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Chile: Der Kampf der Mapuche-Indianer

Chile: Der Kampf der Mapuche-Indianer | Bild: SWR

Kommende Woche reist Papst Franziskus nach Chile. Dabei widmet er einen Tag den Indigenen: Die Mapuche im Süden Chiles sind mit ihrer Heimat nicht nur verbunden, sondern regelrecht verwandt: einen Fluss etwa betrachten sie als Lebewesen. Wer ihn zerstört, fügt auch allen Menschen um ihn herum Schmerzen zu. Diese Haltung der Natur gegenüber klingt rückwärtsgewandt, ist aber hochaktuell: die Mapuche kämpfen gegen Großfarmer und Monokulturen, da diese allen Chilenen langfristig schaden können.

Manche Aktivisten verüben Anschläge, um sich Gehör zu verschaffen. Nun steht eine Machi, eine Heilerin, vor Gericht. Ihr wird vorgeworfen, einen Brandanschlag auf Farmer angezettelt zu haben, bei dem das Ehepaar ums Leben kam. "Blödsinn" sagt Machi Francisca Linconao, die den Papst persönlich treffen soll. Eine Reportage von Matthias Ebert (ARD-Studio Rio de Janeiro).

Eine Heilerin vor Gericht. Machi Francisca Linconao – Autorität der Mapuche. Eine Terroristin, behauptet die Staatsanwaltschaft und sieht in der Machi die Drahtzieherin eines Brandanschlags. Es ist der wichtigste Mapuche-Prozess Chiles. Im Mittelpunkt: eine 61-jährige Heilerin. Hier ist sie zu Hause: In der Provinz Araukanien im Süden Chiles. Ungezähmte Flüsse, ein beinahe unendlicher Horizont, fruchtbarer Boden.  

Vulkan
Die Verbindung zur Natur ist zentral für die Kultur der Mapuche. | Bild: SWR

Machi Francisca lebt so wie ihre Vorfahren. Sie ist DAS Gesicht der Mapuche, seit sie die Rodung dieses Hügels verhinderte. Weil hier wichtige Heilkräuter wachsen, zwang sie den Besitzer, einen Siedler, vor Jahren die Rodung zu stoppen. "Dieses Gerichtsurteil war sehr wichtig – nicht nur für mich als Heilerin, sondern für alle Mapuche-Anführer. Denn sie haben dadurch erstmals gesehen, dass wir unsere Rechte als Ureinwohner juristisch einklagen können."

Mapuche als Brandstifter?

Machi Francisca hat gewonnen. Aber seither steigt der Druck. Siedler in ihrer Nachbarschaft nennen sie eine Terroristin. Sie soll einen Brandanschlag angezettelt haben. "Ich bin unschuldig", sagt sie. "Ich habe mit diesem Brandanschlag nichts zu tun. Die Opfer, das Ehepaar Luchsinger, waren ja Bekannte von mir." Nur wenige Kilometer entfernt liegt das Landgut der Familie Luchsinger. Mittlerweile bewacht von Spezialkräften. Vor vier Jahren kamen hier die Bewohner, das Siedlerpaar Luchsinger, ums Leben. Ihr Sohn Jorge erinnert sich. "Meine Mutter setzte nachts einen Notruf ab und sagte dabei, dass sie angegriffen werden und mein Vater verwundet sei. Sie sagte, es seien mindestens zwei Angreifer, denn einer habe dem anderen zugerufen: 'Bring sie um, bring sie um!'" Der Mitschnitt des panischen Notrufs seiner Mutter Vivianne: das letzte Lebenszeichen des Siedlerpaares Luchsinger. Die Luchsingers stammen aus der Schweiz. Sie ersteigerten vom Staat vor mehr als hundert Jahren riesige Ländereien – eigentlich Mapuche-Land. Jorge Luchsinger hält deshalb Mapuche für die Brandstifter. "Auch wenn eine gewaltbereite Gruppe unser Haus angreift, bedeutet das nicht, dass wir ihnen jetzt dieses Land zurückgeben. Nicht gegen unseren Willen." Jorge Luchsinger will die Machi als Drahtzieherin überführen. Obwohl sie im ersten Prozess aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde.

Rubén Collio
Rubén Collio kämpft gegen den Bau eines Wasserkraftwerks. | Bild: SWR

Was steckt hinter dem Konflikt in Araukanien? Woher kommt diese Gewalt? Alles drehe sich um die Frage, wie man mit natürlichen Ressourcen umgeht, sagt der Mapuche Rubén Collio. Er führt uns – mitten im Anden-Urwald – zu dem Fluss Tranquil. Hier hatte sich ein österreichischer Kraftwerkbetreiber ein Stück Land gesichert und den Boden aufgerissen. "Für uns ist der Fluss heilig. Er ist wie ein Lebewesen. Zu sehen, dass ihn jemand zerstört, ist wie, wenn man vom Fenster aus sieht, dass jemand deinen Nachbarn schlägt." Die Firma RP Global aus Wien hat hier ein Kraftwerk gebaut. Mit dem Strom aus dem Tranquil machen die Österreicher Profit – ein halbe Million Euro pro Jahr. 2016 hatten Rubén und andere Mapuche gegen RP Global protestiert. Sie kritisierten, die Firma habe die Anwohner nicht mit einbezogen und verletze mit dem Kraftwerksbau Mapuche-Gebiet. Nach den Protesten wurden Rubén und die anderen eingeschüchtert. "Man hat uns gedroht, man werde uns umbringen, uns schlagen und unsere Häuser anzünden. Meine Nachbarn sagten, wenn sie mich allein auf der Straße antreffen, würden sie mir Schaden zufügen." Rubén behauptet, die Nachbarn hätten absurd hohe Gehälter von RP Global bekommen.

Wirtschaftsinteressen haben Verfassungsrang

eukalyptus
Eukalyptus für die Produktion von Verpackungsmaterial. | Bild: SWR

Auf dem Höhepunkt des Konflikts fand Rubén seine Frau erhängt. "Von Anfang an empfanden wir den Selbstmord als sehr merkwürdig. Das war eine Inszenierung mit dem Ziel, uns einzuschüchtern." Rubén glaubt, dass die Mutter seiner vier Kinder ermordet wurde und kämpft für eine Ermittlung. Auch hier stehen zwei Aussagen gegeneinander – was wirklich geschehen ist, wird vielleicht nie aufgeklärt. Befreundete Mapuche protestierten vor dem Büro von RP Global. Ein ARD-Interview mit dem Unternehmen kam nicht zustande. Schriftlich teilt RP Global mit, "man agiere nach höchsten ethischen Grundsätzen, habe nicht auf Mapuche-Gebiet gebaut und auf niemanden Druck ausgeübt." Wirtschaftsinteressen haben in Chile Verfassungsrang – anders als die Rechte der Mapuche. Deshalb wuchern Monokulturen auf historischem Mapuche-Gebiet: Eukalyptus: Grundstoff für Pappe für die Verpackungsindustrie. Chiles Exportschlager – auch für den boomenden Onlinehandel bei uns in Europa.

Zurück im Gericht. Die Berufungskammer beschließt, dass das Verfahren gegen Machi Francisca neu aufgerollt werden muss. Ihr droht Haft wegen Terrorverdachts. Ein Erfolg für die Staatsanwaltschaft und für Jorge Luchsinger. "Ich habe den Brand nicht angezettelt!", wehrt sich Machi Francisca Linconao. "Diese Schurken sollen mit dem Blödsinn aufhören!" Dann läuft sie dem Anwalt von Jorge Luchsinger über den Weg. "Habt ihr den Richter bestochen?", fragt sie. Darauf Carlos Tenorio, Anwalt Jorge Luchsinger: "Das dürfen sie mich nicht fragen!" Vielleicht wird nie aufgeklärt wird, wer hier welche Schuld trägt. Der Konflikt wird jedenfalls nicht enden, so lange Chile die Mapuche nicht anerkennt.

Stand: 14.01.2018 21:19 Uhr

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