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Israel: Nach Trumps Jerusalem-Entscheidung

PlayUS-Präsident Trump unterzeichnet die Jerusalem-Entscheidung
Israel: Nach Trumps Jerusalem-Entscheidung | Bild: picture alliance AP Images
Husam Abu Aisha
Husam Abu Aisha | Bild: BR

Er kennt hier jeden. Husam Abu Aisha ist eine Berühmtheit in Sadije, dem muslimischen Viertel im Ostteil Jerusalems, der vor 50 Jahren von Israel besetzt wurde. Husam wurde vor 58 Jahren hier, nahe dem Eingang zu dieser Bäckerei geboren. Bis heute kann er an keinem frischen Brot vorbeigehen ohne reinzubeißen: "Ob Trump wohl dieses Brot kennt?"

Die Bäckerei ist mehr als 200 Jahre alt. Die Sesamkringel sind eine für die Altstadt von Jerusalem typische Spezialität, wie Husam Abu Aisha erklärt: "Dieses Brot gehört zu uns, wie Falafel und Humus. Alle frühstücken es. Es bedeutet für uns weit mehr als nur irgendein Essen."

"Jerusalem ist die Hauptstadt von Palästina!"

Husam ist berühmt in seinem Viertel, weil er Schauspieler geworden ist. In dieser Woche hat er ein Video von sich auf YouTube gestellt – seine Reaktion auf Trumps Entscheidung, Jerusalem als israelische Hauptstadt anzuerkennen. Die Botschaft: "Ich werde Jerusalem nicht verlassen! Egal, was ihr mit uns macht, egal, wie ihr uns zu vertreiben versucht. Jerusalem ist die Hauptstadt von Palästina!"

Gebet in der Moschee
Gebet in der Moschee

Husam Abu Aisha: "Glaubt Trump wirklich, dass er mit einer Unterschrift die Al Aqsa-Moschee, die Grabeskirche und die Via Dolorosa an Netanjahu abgeben kann?" Husam sagt, er sei nicht besonders religiös. Viele andere kämen wohl vor ihm ins Paradies. Das Freitagsgebet in der Al Aqsa-Moschee versäumt er aber nie. In dieser Woche eint die Besucher die Wut auf Trump: "Er soll Washington den Israelis geben. Denn dieses Land gehört ihm nicht."

Dass allerdings Trump in seiner Rede betont hat, dass er nichts an den komplizierten, hochsensiblen Grenzziehungen und Vereinbarungen zwischen Israelis und Palästinensern verändern möchte – diese Botschaft hat sie nicht erreicht. Und Husam sagt, auch die Erklärungen der eigenen Politiker interessierten ihn nicht: "Sie rufen zur Intifada auf. Aber wir sind doch nicht deren ferngesteuertes Spielzeug! Ob und wann es zum Aufstand kommt, entscheiden wir selbst."

Jüdische Siedler in Ost-Jerusalem

Tziporah Piltz
Tziporah Piltz | Bild: BR

Der freie Zugang zur Al Aqsa-Moschee und dem Felsendom ist für die Muslime einer der Kernpunkte des Konflikts. Sie fürchten, dass die drittheiligste Stätte des Islam von den Israelis vereinnahmt werden könnte, weil das Plateau inmitten Jerusalems auch für die Juden der heiligste Ort ist – Standort der beiden Tempel. Extreme jüdische Siedler, wie Tziporah Piltz, hoffen darauf, hier einmal den dritten Tempel zu errichten: "Trumps Rede – das war ein ganz besonderer Tag für uns, eine wichtige Entscheidung, ein historischer Tag! Ich war gerade auf dem Weg nach Hause mit meinen Kindern. Da hat mich mein Mann angerufen: 'Geh‘ in den Supermarkt! Kauf‘ Eis für alle Kinder! Wir müssen feiern!'"

Tziporah hat zehn Kinder. Sie lebt seit 16 Jahren auf einem der berühmtesten jüdischen Friedhöfe in einfachen, fast ärmlichen Verhältnissen. Ihre kleine jüdische Siedlung liegt zwischen dem palästinensischen Viertel Ras al Amud und dem Ölberg. Die 20 Siedler werden rund um die Uhr von Sicherheitsleuten bewacht – das bezahlt und organisiert der israelische Staat.

Es macht ihr nichts aus, dass sie ihren Friedhof praktisch nie gefahrlos verlassen kann, denn sie hat als Siedlerin eine Mission: "Ich erinnere mich noch, als sie dort drüben vor 15 Jahren begonnen haben, die Siedlung Maale Hasitim zu bauen. Damals gab es Aufstände der Araber: 'Warum baut ihr eine jüdische Siedlung inmitten der arabischen Nachbarschaft?' Heute ist die Siedlung eine nicht mehr zu ändernde Tatsache. Es gibt einen Kindergarten, eine Synagoge. Die haben uns akzeptiert. Und ich denke, sie werden auch akzeptieren müssen, dass Jerusalem seit 3000 Jahren die Hauptstadt des jüdischen Volkes ist."

Sie hofft, dass Trumps Entscheidung dazu beiträgt, dass noch mehr Siedler nach Ostjerusalem kommen und bald die ganze Stadt jüdisch wird.

Eine Hand voll Christen

Pater Nikodemus
Pater Nikodemus | Bild: BR

Derzeit sind rund 61 Prozent der 880.000 Einwohner jüdischer Abstammung, etwa 36 Prozent muslimische Araber und 1,4 Prozent christliche Araber. Er gehört zu den mehr als ein Prozent unter "Sonstige" definierten. Der deutsche Pater Nikodemus trat 2003 in die Dormitio-Benediktinerabtei auf dem Zion-Berg ein. Heute ist er der Obere dort. Er hält es für falsch, dass nun ständig gefragt wird, ob es nach Trumps Entscheidung zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt oder nicht: "Weil wir kommen dann dahin, zu sagen: 'Es gibt Krawalle – oh, Trump hat einen Fehler gemacht!' 'Es gibt keine Krawalle – oh, Trump hat alles richtig gemacht!' Das darf ja nicht die Frage sein. Sondern die Frage ist: Was dient dieser Stadt zum Frieden? Was dient dieser Stadt zur Versöhnung? Was dient zum Dialog und zur Gerechtigkeit?"

Die Dormitio-Abtei liegt zwischen West- und Ostjerusalem, direkt vor den Toren der Altstadt, völkerrechtlich im Niemandsland. In diesen Tagen haben sie noch mehr Besucher als sonst, weil sich manche Gruppen derzeit nicht in die Altstadt wagen. Der Pater meint, die Angst sei nicht nötig: er spüre jetzt zwar eine Spannung, aber noch mehr Resignation unter den Palästinensern.

Vom Kirchturm aus haben die Brüder einen Rundblick über ganz Jerusalem: den mehrheitlich israelischen Westen, den arabischen Osten. Am Gebäude sind noch Einschüsse aus den Kriegen 1948 und 1967 zu sehen. Prior-Administrator Pater Nikodemus Schnabel gibt zu bedenken: "Weil so, wie wir hier noch diese Narben am Bauwerk haben, ist Jerusalem eine komplett vernarbte Stadt, wo 5000 Jahre Geschichte einfach gegenwartspräsent sind. Man muss wirklich mit viel Fingerspitzengefühl diese Stadt behandeln, die so voller Verletzungen ist, denn die Menschen dieser Stadt, jeder hat hier seine Verletzungsgeschichte und man hat sehr schnell jemanden wehgetan oder jemanden gedemütigt. Da muss man sehr aufpassen: Jerusalem braucht Sensibilität." Und Politiker, die das verstehen; die nicht den Hass befeuern, sondern die Liebe zu dieser hochkomplexen, faszinierenden Stadt, die Juden, Muslime und Christen eint.

Autorin: Susanne Glass, ARD Tel Aviv

Stand: 11.12.2017 11:18 Uhr

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