchern werden das alltägliche Leiden im Ghetto, der Hunger, die Verzweiflung – und die leidenschaftliche gemeinsame Arbeit an einer eigenen, jüdischen Überlieferung veranschaulicht. 

Internationale Koproduktion unter Beteiligung des NDR in Zusammenarbeit mit Arte. Ein Film von Roberta Grossman

Besetzung und Stab

Rolle Darsteller
Rachela Auerbach Jowita Budnik
Emanuel Ringelblum Piotr Glowacki
Hersz Wasser Piotr Jankowski
Abraham Lewin Wojciech Zielinski
Judyta Ringelblum Karolina Gruszka
Lejb Goldin Bartlomiej Kotschedoff
Rabbi Szymon Huberband Gera Sandler
Izrael Lichtenstein Andrew Bering
Luba Lewin Marta Ormaniec
Ora Lewin Julia Lewenfisz-Górka
Ori Ringelblum (jung) Bruno Rajski
Ori Ringelblum Michal Morawski
Halina Dorota Liliental
Gutchie Hanna Kossowska
Junger Mann im Radio Michal Klawiter
Mother Lena Schimscheiner
Mädchen (10 Jahre) Lena Nowakowska
Mädchen (15 Jahre) Nina Nowakowska
Musik: Todd Boekelheide
Kamera: Dyanna Taylor
Buch: Roberta Grossman
Regie: Roberta Grossman
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Norddeutscher Rundfunk
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