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Südpazifik: Verstrahltes Paradies

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Südpazifik: Verstrahltes Paradies | Bild: NDR

Eine Betonkuppel ragt aus dem Sand der Marshall-Inseln, darunter verbergen sich mehr als 90.000 Tonnen verstrahlter Müll: der "Atomdom". Ein stummer Zeuge der düsteren Vergangenheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Marshall-Inseln bis in die Mitte der 1980er-Jahre Treuhandgebiet der Amerikaner. Und diese nutzten die Region als Testgebiet für Kernenergiewaffen. Mehr als 60 Atombomben detonierten in der Zeit. Ein nukleares Dauergewitter, mit dem die Atolle Eniwetok und Bikini traurige Berühmtheit erlangten.

Kurz-Info:
Die Marshall-Inseln sind zwei Archipel-Gruppen mit 29 Atollen und 5 Inseln im Nordpazifik Ozean, etwa auf der Hälfte der Strecke Hawaii - Australien gelegen. Die Fläche beträgt rund 181 Quadratkilometer, Hauptstadt ist Majuro. Über 72.000 Menschen leben auf den Marshall-Inseln (Quelle: Auswärtiges Amt)

Die Atomtests machten Menschen heimatlos. Dann gingen auch die Amerikaner. Es blieb verstrahlter Müll, nuklearer Schutt und Schrott, aufgetürmt und zubetoniert.

"Manche Kinder waren völlig missgebildet"

Lemeyo Abon
Lemeyo Abon hat ihr Zuhause verloren – zerstört von Bomben. | Bild: NDR

Wut und Enttäuschung 1.000 Kilometer entfernt: Lemeyo Abon lebt auf Majuro. Ihr Zuhause aber war Rongelap, zerstört durch die Bomben. Viele Freunde und Verwandte sind tot oder verstrahlt. Sie selbst hat keine Schilddrüse mehr und es graust ihr, wenn sie an früher denkt: "Die Frauen damals hatten Fehlgeburten. Manche Kinder sahen aus wie Babys, manche waren völlig missgebildet, bei anderen konnten wir bis auf das Gehirn sehen."

Am 1. März 1954 zündeten die USA zünden vor Bikini "Castle Bravo", ihre bis heute stärkste Bombe. Auf Rongelap gehen zwei Sonnen auf. Dort, 150 Kilometer entfernt, schneit es am Nachmittag – Fallout. Die Kinder spielen darin ahnungslos. Erst drei Tage später erfolgt die Evakuierung. Zu spät. Lemeyo Abon wird seitdem regelmäßig untersucht.

"Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Bill Graham
Der "Atomdom" ist "ein peinliches Symbol", sagt Bill Graham. | Bild: NDR

Bill Graham kam in den 1960er-Jahren mit dem US-Friedenscorps auf die Marshalls und blieb. Seit Jahrzehnten hilft er Opfern bei Entschädigungsansprüchen gegenüber den USA. Heute ist er Präsidialberater in Nuklearfragen der Marshall Islands. Mit seiner Heimat geht er hart ins Gericht: "Ich will nicht sagen, dass es Absicht war, die Bewohner zu verstrahlen. Aber als es passiert war, begannen aus meiner Sicht die Menschenversuche. Als man entschied, die Leute schon nach drei Monaten zurückzubringen. Es ist eindeutig ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wenn man ein Volk einem solchen, fortdauernden Risiko aussetzt." Graham wirft den USA vor, dieses Kapitel bis heute zu verdrängen, sie seien ihrer Verantwortung nie gerecht geworden.

Zu geringe Entschädigung, keine offizielle Entschuldigung, stattdessen: strahlende Müllkippen. Im "Atomdom" ruhen Erde und Trümmer aus 43 Tests. Doch der Sarkophag ist nicht ganz dicht. Im Keller entweicht Plutonium. Sein Kleid ist marode. Erst 1980 wurde der "Atomdom" fertiggestellt. Was nicht reinpasst, schieben Bulldozer ins Riff. "Es ist es ein peinliches Symbol dafür, wie die Vereinigten Staaten herkamen, diese Waffentests machten, radioaktiven Schrott verursachten und dann versuchten, alles unter den Teppich zu kehren", sagt Graham.

"Amerika hat unsere Kultur zerstört"

Lirok Joash
Auf einem Inselchen namens Ejit leben im Exil die Heimatlosen von Bikini. | Bild: NDR

Migranten im eigenen Land – auf den Marshallinseln gibt es viele davon. Auf einem Inselchen namens Ejit leben im Exil die Heimatlosen von Bikini. Auch Lirok Joash, 93, ist der Bomben wegen fünfmal umgezogen. Seit ihrem 20. Lebensjahr hat sie eigentlich nur einen Wunsch, erzählt sie ihrem Enkel Alson: Sie will nach Hause. "Die Amerikaner sagten, wir sollen Bikini verlassen. Wir sagten, wir wollen zurück. Das war alles. Ich möchte nach Hause. Hier ist nicht der richtige Ort", sagt Lirok Joash. "Im Namen des Friedens" – so hieß es damals. Ejit ist heute ein überbevölkerter, trostloser Flecken. Und Bikini ein ferner Traum. "Amerika hat unsere Kultur zerstört. Alle Probleme haben wir nur wegen Amerika. Ja, die USA haben mein Leben zerstört", sagt Eduard Besiko, Bewohner von Ejit. Wer je zwei Sonnen gesehen hat, vergisst nicht. Und viele verstehen es auch nicht, bis heute. Das Marshallesische kennt kein Wort für Radioaktivität. Für die Menschen hier heißt es "Gift". Gift für ein ganzes Leben. 

Und jetzt kommt der Klimawandel, das Wasser. Und die Menschen hier verlieren vielleicht bald ein weiteres Mal ihr Zuhause.

Autor: Uwe Schwering, ARD-Studio Tokio

Stand: 12.02.2018 12:12 Uhr

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