Gratis-Masche – wie Hersteller mit "Extra-Inhalt" tricksen

Bei den Rasierern gibt es mal zwei, mal vier "gratis" dazu.
Bei den Rasierern gibt es mal zwei, mal vier "gratis" dazu.

Ein Schokoriegel gratis, beim Spülmittel gibt's 20 Prozent obendrauf – im Supermarkt bekommt der Kunde angeblich ständig was geschenkt. Stimmt das wirklich?

Rund um Stuttgart und Baden-Baden sind wir in mehreren Märkten der Ketten Edeka, Real, Kaufland, DM und Müller unterwegs. Monatelang beobachten wir fast 80 Produkte. Und entdecken dabei Erstaunliches. Die Sparpack- und Gratisversprechen haben's in sich – leider nicht immer zum Vorteil der Kunden.

Großpackung teurer als Kleinpackung

Somat-Packungen
Somat etwa gibt es in zig Packungsgrößen – alle mit vermeintlichem Preisvorteil. Rechnet man aber den exakten Tabpreis aus, zeigt sich: Zwei der mittleren Packungen sind günstiger als die anderen.
Auch bei Finish ist im Vorteil, wer die kleine Packung kauft.
Auch bei Finish ist im Vorteil, wer die kleine Packung kauft.

Wann muss eine Großpackung im Verhältnis günstiger sein als die kleine? Wir fragen Peter Brammen von der Wettbewerbszentrale in Hamburg. Wir zeigen ihm zwei Pakete Always Damenbinden. In der angeblichen Vorteilspackung sind die Binden pro Stück teurer.

Unerlaubte Werbung

"Das ist nicht erlaubt", sagt der Experte. Die größere Packung werde explizit als "Vorteilspackung" beworben. "Und wenn das kein günstigerer Stückpreis ist, dann ist es unzulässige, irreführende Werbung", so Brammen.

Anders sei das jedoch beispielsweise bei XXL-Packungen. Wenn kein Vorteil versprochen werde, könne man nicht ohne Weiteres von einem Preisvorteil ausgehen.

In einem Urteil von Oktober 2013 (Az. I ZR 139/12) hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass Gratis-Zugaben in den Grundpreis des Produktes mit eingerechnet werden dürfen. Werden beispielsweise drei Schokoriegel plus einer gratis angeboten, darf der Gesamtpreis durch vier geteilt werden.

Achtung: Das muss nicht so gemacht werden. Das heißt: Es sind auch Grundpreisberechnungen ohne Miteinberechnung des Gratis-Inhalts möglich.

Peter Brammen, Wettbewerbszentrale
Peter Brammen, Wettbewerbszentrale: "Irreführend und unzulässig."

Dauer-"Gratis"

Große Preisverwirrung gibt es auch bei Rasierern. Mal werden zwei, mal vier Rasierer "gratis" mit dazugegeben – bei gleichem Preis. Eine normale Packung ohne "Gratis"-Versprechen haben wir jedoch nicht gefunden.

"Wenn das über einen sehr langen Zeitraum geht, ist das auch irreführende Preiswerbung oder Günstigkeitswerbung", erklärt Peter Brammen. "Denn dann habe ich ja überhaupt keine Basis. Die Basis ist dann eben das 'plus vier' oder 'plus zwei'. Aber dann kann ich auch nicht mehr von gratis sprechen."

"Gratis"-Produkt ist gar nicht gratis

Angebliche Gratis-Packungen
"Gratis" steht zwar drauf – stimmt aber nicht.

Außerdem haben wir im Regal angebliche Gratis-Produkte gefunden, die gar nicht gratis sind. Eine Zahnpasta-Kombipackung etwa verspricht ein Gratis-Mundwasser. Zieht man jedoch den Preis für die zwei enthaltenen Zahnpasta-Tuben ab, zahlt man für das Mundwasser noch 69 Cent. Das ist alles andere als gratis.

So auch das Urteil von Peter Brammen: "Das ist nicht legal. Das ist unlauterer Wettbewerb und Irreführung des Verbrauchers."

Preisgestaltung liegt bei Händlern

Die Wettbewerbszentrale will gegen die Händler vorgehen, denn für die Preisgestaltung sind sie verantwortlich – nicht die Hersteller.

Frau an Supermarkt-Regal
Je mehr Packungsgrößen es von einem Produkt gibt, desto mehr Regalplatz benötigt es.

Je mehr Packungsgrößen, desto mehr Platz im Regal

Aber warum bieten die Hersteller so viele unterschiedliche Packungsgrößen an? Ein Insider, der schon lange im Einzelhandel tätig ist, hat Antworten. Er möchte jedoch anonym bleiben. "Je mehr verschiedene Packungsgrößen, desto mehr Platz bekommt der Hersteller im Supermarktregal“, erfahren wir. "Die unterschiedlichen Packungsgrößen sollen die Kunden aber auch verwirren. Und sie sollen helfen, den Preis zu finden, den der Kunde gerade noch akzeptiert."

Weniger Inhalt, gleicher Preis

Die Packungsgrößen würden zusätzlich verändert, um den Verdienst zu steigern, so unser Insider. "Der Hersteller verringert einfach den Inhalt, belässt aber den Preis. Dann bekommt er das gleiche Geld für weniger Produkt und verdient dadurch mehr."

Häufig würden Hersteller jedoch auch mehr Inhalt in die Packungen füllen – und gleichzeitig den Preis erhöhen, oftmals um mehr als den Inhalt. So werden Preiserhöhungen verschleiert.

Waschmittel-Packungen im Regal
Zunächst schrumpft der Inhalt, dann steigt der Preis.

26 Prozent Preissteigerung bei Persil

Die Verbraucherzentrale Hamburg hat beispielsweise Persil Waschmittel sensitiv beobachtet. Jahr für Jahr schrumpfte der Inhalt. Von 20 Waschladungen auf 18, dann auf 16, dann auf 15. Plötzlich erhöhte Henkel den Inhalt wieder auf 20 Wäschen, so wie am Anfang. Doch gleichzeitig wurde auch der Preis von 3,55 auf 5,95 Euro angehoben. Pro Waschladung sind das rund 26 Prozent mehr.

Besonders Henkel fiel uns mit seiner Packungsvielfalt auf. Was hat der Hersteller dazu zu sagen? "Aktionspackungen sind in unseren Produktkategorien seit Jahren eine gängige Praxis, an die die Verbraucher gewöhnt sind. [...] Eine Irreführung oder Verwirrung der Verbraucher kann damit aus unserer Sicht nicht stattfinden", so die schriftliche Antwort.

So bleibt den Kunden im Supermarkt wohl nur das Rechnen und ihre stärkste Waffe: Falsche Gratis- und Sparpackungen einfach stehen lassen.

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