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Iran: Eine Nomadin als Kickbox-Meisterin

Iran: Eine Nomadin als Kickbox-Meisterin | Bild: BR

Susan Rashidi lebt als Nomadin an der iranisch kurdischen Grenze: Es gibt viel zu tun, denn in ein paar Tagen will sie mit ihrem Stamm für den Winter in den wärmeren Süden aufbrechen. Frauen arbeiten hier wie Männer. Nur die gleichen Rechte haben sie nicht. Susan Rashidi erzählt: "Es gibt bestimmte Sitten und Anstandsregeln bei uns Nomaden, gerade bei uns kurdischen. Zum Beispiel sollen Mädchen nicht zum Sport gehen. Ich traute mich nicht zuhause meinen Eltern zu sagen, dass ich Sport machen will. Als ich es sagte, schimpfte mein Vater ziemlich mit mir."

Susan Rashidi
Susan Rashidi | Bild: BR

Die Erinnerung an früher lässt Susan traurig werden. Man merkt ihr an, wie stark sie das Verbot belastet hat. Sie wollte doch einfach nur Kickboxen und nicht nur backen: "Mein Vater wurde von Nachbarn und Familie beschimpft, wegen mir. Die haben hinter meinem Rücken geredet. Viele haben mir Schlimmes ins Gesicht gesagt, aber ich habe es ignoriert und meinen Sport weitergemacht. Als ich dann Turniere gewann und überall in den Medien mein Name erschien und es hieß, dass ein Nomadenmädchen Siegerin geworden ist, war das für die Leute hier immer noch nicht akzeptabel."

Tolerante Liebe

Sadjad Mirzayee
Sadjad Mirzayee | Bild: BR

Außer für einen: Sadjad Mirzayee, ein junger Mann aus einer Nomadenfamilie aus Ilam, im Südwesten des Iran gelegen, beobachtete Susan schon immer aus der Ferne. Sie gefiel ihm, ihr Mut, ihre Stärke. Als er um ihre Hand anhielt, hatte sie nur eine Bedingung: er dürfe sich nicht in ihr Sportleben einmischen. Er akzeptierte es: "Mann und Frau sind für mich gleich. Und Frauen können wie Männer Sport treiben. Ich habe damit kein Problem, egal wer mich drauf anspricht. Ich bin sogar stolz, dass meine Frau Sportlerin ist. Mir gefällt es und ich unterstütze sie so viel ich kann."

Die beiden haben sich dazu entschieden, das Nomadenleben weiterzuführen – eine Seltenheit, denn junge Menschen findet man kaum noch unter den Nomaden. Die meisten ziehen in die großen Städte, erhoffen sich dort eine bessere Zukunft. Sadjad findet in dieser Einsamkeit auch ein Stück Freiheit, auch für seine Frau. Susan sagte sich schon als junges Mädchen: jetzt erst recht! Sie meldete sich gegen den Willen der Familie auf nationalen Kickbox-Wettbewerben an – und gewann.

Susan beim Training
Susan beim Training | Bild: BR

Bald steht der nächste Wettbewerb bevor, deshalb braucht sie extra Training: Ihr Mann hilft ihr dabei. Zum ersten Mal wollte Susan Kickboxen, als sie als Kind Bruce Lee Filme sah; sie wollte sein wie er, merkte sich fünf Bewegungen und übte sie heimlich in der Nacht.

Susan Rashidi hat eine Mission: "Wir Frauen brauchen Plätze zum Trainieren. Ich habe nirgendwo so willensstarke Frauen gesehen wie hier im Iran. Die Iranerinnen sind wirklich stark! Sie erreichen selbst unter schwierigsten Bedingungen das, was sie wollen. Aber wir brauchen einfach mehr Möglichkeiten, damit wir besser üben und trainieren können. An einem sicheren Ort."

Eine Kickbox-Schule für Abdanan

In der Kickbox-Schule in Abdanan
In der Kickbox-Schule in Abdanan | Bild: BR

Dafür hat sich Susan eingesetzt. Und eine Schule für Kickboxen aufgemacht: in Abdanan, die zu ihrem Lager nächst gelegene Stadt. Besonders Männer prägen das Straßenbild der 50.000-Einwohner-Stadt. Frauen sieht man hier selten auf der Straße. Die Arbeitslosigkeit und der Frust sind hoch. Wenn Frauen verheiratet werden, erfahren sie oft Gewalt zu Hause. Susan hat sich vor wenigen Monaten dazu entschlossen, Mädchen im Kickboxen zu unterrichten. Der Ansturm in der so kleinen und konservativen Stadt war groß: "Als ich hierher kam und das Poster aufhängte mit dem Angebot des Trainings für Kickboxen, meldeten sich gleich 30 Mädchen. Ich dachte mir: ‚Oh mein Gott! Wenn sie sich in so einer kleinen Stadt so über dieses Angebot freuen, dann lohnt es sich gleich eine Schule aufzumachen." Und seitdem gewinnen sie einen Wettkampf nach dem anderen.

Es ist Nacht geworden. Susan ist inzwischen wieder zurück. Sie zeigt uns stolz ihre Trophäen, nur eines macht sie noch traurig: "Ich habe von meinen Kämpfen kein einziges Foto oder einen Film. Das hier ist alles was ich habe, denn Frauen darf man im Iran beim Sport nicht filmen. Ich kann also meinen Schülern oder Kindern nicht zeigen, wie ich als Sportlerin war. Der Sicherheitsdienst erlaubt es nicht."

Susan hat sich in ihrer Familie ihr Recht erkämpft; die vielen jungen Mädchen, die sie heute trainiert hat, auch. Vielleicht werden sie noch einen Schritt mehr erreichen und eines Tages Filmaufnahmen haben. Die Nomadin hat ihnen das nötige Selbstvertrauen mitgegeben.

Autorin: Natalie Amiri, ARD Teheran

Stand: 11.12.2017 11:58 Uhr

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