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Fahrerflucht – Wenn Verletzte einfach liegen gelassen werden

Der "Kriminalreport" hat die aktuellen Zahlen zum Thema Fahrerflucht recherchiert.
Der "Kriminalreport" hat die aktuellen Zahlen zum Thema Fahrerflucht recherchiert.  | Bild: Thinkstock

Täglich werden bundesweit mehr als 70 Unfälle mit Fahrerflucht erfasst, bei denen Menschen verletzt wurden – manchmal tödlich. Die Täter zu ermitteln ist oft schwer.

Auto kommt rückwärts aus Einbahnstraße

Itzehoe, eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein, vor zwei Jahren: Die 76-jährige Marlen D. hat den Abend bei ihrer Tochter verbracht. Spät macht sie sich auf den Heimweg – bis zu ihrer Wohnung sind es zu Fuß nur drei Minuten. Wenige Meter vor ihrer Haustür überquert sie eine Einbahnstraße. Doch plötzlich fährt ein Auto aus der falschen Richtung rückwärts auf sie zu.

Sie sieht noch das Heck eines größeren weißen Autos, dann folgt der heftige Aufprall. Das Auto stoppt. Marlen D. erinnert sich, dass zwei Leute aussteigen und nach ihr sehen. Sie steigen jedoch wieder ein.

Fahrerflucht
Marlen D. erinnert sich an das Heck eines weißen Autos (nachgestellt).  | Bild: SWR

Schwere Verbrennungen

Vermutlich wollen die Unfallverursacher flüchten, doch der Rückwärtsgang ist noch drin. Der Wagen setzt zurück. Dabei trifft der Auspuff das Gesicht von Marlen D., sie erleidet dadurch schwere Verbrennungen.

Passanten finden die lebensgefährlich Verletzte eine halbe Stunde später und verständigen den Notarzt. Marlen D. wird ins Krankenhaus gebracht. Sie liegt fünf Wochen im Koma. Fünf Monate muss sie in der Klinik bleiben. Heute ist sie ein Pflegefall.

Hier wurde Marlen D. angefahren und einfach liegen gelassen.
Hier wurde Marlen D. angefahren und einfach liegen gelassen.  | Bild: SWR

Die Ermittler aus Itzehoe suchen noch immer nach dem Fahrer des Unfallwagens. Doch sie haben kaum Anhaltspunkte, da es keine unmittelbaren Zeugen gibt.

Der Unfall ereignete sich in der Silvesternacht dieses Jahres gegen 01:00 Uhr an der Kreuzung Hindenburgstraße/Ecke Coriansberg in Itzehoe. Wer kann sich an ein großes weißes Auto erinnern – vermutlich einen SUV? Bitte melden Sie sich bei der Polizei Itzehoe unter der Telefonnummer 04821 / 60 20.

Von Auto angefahren und überrollt

Winfried W. aus Kassel hat an einem diesigen Novemberabend gerade seinen Sohn besucht. Auf dem Parkplatz vor dem Haus wird er von einem Auto angefahren und überrollt.

Anstatt zu helfen, gibt der Fahrer Gas und lässt Winfried W. schwer verletzt auf der Straße liegen.

Mit Rippenbrüchen, einem zertrümmerten Becken und inneren Blutungen kämpft der 75-Jährige im Krankenhaus um sein Leben. Doch die Verletzungen sind zu schwer: Winfried W. stirbt eine Woche nach dem Unfall.

Täter hinterlassen kaum Spuren

Der Unfallort liegt direkt an einer dicht befahrenen Hauptstraße. Der Parkplatz wird von Anwohnern, Gewerbetreibenden und den Gästen eines Schnellrestaurants genutzt.

Winfried W. wurde auf diesem Parkplatz in Kassel angefahren und überrollt. Er verstarb aufgrund der Verletzungen.
Winfried W. wurde auf diesem Parkplatz in Kassel angefahren und überrollt. Er verstarb aufgrund der Verletzungen.  | Bild: SWR

Noch am Tatabend nimmt die Polizei Kassel die Ermittlungen auf. Doch es gibt kaum Spuren am Unfallort und eine Öffentlichkeitsfahndung bringt keine Erkenntnisse.

Der Fall ist jedoch noch nicht abgeschlossen; die Polizei hofft weiterhin auf Hinweise.

Wer ist für den Tod von Winfried W. verantwortlich? Der Unfall ereignete sich gegen 19:30 Uhr am 18. November vor zwei Jahren auf einem Parkplatz in der Leipziger Straße in Kassel. Hinweise nimmt die Polizei in Nordhessen unter der Telefonnummer 0561 / 9100 entgegen.

Fahrerflucht auch schon bei Parkremplern?

Wer sich unerlaubt von einem Unfallort entfernt, begeht Fahrerflucht und damit eine Straftat.

Auch wer beispielsweise ein geparktes Auto leicht beschädigt, muss mindestens eine Stunde am Unfallort auf den Besitzer warten, schreibt der TÜV NORD. Einen Zettel mit den eigenen Kontaktdaten an der Windschutzscheibe des beschädigten Fahrzeugs zu hinterlassen reicht nicht und wird ebenso als Fahrerflucht gewertet.

Zettel an Autoscheibe
Einen Zettel zu hinterlassen reicht nicht. | Bild: dpa

Wird der Fahrzeughalter trotz Wartens nicht angetroffen, muss man die Polizei verständigen. Diese nimmt den Schaden auf und verständigt den Halter.

Im Zweifelsfall Polizei holen

Auch wer unschuldig an einem Unfall beteiligt ist, darf sich nicht einfach vom Unfallort entfernen. Dies ist erst erlaubt, wenn alle Beteiligten damit einverstanden sind. Im Zweifelsfall sollte lieber die Polizei verständigt werden.

Strafen bei Fahrerflucht

Fahrerflüchtigen drohen Geldstrafen, Punkte in Flensburg, Fahrverbote und in Extremfällen Haftstrafen von einem bis drei Jahren. Wer bei einem Unfall jemanden verletzt und sich nicht um das Opfer kümmert, sondern einfach wegfährt, haftet für die entstandenen Personenschäden und wird wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

Übrigens: Auch wer auf dem Fahrrad, Roller oder mit Inlineskates einen Unfall verursacht und Fahrerflucht begeht, wird genauso bestraft wie ein Autofahrer. Auch hier drohen Punkte in Flensburg und der Entzug der Fahrerlaubnis, wenn der Verursacher einen Führerschein hat.

Wer kommt für Schäden auf?

Bei Fahrerflucht muss die Vollkaskoversicherung des Unfallverursachers nicht für Schäden an dessen Auto aufkommen. Schäden am Auto des Unfallopfers zahlt zunächst die Fahrzeug-Haftpflichtversicherung des Verursachers, kann sich aber bis zu 5.000 Euro beim Verursacher zurückholen.

Wer zahlt bei unbekanntem Verursacher?

Kann der Unfallverursacher nicht ermittelt werden, hilft die Vollkaskoversicherung des Unfallopfers. Fehlt diese Versicherung, bleibt der Autobesitzer auf dem Schaden sitzen.

Als Unfallgeschädigter sollte man auf jeden Fall die Polizei verständigen. Das Aktenzeichen muss an die Vollkasko-Versicherung weitergegeben werden. Die Polizei dokumentiert außerdem frische Schäden am Fahrzeug – dadurch kann der Täter hinterher nicht behaupten, der Schaden sei schon vorher dagewesen.

Geringe Aufklärungsquote

Nur 40 Prozent der Fälle von Unfallflucht werden aufgeklärt, schreibt der TÜV NORD. Deshalb sollten sich Zeugen, die einen Unfall beobachten, unbedingt bei der Polizei melden – sie könnten schließlich beim nächsten Mal selbst die Geschädigten sein.

Stand: 18.05.2019 13:28 Uhr

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